Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 6 (1897)
- Issue
- 22 (28.5.1897)
- Date
- 1897-05-28
- Page
- Seite 355 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 22. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 356. Reform, der meint, es handelt sich um eine Kraftprobe zwischen Hildesheimer und Maybaum. Kurzsichtigkeit! Thorheit! Es handelt sich um den ganzen Geist der Neuzeit, es handelt sich darum, ob der ganze Einfluß, den die moderne Umgestaltung des ganzen Lebens und Denkens ans das Judentum ausübt, darin bestehen kann, daß der Jude früher sich an Purim „verstellt" hat, während er jetzt einen Masken-Ball besucht, und dergleichen Maskerade mehr, oder ob dieser Einstuß auch beim Judentum in die Tiefe dringt? Die Orthodoxie schwimmt obenauf, denn sie ist Oberfläche, darum macht sie sich bemcrklich, und das hält man für „Lebensfähigkeit." Die „Reform" steckt in den Gliedern, im Herzen, in der Tiefe der ganzen Denkungsart; das sieht inan nicht, darum zweifelt man an der „Lebensfähigkeit." Ja, die Reform steckt viel tiefer, als man ahnt, sie steckt den Orthodoxen viel tiefer in den Gliedern, als ihr gutgespielter Mangel an Selbsterkenntnis das zugeben kann. — Die Frage: „Was fehlt der Reform zur Lebensfähigkeit?" ist falsch gestellt; sie muß lauten: „Was ist das Wesen der Reform?" Gallische Finsternis. Tie „Schnorrbriefe aus Galizien" sind in letzter Zeit wiederholt Gegenstand öffentlicher Erörterung geworden, nachdem sie Jahre lang ein öffentliches Aergcrnis abgegeben haben. Ein bekannter Rabbiner in Bayern warnte in jüdischen Fach blättern, auf diese Bettelbriefe zu reagieren, und die neuerrichtete Zentralstelle für jüdische Wohlthätigkeits- Anstalten in Berlin hat diese Warnung in politischen Tageszeitungen wiederholt. Daß wir seit Jahr und Tag alle Fragen über den Wert solcher Anschreiben regelmäßig dahin beantwortet haben, daß diese nur einen Platz haben, der ihrer würdig: den Papierkorb, ist den Lesern bekannt; allein gerade deshalb haben wir andererseits wiederholt Gelegenheit genommen, aus das schier beispiellose Elend hinzuweisen, unter dem die Juden in Galizien seufzen, damit nicht das Gesamturteil durch die lästige Bettelbriesfabrikation getrübt werde. Diesem Verfahren schließt sich jetzt ein anderes jüdisches Blatt, der Mainzer „Israelit" an, indem es sich aus Krakau einen Situationsbericht über die Lage der Juden in Galizien im allgemeinen und die Entwickelung der Bettel-Industrie im besonderen senden läßt. Ter Bericht bestätigt und ergänzt unsere eigenen Mitteilungen und zeigt uns, wie aus den Armen in Galizien Bettler und aus den Bettlern Schnorrer werden, — daß sie es werden, weil sie es werden müssen. Der Korrespondent schreibt unter anderem: Die traurige wirtschaftliche Lage der Juden Galiziens verschlimmert sich zusehends. Weite Schichten der Bevölkerung werden aus ihren, sozusagen erbgeseffenen, Berufen depossediert, sinken zum Poletrariat hinunter, denn neue Nahrungszweige erschließen sich ihnen nicht, und die alten werden ihnen durch eine Maulwurfsarbeit ihrer politischen Gegner langsam aber stetig entzogen. Der Zwischenhandel wird ihnen entrissen, die Produktion war nie ihre starke Seite, war ihnen überhaupt nur schwer zugänglich, woher also den Konsum bestreiten? In den Landstädten, in den Dörfern entstehen die christlichen Verkanfsläden, wie die Pilze nach einem Regen; sie werden sogar, unter dem Vorwände, den „inländischen" Handel zu unterstützen, von den autonomen Landesbehörden subventioniert, und verkrachte Subjekte finden bei diesen „patriotischen" Unternehmungen Amt und Brot. Auf die Kundschaft wird eine moralische Pression ausgeübt, sie muß nolens volens im „christlichen" Geschäfte ihren Bedarf decken, der Produzent verkauft seine Naturerzeugniffe direkt an diese „arischen" Gemischwarenhandlungen, und der jüdische Krämer hat das Nachsehen. Er ist wohl unternehmender, geschäftstüchtiger, rühriger; gegen eine Organisation aber, gegen die Sekkatnren ans Schritt und Tritt kann er nicht aufkommen und überdies fehlt ihm das Betriebskapital. Und so wird er immer mehr zurückgedrängt, an die Seite geschoben, lungert müssig an der Stätte seiner früheren Thätigkeit, am Marktplatze und schaut hilfesuchend um sich, ohne einen Stützpunkt für seine schwachen Kräfte finden zu können. Was soll er beginnen? Ein Handwerk erlernen? Dazu isUs zu spät. Ein Tagelöhner werden? Dazu reichen meistenteils seine Kräfte nicht aus, und überdies dürfte er als solcher schwerlich genügende Beschäftigung finden. Obendrein dünkt er sich, ausrichtig gesagt, hierzu zu gut, denn er zählt sich, und das mit Fug und Recht, zur Intelligenz, er besitzt durchwegs talmudisches Wissen. Die Beispiele der glorreichen klassischen Vergangenheit, die Koryphäen der jüdischen Gelehrtenwelt, die ihr Studium nicht als Broterwerb betrieben, sondern kümmerlich von ihrer Hände Arbeit lebten, können ihm nicht als Ansporn und Muster dienen, denn er ist schließlich doch zu sehr ein Produkt seiner Zeit, ein Kind eines halbzivilisierten Landes, in welchem die körperliche Arbeit verachtet und der Arbeiter gesellschaftlich noch immer als ein Paria betrachtet wird. Dagegen bäumt sich sein einseitiges Ehrgefühl aus, und er zieht es vor zu verkommen, als zu solch einer Beschäftigung zu greisen. Ein Bettelbrief demütigt ihn nicht so sehr, denn die Charaktereigenschaft des Selbstbewußtseins war bei ihm nie stark entwickelt, und der bei ihm sehr stark ausgeprägte Erhaltungstrieb diktiert ihm von selbst den Schnorrbries. Die Achtung seiner Genossen verliert er auch hierdurch nicht. Im Servilismus ist er ausgewachsen; der galizische, der polnische Jude hat sich immer ducken müssen, Jammergesichter sind an der Tagesordnung, ein Gesicht für den Familien-, für den engeren Kreis und ein zweites fürs Marktgewühl. Der Andersgläubige hat ihn mit Füßen getreten, sein sogenannter modern-intelligenter Glaubensgenosse hat ihn nie kennen wollen. Von den Juden Deutschlands ist zu ihm die Kunde gedrungen, daß sie zwar nach galizischen Begriffen nicht rigoros fromm, dafür aber reich und sehr wohlthätig seien, Grund genug also, sie anzuschnorren. Galizien ist die ärmste, kulturell zurückgebliebenste Provinz Oesterreichs, und die wirtschaftliche Notlage findet in der minimalen Steuereintreibung ihren Ausdruck. Die Handlungsbilanz ist eine passive, der Import übersteigt um ein Erkleckliches den Export, trotzdem die Bedürfnisse der Bevölkerung sehr geringfügige sind. Es werden kaum Anläufe zu einer Industrie gemacht, der Kleinbetrieb, das Handwerk, läßt auch zu wünschen übrig und der Ackerbau wird nicht rationell betrieben. Galizien ist verhältnismäßig zu dicht bevölkert, die Eiuwohnerzahl erreicht