Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 6 (1897)
- Issue
- 22 (28.5.1897)
- Date
- 1897-05-28
- Page
- Seite 352 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 352. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 22. Herrn denken, mit kräftiger Hand zerrissen hat. Es giebt noch konservative Rabbiner in Deutschland, deren Charakterfestigkeit höher gilt als alle diplomatischen Künste. Namentlich Herr Oberrabbiner Hirsch in Hamburg hat ein entschiedenes Wort gegen das unnatürliche Bündnis gesprochen, vor dem alle Weltmachtpläne des Duumvirats Maybaum-Hildesheimcr (abermals ist nicht der alte Herr darunter gemeint) wie Seifenblasen platzten. Rabbi Pompejus und Redakteur Cäsar werden nicht Universalherrschast über die Judenheit unter sich teilen dürfen. Im Interesse des liberalen Judentums müssen wir es jedoch aufrichtig bedauern, daß von dieser Seite kein energischer Protest gegen jenes Bündnis erfolgt ist, daß man es von dieser Seite, wenn auch nur stillschweigend, geduldet, daß Rabbiner Maybaum sich angemaßt, im Namen sämtlicher freisinnigen Rabbiner den Frieden mit dem Gipsstraßen- Alexander zu schließen, der die ganze Judenheit, zum mindesten aber die in Deutschland, als Operationsfeld für seine verdienstvolle Thätigkeit braucht. Diesmal hat sich die orthodoxe Richtung viel charaktervoller und thatkräftiger benommen; dem religiösen Froschmoluskentum, das dem neugeschaffenen Verbände Pate gestanden, aus den Reihen wenigstens unsrer geistlichen Führer verdrängt. Sie hat eine reinliche Scheidung herbeigeführt, — ein Epitheton, das wir der geplanten Vereinigung nicht beilegen können. Divor 90118! Am 16. d. M. hat die Repräsentantenversammlung der Berliner Gemeinde sich mit der Eingabe des Zcntralvereins wegen des Baues dreier neuen Synagogen und mit dem Anspruch des Religionsvereins „Westen" aus einen Zuschuß von 6000 Mk. beschäftigt. Als Mitglied des Zentralvereins und des Religionsvereins „Westen" an diesen Verhandlungen der Gemeindevertretung persönlich interessiert, nehme ich mir die Freiheit, auf die von Seiten der Repräsentanz und namentlich des Vorstandes zur Sache gethanen Aeußerungen hier näher einzugehen. Die beiden Eingaben sind zwar von einander völlig unabhängig, doch ist ihre innere Verwandtschaft nicht zu verkennen. Der Zentralverein will, daß die Gemeindebehörden drei Synagogen aus Kosten der Gemeinde neu einrichten, damit die Synagogennot, die in vielen Teilen der Stadt groß ist, gemildert werde; der Religionsverein „Westen" hat in seinem Bezirk durch Einrichtung einer Synagoge diese Not beseitigt, hat auch eine Religionsschule geschaffen, die bereits von mehr als 50 Kindern besucht ist, und verlangt aus Gemeindemitteln einen Zuschuß in der erwähnten Höhe, während er die überschießenden Kosten aus freiwilligen Beiträgen seiner Mitglieder aufbringt. Der Antrag des Zentralvereins enthält also eine Mahnung an die Gemeindevertretung, Obliegenheiten zu erfüllen, die bisher vernachlässigt gewesen sind; der Religionsverein „Westen" hat aus eigener Kraft gethan, was die Gemeinde hätte thun sollen, und fordert dazu nur eine Zubuße. Außerdem hat der Zentralverein auf die mangelnde Feuersicherheit der Kaiserstraßen-Synagoge aufmerksam gemacht, der es an der wünschenswerten Zahl von Ausgängen zu schleuniger Evakuierung fehlt, deren Riesen-Kronleuchter aus Papiermache besteht, deren Träger sämtlich aus Holz sind, das in seinem gedörrten Zustande leichter Entzündung ausgesetzt ist. Diesen Punkt möchte ich vorweg erledigen. Man sollte meinen, daß Dank verdient, wer aus so argen und gefährlichen Mißstand aufmerksam macht. Das war auch die Meinung des Herrn Leonhard Sachs, Referenten in der Repräsentantenversammlung. Der Vorsitzende des Vorstandes aber, Herr Justizrat Meyer, wollte davon nichts wissen. Nur die Repräsentanten bildeten die Vertretung der Gemeinde, und ihrer Würde entspreche es nicht, eine andere Vertretung, sei es selbst durch einen Verein mit großer Mitgliederzahl, anzuerkennen. Herr Justizrat Meyer hat Recht, wie immer: die amtliche Vertretung der Gemeinde liegt allein bei der Repräsentanz. Aber einige Rücksicht dürser die Mitglieder eines großen Vereins schon beanspruchen, wäre es auch nur, weil sie die Wähler der Repräsentanten sind. Das gehl freilich Herrn Justizrat Meyer direkt nichts an, denn ihn haben nicht die Mitglieder der Gemeinde gewählt und er sagt sich vielleicht im lieben Gemüte, daß sie ihn niemals wählen würden. Doch wäre es selbst genau so, wie Herr Justizrat Meyer sagt, wöge der Wähler nichts, gar nichts gegenüber dem Gewählten — für durchaus allwissend wird Herr Justizrat Meyer den Gewählten nicht gelten lassen, auch nicht für unbelehrbar, so daß die Auffassung eines anderen Repräsentanten, des Herrn Louis Sachs, bestehen bleibt, man habe Ursache, einen Zustand zu prüfen, den eine Vereinigung aon Männern als gefahrvoll bezeichnet. Es geht nicht an, zu warten, bis etwa ein Vorstandsmitglied von solcher Gefahr etwas merkt, schon deshalb nicht, weil unsere Vorstandsmitglieder es nicht für ihre Pflicht ansehen, regelmäßige Synagogenbesucher zu sein. Man kann eine Wette daraus eingehen, daß von einem Unfall in der Kaiserstraßen-Synagoge die Herren Vorstandsmitglieder erst aus den Zeitungen hören würden. Herr Meyer allerdings hat die Feuergefährlichkeit der Kaiserstraßen-Synagoge gekannt, doch hat ihn diese Wissenschaft nicht beunruhigt. Die Repräsentanz will denn auch in schuldiger Gewissenhaftigkeit, zu deren Schärfung es des jüngsten Brandunglücks in Paris nicht bedurft hätte, die Angelegenheit beschleunigter wiederholter Begutachtung durch Fachmänner unterwerfen und unter Verzicht aus unnahbare Mt yersche „Würde" einer Feuersgesahr begegnen, ehe Feuer ausgebrochen ist. Nun zurück zu den eingangs erwähnten beiden Eingaben. Die Mehrzahl der jetzigen Repräsentantenversammlung ist auf ein Programm gewählt worden, unter dessen Forderungen der Bau von Synagogen in jedem Gemeindebezirk nicht an letzter Stelle stand. Dies Programm ist kein Geheimnis gewesen und deshalb für die darauf Gewählten bindend. Sogar Herr Justizrat Meyer wird seinerzeit davon gehört haben und kann deshalb jetzt nicht überrascht sein, daß der Beginn der Erfüllung verlangt wird. Dem wurde auch dadurch Rechnung getragen, daß man keinen direkten Widerspruch verlautbarte, sondern warnende Zahlen reden ließ, die Zahlen nämlich, die die lausenden Kosten der vorhandenen Gemeindesynagogen angeben. Die alte Synagoge erfordert einen Jahreszuschuß von 11,000, die in der Kaiserstraße von fast 22,000, die neue Synagoge von über 37,000, die in der Lindenstraße von