Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 6 (1897)
- Issue
- 22 (28.5.1897)
- Date
- 1897-05-28
- Page
- Seite 353 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 22. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 353. 81,000 Mark. Das sind allerdings erschreckende Ziffern. Sie zeigen in erschreckendem Lichte die Finanzwirtschaft des seitherigen Regime. Solche Kosten dürfen die Synagogen einer Gemeinde nicht verursachen, die an Synagogen Mangel leidet. Es ist auch nicht nötig, weder daß mit solchem Aufwand gebaut, noch daß so kostspielig verwaltet wird. Man kann bescheidene Synagogen mit 250,000 Mk. und weniger Herrichten, so daß die Zinsenlast und der gesamte Apparat 120,000 Mk. brutto nicht übersteigen. Freilich, Prunksynagogen giebt es dafür nicht, auch nicht Prunkprediger und Kantoren, die blos aus äußeren Rücksichten nicht zur Oper gegangen sind. Aber das Notwendige läßt sich damit in würdiger und befriedigender Weise leisten. Es braucht nicht einmal ein Chor zu fehlen, obwohl dieser allein, selbst bei bescheidenem Umsange, jährlich 3500 Mk. kostet. Man wende nicht ein, daß dies unmöglich sei, komme nicht mit den hohen Grundstückpreisen und den verteuernden polizeilichen Anforderungen! Was in dieser Richtung vorgebracht wird, ist Mythe, die dadurch nicht zur Wahrheit wird, daß Einzelne sie ohne Prüfung und gutgläubig nachbeten. Denn der Beweis liegt zu Tage, wir haben thatsächlich Synagogen, die noch billiger sind, als eben angegeben! Die hohen Kosten sind es, mit denen der Vorstand sich gegen das Ansinnen neuer Synagogenbauten wehrt. Wenn das ausrichtig gemeint und nicht ein bloßer Vorwand wäre, der die Abneigung gegen Synagogenbauten überhaupt und namentlich gegen den Bau solcher Synagogen verstecken soll, die nicht der Reformrichtung dienen, so müßte der Vorstand heilfroh sein, daß Privatgemeinden sich bilden, die dem Bedarf entsprechende Einrichtungen schaffen, die Kosten zum Teil selbst aufbringen und lediglich einen Zuschuß aus Gemeindemitteln verlangen, der den obigen Voranschlag noch nicht einmal zur Hälfte erreicht. Der Religionsverein „Westen" hat dies gethan; er hat in der Passauerstraße eine schlichte Synagoge mit 700 Plätzen gemietet und freundlich ausgestattet, mit gutem Chor versehen, Prediger und Kantor angestellt, zudem eine Religionsschule eingerichtet, und hierzu verlangt er von der Gemeinde einen Zuschuß von nur 6000 Mark. Der Vorstand, sollte man glauben, würde mit allen Fingern zugreisen. Nach seiner Rechnung könnte er ja so billig niemals zum Ziele gelangen. Das Bedürfnis ist unbestreitbar, denn der Religionsverein „Westen" zählt über 140 Haushaltungsvorstände zu Mitgliedern, seine Synagoge ist allsabbatlich, vielfach auch an Wochentagen gut besucht, seine Kultuseinrichtungen sind, dem Wunsche der Mitglieder entsprechend, nach dem Ritus der alten Synagoge gestaltet, ohne Orgelgebraus, aber erhebend, und seine Religionsschule findet von Monat zu Monat gesteigerten Zuspruch. Da der Vorstand für die Synagoge Charlottenburg ein Zuschuß von 8000 Mark für angemessen hält, obwohl diese nur 300 Plätze saßt, die übrigens nicht beansprucht werden, und obwohl die damit verbundene Religionsschule nicht leben kann, so sollte er logischerweise 6000 Mark für den Religionsverein „Westen" übrig haben. Doch nein, der Vorstand findet selbst 4000 Mark, die von den Repräsentanten schon einmal bewilligt waren, zu viel und will über 3500 Mark nicht hinausgehen. Herr Justizrat Meyer, der aus Scheu vor den hohen Kosten, keine Gemeindesynagogen bauen mag, empfindet es schmerzlich, daß Gemeindemitglieder thun, was die Gemeindeverwaltung versagt, und spricht despektierlich von den Männern, die mit Sonderopfern sich selbst schaffen, was die Gemeinde ihnen schaffen sollte. Er zürnt den Männern, die Vereine gründen und Synagogen einrichten, ohne den Vorstand zuvor zu befragen. Was für eine Antwort würden sie denn bei einer Vorfrage von ihm erhalten? Lautete sie nicht a limine ablehnend, so würde er doch mindestens den Nachweis des Bedürfnisses verlangen. Nun wohl, hier haben opferbereite Männer die Gefahr aus sich genommen und die schweren Lasten getragen, um den Bedürsnisnachweis zu erbringen. Der Zuspruch, den sie gefunden, zeigt, daß sie Recht gehabt, und — jetzt werden sie gescholten, weil sie Recht gehabt, und um den mageren Zuschuß wird gefeilscht. Hier wird Eines übersehen: Der Religionsverein „Westen" domiziliert in Charlottenburg, und er könnte, nachdem die Eingemeindung Charlottenburgs in Berlin ins Ungewisse vertagt ist, auf den Gedanken einer Trennung kommen. Was hat er denn von dem Begräbnisverein, der sich jüdische Großgemeinde Berlin nennt? Einen Friedhof kann er aus dem Vermögensanteil, der ihm bei der Trennung zusallen müßte, am Ende noch erstehen. Ich bemerke sogleich: mir sagt der Gedanke der Trennung nicht zu, und ich werde ihn mit allen Kräften bekämpfen. Aber etwas Einschmeichelndes hat er auch für mich, sofern er eine kleine Umgestaltung erfährt. Es giebt eine Trennung, die keine Spaltung bedeutet, eine Trennung nicht von der Gemeinde Berlin, sondern von deren Vorstande. Wie wäre es, Herr Justizrat Meyer, wenn wir uns von einander trennten? Divorcons ä l’amiable! Ihnen wäre geholfen — und uns erst! M. A. Klausner. Mas fehlt der Reform?uf ledeilsfiilMlmtN M. Frankfurt a. M., im Mai. Mehr als vier Wochen sind verstrichen, seitdem ich am Schluffe meines Artikels: „Die Phrase vom religiösen Jndifferentismus" das Versprechen gab, meine Ansicht über das, was der Reform zur Lebensfähigkeit fehlt, hier auseinander zu setzen. Werde ich dieses Versprechen einlösen, diese aUe Schuld bezahlen können? Nun, mir ist gar nicht bange. Auf die Frage: „Was fehlt der Reform zur Lebensfähigkeit?" antworte ich kurz und präzis: Nichts! ,Nichts? Sie scherzen!' — O nein, ich meine es ganz im Ernst: der Reform fehlt nichts zur Lebensfähigkeit. Thatsache ist, daß die Reform lebt: warum sollte ihr etwas zur Lebensfähigkeit fehlen? Was lebt, ist lebensfähig, denn sonst lebte es nicht. Oder wollte jemand die Thatsache bestreiten, daß die Reform lebt? Nun, so mögen Zahlen beweisen. In Deutschland sind ungefähr 600000 Juden, davon sind ungefähr 20- bis 50000 Orthodoxe und wenigstens 550000 Reformer — und die Reform lebte nicht? *) Eine Erwiderung auf die folgenden Ausführungen behalten wir uns für die nächste Nr. vor, obwohl uns der Kampf gegen die Partei-Orthodoxie nichts angeht. Red.