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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1897-05-28 · 22 (28.5.1897) · p. Seite 354

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
6 (1897)
Issue
22 (28.5.1897)
Date
1897-05-28
Page
Seite 354 (sequence 6)
Language
German
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Seite 354. Allgemeine Israelitische Wochenschrift Nr. 22. Freilich wer unter der Suggestion der Phrase vom religiösen Jndifferentismus steht, der hat eben keinen Sinn für die Wirklichkeit. Der ist von einer eingebildeten Vorstellung beherrscht und er sieht nur, was der Hypnotiseur ihn sehen lassen will. Befreit man sich aber von düser Wahnvorstellung: wer wollte sich dann der Thatsache verschließen, daß mehr als 90 Prozent aller deutschen Inden — und ebenso aller französischen, aller amerikanischen und wohl auch aller österreichischen — durchaus aus dem Boden der Reform stehen? Für jeden, der Augen hat, um zu sehen, und nicht dazu, um sich blenden zu lassen, beweist diese einfache Statistik, daß die Reform wenigstens neunmal so viel Lebenskraft und Lebensfähigkeit besitzt als die Orthodoxie. Rur ist die Orthodoxie ein kleiner Gernegroß, und da die Reform in der Fülle ihrer Riesenkraft zur Bescheidenheit und Koulanz geneigt ist, spielt sich der Däumling „Orthodoxie" als den Simson auf, der mit dem Eselskinnbacken die Philister besiegt hat. Ja, wenn nichts weiter zum „Simson" gehörte, als ein „Eselskinnbacken", dann wäre die Dynastie in der Gipsstraße eine fürchterliche Großmacht. Die Mücke krabbelt aus dem Löwen herum unb jubelt, der Löwe sei tot, prahlt und ist vielleicht in ihrer Mücken-Philosophie sogar der Ueberzeugung, sie habe niit ihrem Herumkrabbeln den Löwen getötet, während es die Mücke nur ihrer Unbedeutenheit verdankt, daß der Löwe keine Notiz von ihr nimmt. Freilich eine Mücke im Ohr oder in der Nase kann auch den Löwen rasend machen, aber damit bleibt die Mücke doch eine Mücke und der Löwe ein Löwe. Man darf „Reform" und „Orthodoxie" nicht losgelöst von der Kultur des 19. Jahrhunderts betrachten. Was ist denn die Reform im Judentum? Ist sie denn etwas Willkürliches, etwas Vereinzeltes, etwas Krankhaftes, etwas außer Zusammenhang mit der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit sich breit Machendes? Nein, die „Reform" ist ein notwendiges Produkt des Einflusses, den die Kultur des 19. Jahrhunderts unausbleiblich auf das Judentum, wie auf alle Bekenntniskreise ausüben mußte. Die naive Weltanschauung des inittelalterlichen Judentums ist für den wahren Bürger des 19. Jahrhunderts eine Unmöglichkeit; der Geist, den die Unendlichkeit Gottes gegenüber den Maßstäben von „Lichtjahren" und „Lichtjahrhunderten" durchschauert, ist beim besten Willen nicht imstande sich die göttliche Gesetzgebung so kleinlich zu vermenschlichen, daß Gott dem Moses die schiur mikwo z. B. und dergleichen, „mündlich" mitgeteilt habe. Das ist eben unmöglich. Das ist der Geist ver Reform. Und diese von der Wissenschaft und dem Leben unserer Zeit notwendig erzeugte geschichtliche Erscheinung „Reform", sollte nicht lebensfähig sein? Das ist „Mücken"-Gesumme. Glaubt denn etwa jemand ernstlich, daß das Rad der Zeit sich zurückschrauben läßt, weil einige Siebenschläfer zurückgeblieben sind, und nun gegen das vorausgeeilte Zeitenrad mit allen Schätzen des Schimpfwörter - Lexikons Herumschwadronnieren? Ach ja, das orthodoxe Rabbiner-Seminar hat das Zaubermittel entdeckt, um die Reform tot zu machen: es knüpft die Erteilung der nanin mnn, die der Rabbinats- Kandidat in einem Revers anerkennen muß, niemals die Orgel in der Synagoge für erlaubt erklären. Und Ihr zweifelt noch am Leben und an der Lebensfähigkeit der- Reform? Wie viel Schwäche, wie viel Agonie, wie viel Verwesung verrät nicht dieser Wisch von „Revers"? Das ist die Angst der Gespenster vor Morgenluft. Nur keine Orgel in der Synagoge, daun kann die Sonne nicht mehr ausgehen! Die Herren haben Recht; die Sonne wird nicht mehr aufgehen, sie ist längst aufgegangen. Aber die Herren haben ein probates Mittel, dem Sonnenaufgang auszuweicheu: sie stecken den Kops in den Sand und streuen den Leuten Sand in die Augen! Die Herrn sind aber zurückgeblieben, sie sehen nicht, was um sie herum vorgeht. — Von Zunz erzählt man eine höchst bezeichnende Anekdote. Dr. Lehmann traf einmal zufällig mit Zunz zusammen. „Wie freut es mich" — sprach Dr Lehmann — „den Meister der jüdischen Wissenschaft kennen zu lernen! Mein Name ist Dr. Lehmann, Redakteur des „Israelit"." „S i e sind Dr. Lehmann?" fragte Zunz verwundert, — „Sie leben noch? Ich dachte. Sie hätten vor 500 Jahren gelebt!" — In dieser Anekdote steckt die Wahrheit über die Lebensfähigkeit der Reform und der Orthodoxie. Die „Reform" ist keine Partei, sie ist kein Verein, sie ist überhaupt keine Organisation, keine künstliche Erscheinung. Die Reform ist das — 19. Jahrhundert. Die Reform ist die Weltanschauung des Kopernikus. Die Reform ist das Judentum der Gegenwart, während die Orthodoxie das Judentum des Aristotelismus ist. Das Judentum unter dem Einfluß der Entdeckungen Lavoissiers, Robert Mayers, Darwins, Max- Müllers, Astrucs und Nachfolger muß eben ein anderes Judentum sein, als die Stabilität der Orthodoxie. „Stabilität" — das ist der absolute Gegensatz zu der modernen Weltanschauung. Das Wesen der modernen Weltanschauung besteht darin, jede Erscheinung, sei es der Natur, sei es der Geschichte nur ein Glied in der großen Kette der Entwickelung zu betrachten. Das ist die Negation der Stabilität im Großen, das ist die Idee der Deszendenz. In der modernen Weltanschauung giebt es keine stabile Sprache und keine stabile Nation und keinen stabilen Einzelorganismus und keine stabile Erde und keine stabile Sonne und kein stabiles Universum: „Stoffwechsel" ist die große Perspektive, unter der alles angeschaut wird. Wenn der Gymnasiast heute sein men8L, mensae re. lernt, wird ihm schon beigebracht, daß er keine ewig stabile Form vor sich hat, sondern eine Phase der unendlichen Enwickelung, dem Sprachschüler so gut wie dem Schüler der Botanik, der die Konstruktion einer Blattform mit der Lupe erforscht. Das liegt heute im Blut: Stabilität ist Unsinn! Und die Religion wollte Stabilität predigen, die Religion, die das Individuellste aller Individualität ist? Die Orthodoxie sollte das Judentum Kat exochen sein, die starre, das Prinzip der Stabilität verkörpernde Orthodoxie? Die Reform, die in der Religion das Prinzip der Entwicklung darstellt, sie sollte nicht lebensfähig sein, weil einige Faiseurs der Orthodoxie eine gute-Lunge haben, oder weil einige Reform-Rabbiner bei der Rekonstruktion des Rabbiner-Verbandes von einigen orthodoxen Rabbinern übertölpelt wurden? Wer die „Lebensfähigkeit der Reform" in Zweifel zieht, der hat eben keine Ahnung von dem Wesen der

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