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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1897-05-28 · 22 (28.5.1897) · p. Seite 362

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
6 (1897)
Issue
22 (28.5.1897)
Date
1897-05-28
Page
Seite 362 (sequence 14)
Language
German
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Seite 362 Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 22. verurteilt. (Die Leute sollen zu uns nach Deutschland kommen; hier ist eine Beleidigung der „jüdischen Rasse" billiger. Red.) T. Warschau, 13. Mai. (Ein falscher Hirsch.) Die Zeitung „Wiek" erzählt: Ein Warschauer Jude gedachte aus seinem nicht gerade seltenen Familiennamen Hirsch Kapital zu schlagen und schrieb an die Baronin Hirsch, wies ihr seine Verwandtschaft mit ihr nach und bat um Geld zur Eröffnung eines Geschäfts. Nach Verlauf einiger Zeit bekam er auch wirklich eine Antwort vom Sekretär der Baronin; aber was stand in dem Briefe? Die Verwandtschaft mit dem Warschauer Hirsch wurde mit Entrüstung zurückgewiesen, wohl aber lag in dem Brief an Stelle des Geldes ein Billet nach Argentinien und eine Bescheinigung, aus Grund deren der Empfänger unentgeltlich ein Stück Land und eine vollständige Einrichtung erhalten konnte. Herr Hirsch soll mit dieser Antwort sehr unzufrieden gewesen sein. X Algier, 17. Mai. (Antisemitische Exzesse.) In Mostaganem ist es gestern zu sehr gefährlichen antisemitischen Ausschreitungen gekommen, die allerdings, wie behauptet wird, durch einen noch nicht aufgeklärten Angriff seitens jüdischer Individuen selbst hervorgcrusen worden sind. Am 16. Mai nämlich überfiel eine Schar mit Knitteln bewaffneter Israeliten einen Zug aus Orau zu den Rennen nach Mostaganem gekommener Radfahrer, wobei mehrere der letzteren erheblich verwundet wurden. Daraufhin fanden bereits am folgenden Abend ernste Ausschreitungen gegen die Juden statt, die noch immer fortdauern. Die Straßen füllten sich mit drohenden, knittelschwingenden Massen, gegen die alle von der Polizei getroffenen Vorsichtsmaßregeln sich als wirkungslos erwiesen. Bald brachen die Aufgeregten in die Wohnungen und Läden der Israeliten, sowie in die Synagoge ein, vernichteten alles, was ihnen in die Hände siel, und mißhandelten die erschreckten Israeliten. Die Läden derselben wurden geschloffen und, da sich keiner von ihnen am Abende auf den Straßen zeigte, schien sich die Aufregung allmählich zu legen. Plötzlich aber schlug diese wieder in Hellen Flammen empor, als auf den Marktplatz ein mit oranischen Radfahrern angesüllter Wagen einlenkte. Wilde Rufe: „Tod den Inden!" erschallten; die Exaltierten wurden aber durch die alle Straßen besetzt haltenden und die Häuser der Juden scharf überwachenden Militärposten in Respekt erhalten. Die Aufregung dauerte aber die ganze Nacht fort und scheint noch immer weiter um sich zu greifen. Verschiedene Läden wurden geplündert und viele Israeliten schwer mißhandelt. Die zahlreich vorgcnommenen Verhaftungen scheinen ebenso wenig, wie der an allen Ecken angeschlagene Aufruf der jüdischen Gemeinde, der den Angriff gegen die Radfahrer streng verurteilt, die Individuen, die sich dessen schuldig gemacht, als der Justiz verfallen bezeichnet und die Einwohner um Ausrechtcrhaltung der alle Bürger Mostaganems verknüpfenden Eintracht gebeten werden, die aufgeregten Leidenschaften zu besäustigen. Die Maueranschläge der Kultusgemeinde waren wenige Stunden später, trotz der strengen Ueberwachung, herabgerissen. Alan fürchtet den Angriff des Räuberstammes der Hachem, der aus die Stadt losmarschiert. Die Araber sind überhaupt bei diesem Treiben womöglich noch fanatischer, als die französischen Antisemiten. Die Hausthüren werden in den ver- , schiedenen Vierteln verschlossen gehalten und militärisch scharf überwacht. 8r. New-?)ork, im Mai. (Jüdische Arbeiter,) 24 000 Schneider, die für die Geschäfte mit fertigen Kleidern arbeiten, haben die Arbeit niedergelegt. Ihre Hnngerlöhne bieten inderthat genügenden Anlaß dazu. Es ist eine bekannte Thatsache, daß man in New-Iork ein Hemd billiger zusammengenäht haben kann, als in Berlin. Die Zahl der Ausständigen dürfte sich noch bis auf 50 000 vermehren. Man ist besorgt, daß der Ausstand aufrührerische Szenen im Gefolge haben wird. — „Die Juden" wollen nicht arbeiten, sagen unsere Gegner; das ist, wie bekannt, eine frivole Erfindung. Arbeiten wollen sie, bescheiden in ihren Ansprüchen sind sie, aber hungern wollen sie mit Weib und Kind nicht. * Aus den. Gemeinden. Zum Rabbiner in Pinne ist Dr. Louis Lewin aus Jnowrazlaw, — für das gleiche Amt in Oppeln Dr. Leo Baeck, ein Sohn des bekannten Rabbiners in Lissa, — zum Lehrer und Kantor in Barmen Herr Steinberg aus Haltern gewählt. — Am 7. d. M. verschied in Eisenach der emerit. Religionslehrer Jakob Heidungsseld. Der Verewigte versah dort sein Amt seit dem Bestehen der Gemeinde, 33 Jahre lang. Am Grabe sprachen, außer dem Landesrabbiner Dr. Salzer, Herr S. Weinstein im Namen der Gemeinde, der bisherige Vertreter des Verstorbenen, Herr Lehrer Emanuel, und sein Nachfolger, Herr Lehrer E. Meyer. — Das in Breslau allbekannte Kantor Rudolf Dresdnersche Ehepaar (die Eltern des bekannten Schriftstellers Dr. Albert Dresdner) feierte am 25. Mai das goldene Ehejubiläum. Die Einsegnung vollzog Rabbiner Dr. Rosenthal. — Die Besetzung des Rabbinats der Wiener „Schiffschul" begegnet mannigfachen Schwierigkeiten. Es hatte sich eine Fraktion für Herrn Rabbiner Ehrenfeld aus N.-Mihüly gebildet, deren Bestrebungen aber daran scheiterten, daß dieser Rabbiner sich entschieden weigerte, eine Proberede zu halten. Nunmehr sind zwei orthodoxe Rabbiner Ungarns als ernste Kandidaten für diesen Posten in Aussicht genommen. Es sind dies die Rabbiner Fürst in Eperies und Straffer in Tyrnau. — Vakanzen: Zürich. Orthod. Privatsch. für kl. Ort. Fix. 1000—1200 Fr. u. fr. Kost. Meld. an Rabb. Dr. Littmann. — Argenau. Sof. Rl. K. Sch. Fix. 1100, Nbk. ca. 400 Mk. und fr. W. Meld. an I. Schrubski. — Illingen (Bez. Trier). Zum 1. 7. mus. geb. K. Sch. Fix. 1350, Nbk. 150 Mk. u. fr. W. Meld. an A. S. Levy. — Kirchen (Amt Lörrach, Baden). Rl. K. Sch. Fix. 700, Nbk. ca. 400 Mk. — Karbach. Sof. El. Rl. K. (auch Pred.). Fix. (vorläus.) 1000-1200 Mk. u. fr. W. _ Feuilleton. Der Klausner? Von Leo Härzberg-Fränkel. Es ist Sabbat Nachmittag und die Stube menschengefüllt. Der Mesjingkandelaber steigt blank von der Decke herunter. Die Tische tragen sabbatlich ihre weißen Schleier, das Zimmer *) Wir haben diese ergreifende Skizze des entschlafenen Ghettodichters aufgestöbert, weil sie implicite ein Kommentar ist zu der

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