Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 6 (1897)
- Issue
- 22 (28.5.1897)
- Date
- 1897-05-28
- Page
- Seite 356 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 356. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 22. die Ziffer von ca. 6 Millionen Seelen und die jüdische Einwohnerschaft bildet gegen 12 Prozent der Gesamtbevölkerung. Gegen 80 Prozent leben vom Ackerbau, diese sind aber nicht imstande dem Boden so viel zu entringen, um die Bedürfnisse eines Kulturmenschen halbwegs zu befriedigen. Die allgemeine prekäre Lage der agrarischen Kreise kommt hier doppelt zum Ausdrucke, denn die Bodenkomplexe sind stark zersplittert, ausgeteilt, die Getreidepreise sinken von Jahr zu Jahr, und wenn der Landmann einen Ueberschuß zum Markte briugt, so ist der hierfür gewonnene Erlös nicht ausreichend, um damit seine Ausgaben, Steuern, Kleidungsstücke u. s. w. zu decken. Er ist also nicht kauskrästig und infolge dessen leidet auch der Geschäftsmann. Ein großer Teil des Grundbesitzes konzentriert sich in den Händen des Hochadels, uud diese Herrschaften befriedigen ihre noblen Passionen meistenteils im Auslande. Ihre arrondierten Liegenschaften, der Großgrundbesitz drückt auch aus die öffentliche Meinung, denn der Großgrundbesitz als solcher entsendet 20 Abgeordnete ins Parlament und deshalb haben die Schlachzizen alle Macht in Händen, von der sie den ausgiebigsten Gebrauch für ihre Kaste machen. Jeder Pole, der sich zu den besseren Ständen zählt, spielt den Kavalier, und als solcher kann er sich zum Radauantisemitismus nicht bekennen. Im Gegenteil! Er hat seine Parteijuden, diese sind auf ihren Protektor stolz und dienen ihm unbewußt als Werkzeug. Der vielvermögende Polenklub im Reichsrate zählt jetzt 6 jüdische Mitglieder in seiner Mitte, die aber nicht mucksen dürfen, denn sie wissen, daß ihre Wahl nur mit Hilfe der kompetenten Kreise möglich war. Pro forma also sind die galizischen Juden im Parlament vertreten, in Wirklichkeit aber hat das jüdische Volk keine Repräsentanten, denn der Klubzwang macht jede Initiative unmöglich. Die Herren Schlachzizen aber paradieren mit ihren jüdischen „Kollegen", weisen mit Emphase den Antisemitismus weit von sich, während sie ihn im stillen nachdrücklichst bethätigen. Sie stehen an der Spitze einer jeden Aktion, die dahin zielt, die Juden aus ihrem Besitzstände zu verdrängen, unter ihrer Patronanz entstehen die famosen „landwirtschaftlichen Verbände" — Rolkardnicze — die eingestandenermaßen nur den Zweck haben, den Juden den kleinen Handel zu entreißen. Und was sagen hierzu unsere Großen? Sie lassen sich in allerhand Vertretungskörper wählen, haben die „Würde", aber ohne „Bürde". Sie „machen" im polnischen Patriotismus, d. h. in Chauvinismus, denn ihre Thätigkeit gipfelt darin, alles, was nicht polnisch, zu verdrängen und zu unterdrücken. Sie klammern sich an die Rockschöße der jeweiligen Regierung, tragen dazu bei, jede Volksregung, von welcher Seite immer zu unterdrücken, treiben allerhand Wahlmißbräuche und wollen nur ihre Knopflochschmerzen befriedigen. Während man allenthalben sich angelegen sein läßt, die Lage des kleinen Mannes zu verbessern, ihn widerstandsfähiger zu machen, sehen die Gewählten im galizischen Israel ruhig zu, wie dem kleinen Manne der Boden förmlich unter den Füßen entzogen wird, wie alles sich gegen ihn organisiert und sie schlummern gemütlich aus ihren kurullischen Stühlen, die Hände über dem Schmeerbauche verschränkend. Sie kennen nicht die Pflichten des Besitzes, haben kein Herz für ihr Volk und beuten es nur aus, indem sie ihm die Mandate entlocken, ohne sich bis zur nächsten Wahl seiner nur zu erinnern. So ist es bei den Wahlen in die legislativen Vertretungskörper, und nicht besser geht es bei den Wahlen in die diversen Kultusvorstände zu. Das ganze Land wird von einer Klique beherrscht, die alles terrorisiert, und von der Korruption angeekelt, ziehen sich die anständigen Elemente resigniert zurück. In Galizien sterben jährlich hunderte von Leuten den Hungertod. Der Galizier ist überhaupt schlecht genährt, und deshalb ist seine Arbeitsleistung eine geringfügige. Diese Behauptung hat ein Mitglied des reichsrätlichen Polenklubs, Szczepanowski, in seinem Werke „Nendza Galicgi" — die Notlage Galiziens — das bei seinem Erscheinen solch ein trauriges Aussehen erregte, ausgestellt und auch statistisch bewiesen. Zum erstenmale hatte ein Pole, der überdies auf nationalökonomischem Gebiete eine Autorität ist, den Mut, seinen Konnationalen die Wahrheit zu sagen und sie darauf aufmerksam zu machen, welcher Zukunft sie entgegengehen. Szczepanowski, der in mehreren Ländern die wirtschaftlichen Verhältnisse studiert hat, hat sehr viel zur Entwicklung der Naphtaindustrie beigetragen, ist Besitzer mehrerer Naphtagruben, und seine Stimme fand im Lande ein mächtiges Echo. Er war der erste, der aus das galizische Elend hinwies, und Mittel und Wege namhaft machte, wie diesem langsam zu steuern sei. Ec hatte die Kourage, einen Aderlaß, eine kleine jährliche Auswanderung anzuempfehlen, eine Steigerung der Bodenerträgnisse durch einen rationellen Anbau und Hebung der Ertragsfähigkeit durch Anwendung aller technischen Errungenschaften der Neuzeit. Trotzdem das Elend der Juden Galiziens ein himmelschreiendes ist, haben manche polnischen Organe die Frechheit, auf jüdischen Reichtum hinzuweisen. Weil hie und da ein Jude ein kleines Vermögen hat, wollen sie das bodenlose, unergründliche Elend der Massen nicht sehen. Szczepanowski hat in seinem Werke, das aus offiziellen Daten basiert, den Beweis erbracht, daß der Jude im Durchschnitte viel weniger verdient als der Christ, dafür aber bedeutend sparsamer ist, und werzn er was erübrigt, so spart er sich das vom Munde ab. Ueberdies sind ihm viele Subsistenzmittel, die obendrein mit sozialer Stellung und Einfluß verbunden sind, die Beamtenstellen verschlossen und während jedem Volke, jeder Volksklasse ein Teil der Steuerleistung durch öffentliche Anstellung vom Staate zurückerstattet wird, müssen die Juden, trotz der gepriesenen Gleichberechtigung, aus dieses Entgelt verzichten, was in Galizien um so mehr in die Wagschale fällt, als bei uns, da der eigentliche Bürgerstand noch schwach entwickelt ist, das Beamtentum eine dominierende Stelle einnimmt. Im Staatsdienste gehören jüdische Beamten zu den Seltenheiten, und im Kommunal- und Landeskomitee kann man sie an den Fingern abzählen. Aus die Industrie können sie sich auch nicht werfen, da, wie gesagt, der Großbetrieb noch ganz darniederliegt und wohl schwerlich florieren wird. Die Zugehörigkeit Galiziens zum österreichischeu Staatsverbaude wird in diesem Kronlande schwerlich eine Industrie aufkommen lassen, da die kapitalkräftigeren und kulturell höher stehenden westlichen Provinzen alles mit ihrer Konkurrenz erdrücken. Möglich, daß es mit der Zeit gelingen wird, manche Artikel, für welche das Rohmaterial an Ort und Stelle vorhanden ist, für den Lokal-