Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 52 (27.12.1895)
- Date
- 1895-12-27
- Page
- Seite 862 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 862. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 52. jüdischen Glaubens eine zweite Heimat gewährt zn haben. Bereits im Jahre 1889 wurde Herr Joseph Wassermann in Nürnberg - zum Postkondukteur ernannt, und seine Gattin war es, welche nunmehr im fast vollendeten 88. Lebensjahre das Zeitliche gesegnet hat. Nach nahezu 350 Jahren waren dieses Ehepaar die ersten Juden, die ihren Wohnsitz wieder in Nürnberg hatten; sie sind demnach als die Gründer der heutigen hiesigen israelitischen Gemeinde zu betrachten, denn erst neun Jahre später, im Jahre 1848, beginnt der weitere Zuzug von Israeliten. *§ Der Fortbestand des Philaritropiris Aus Frankfurt a. M. wird uns geschrieben: Ueber eine Versammlung möchte ich berichten, die sicherlich auch für weitere Kreise Interesse haben wird. Im Palais-Restaurant wurde sie dieser Tage vom „Freisinnigen Verein" einberufen und beschäftigte sich mit der in Aussicht gestellten Aufhebung des Philantropins (israelitische Realschule). Der Vorsitzende, Herr Fritz Auerbach, erklärte einleitend, daß es heiße, der Gemeindevorstand beabsichtige, das Philantropin auszuheben, bezw. eingehen zu lassen. Richtig sei, daß die Ausgaben für die Anstalt einen bedeutenden Zuschuß erfordern. Die Herren Stadtverordneter Creizenach und Rechtsanwalt Dr. Auerbach erstatteten die Referate. Herr Ereizenach war der Ansicht, daß die Anstalt in vieler Beziehung eine Existenzberechtigung nicht mehr habe. Zunächst erfordere sie den die Kräfte der Gemeinde übersteigenden bedeutenden Zuschuß von 70 000 M. und zeige dabei eine stetig abnehmende Frequenz. Als weiterer besonderer Grund für die Aufhebung wurde der konfessionelle Charakter der Anstalt angeführt, der sich als ein Hindernis in der Verschmelzung mit dem übrigen Teil des deutschen Volkes darstelle. Der zweite Referent, Herr Dr. Auerbach, sprach sich entschieden gegen die Auflösung aus. Was die Gemeinde beabsichtig, ist nicht bekannt, der Schulrat hat bisher die Frage weder beraten, noch einen Beschluß gefaßt. Von der Schule ist von Anfang an stets ein freisinniger Geist auf die Gemeinde übergegangen, schon deshalb müßte sie erhalten werden. Sie war den sogenannten „Klerikalen" stets ein Dorn im Auge und ist ein Bindemittel für die freisinnigen Elemente in der Gemeinde. In der Debatte wies Herr Dr. Krakauer darauf hin, daß die Schule keine Konfessionsschule sei, es wirken Lehrer aller Konfessionen an ihr, sie wird auch von Schülern verschiedener Konfessionen besucht. Man sollte sie schon deshalb erhalten, weil sie die einzige jüdische Schule ist, an der von den in Deutschland wirkenden 52 jüdischen Oberlehrern eine große Anzahl Anstellung gefunden hat. Schließlich wurde eine Resolution angenommen, die den Gemeindevorstand ersucht, in Verbindung mit angesehenen Mitgliedern der Gemeinde die Angelegenheit in Beratung zu ziehen. * r. Aus Rußland. Die „Nowoje Wremja" registriert das Gerücht, nach welchem einige hervorragende Vertreter der jüdischen Kaufmannschaft sich an das Ministerium der Volksaufklärung mit dem Gesuch gewandt hätten, in Warschau ein Regierungs-Gymnasium speziell für Kinder mosaischen Bekenntnisses zu eröffnen. Motiviert wäre dieses Gesuch durch den Hinweis auf den Umstand, daß die Kinder der Juden der Möglichkeit beraubt wären, sich höhere Bildung anzueignen, da in den Gymnasien die Aufnahme jüdischer Kinder durch ein festgesetztes prozentuales Verhältnis beschränkt wäre. *81. Aus Amerika. Der Schulrektor a. D. Ahlwardt ist hier wohlbehalten angelangt. Wie jeder große Mann wurde auch er gleich nach seiner Ankunft von Berichterstattern sensationslüsterner Blätter interviewt. Herr A. erklärte, daß er nicht Voreingenommenheit für seine Bestrebungen zu finden hoffe, aber er erwarte auch nicht, geschmäht zu werden, bis er gehört worden sei. Er sei zu einem Eyklus von 21 Vorlesungen in New-Pork, Chicago, Cincinnati, St. Louis, Pittsburg und andern Großstädten des Landes, die sich auf einen Zeitraum von nahezu drei Monaten erstrecken werden, ausgefordert (?) worden--von wem, könne er noch nicht verraten . . . (Aha! Red.) Die Enttäuschung über seinen Missions- Feldzug in Amerika wird ihm nicht erspart bleiben und kein vernünftiger Mensch wird an der eingebildeten Mission Interesse nehmen, wenn nicht die New Parker Israeliten sich geberdeten, als ob Ahlwardt mit hunderttausend Amalekitern ins Land gekommen wäre. Wie die Stimmung in New Pvrk ist, und zwar nicht im jüdischen Nerv-Park, sondern in dem gemütlichen, toleranten Gotham, wird Ahlwardt es schwer halten, eine geräumige Halle und ein ernstes Auditoriuin zu finden, trotz der unbeabsichtigten Reklame, welche gewisse Blätter, die von Israeliten redigiert oder verlegt war, für ihn machen. Die Blätter sollten doch nicht vergessen, daß man Narren durch Schweigen tötet, oder wie Schopenhauer sagt: „Narren und Dummköpfen gegenüber giebt es nur einen Weg, seinen Verstand an den Tag zu legen, und der ist, daß man mit ihnen nicht redet." Kier und dort. — Eine konservativ-antisemitische „Volksversammlung", an der sich ungefähr drei bis vier Dutzend Bürgervereinler beteiligten, beschäftigte sich am Freitag mit der bekannten Verfügung des Provinziul- Schulkollegiums, wonach jüdische Lehrkräfte vom 1. April 1896 au den Berliner Volksschulen nicht mehr angestellt werden sollen- IW wurde beschlossen, eine Petition an den Kaiser abznsenden, in welcher behauptet wird, daß die Versammelten in Gcwissensbedrängnis geraten würden, wenn die Schritte, die ans der Mitte der Stadtverordneten- Versammlung gegen die kultusministerielle Verfügung unternommen worden sind, Erfolg haben sollten. Das Referat in der Versammlung hatte der Redakteur der fast ausschließlich von Pastoren gelesenen „Deutschen Lehrerzeitung", Pastor Zillessen, erstattet. — Die Provinzial-Arbeitsanstalt zu Lraunweiler, welche gegenwärtig infolge des sensationellen Prozesses im Vordergründe der öffentlichen Aufmerksamkeit steht, beherbergte im Verwaltungsjahr 1893/94 neben 1481 katholischen (1095 männlichen, 386 weiblichen), 684 evangelischen (564 männl., 120 weibl.), nur 8 jüdische (6 männl., 2 weibliche). — Auch im Landtage in Sachsen machten sich die Antisemiten den Spaß, die Uebersetzung des Schulchan-Aruch von Regierungs wegen zu fordern. Der Erfolg war der gleiche wie im preußischen und badischen Landtage: Ablehnung. — Bei den israelitischen Schulen in Baden wird soeben seitens des Gr. Kreisamts angefragt, ob für den Unterricht der Schulchan- Aruch in Gebrauch sei. Diese Umfrage, welche anscheinend wegen einer Petition auf Uebersetzung dieses Buches vom Ministerium veranlaßt wurde, ist ganz zwecklos und wird überall in verneinendem Sinne beantwortet werden, da der Schulchan-Aruch für Unterrichtszwecke ganz ungeeignet und dem Laien ganz unverständlich ist. — Personalien. Versetzt: Bezirksrabbiner Dr. Cohn von Burgkundstadt nach Eschwege; — Hr. Pulvermann von Waldenburg nach Strelno; — Hr- Li an da von Schocken nach Pinne. — Der Stenographen-Verein in Hall hat Herrn Lehrer Hühnlein in Anerkennung seiner Verdienste um die Gabelsberger Stenographie unter Ucberreichung eines silbernen Pokals zum Ehrenmitglied ernannt- Bereits vor längerer Zeit ist Herr Hühnlein, wie wir s- Zmitgeteilt, von der Kgl- Regierung in die Prüfungskommission für Lehrer der Stenographie berufen worden. — In Wattenscheid ist Herr Lehrer P. Baruch nach längerer Krankheit im Alter von 55 Jahren verschieden und unter imposanter Beteiligung von Juden und Nichtjuden zu Grabe getragen worden. In dem Trauergefolge befand sich neben zahlreichen anderen christlichen Notabilitäten Herr Schulrat Dr. Führer. Die Herren Lehrer Rothschild-Wattenscheid und Gold-