Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 52 (27.12.1895)
- Date
- 1895-12-27
- Page
- Seite 861 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 52. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 861. geheuerlichkeiten allmählich gewöhnt sind, so z. B. daß in der Reichshauptftadt eine jüdische Lehrerin vertretungsweise evangelische Kinder in der Religion unterrichtet hat, so brachten wir auch diese vermeintliche traurige Erscheinung zur Kenntnis unserer Leser. Es hat sich nunmehr herausgestellt, daß wir das Opfer einer planmäßigen Täuschung geworden sind. Uns liegt ein Schreiben des Klaholz vor, worin er das Bekenntnis ablegt, jene Behauptungen „wider besseres Wisien" aufgestellt zu haben. Er bekennt sogar, daß er eine Einladung zu dem „Simchas-Thora-Ball", von der er uns eine Abschrift als Beweisstück zugehen ließ, selbst verfaßt hat. Wir sind dem Vorstand des evangelischen Jünglingsvereins zu Neukirchen dankbar, daß er durch sein energisches Eingreifen den Klaholz entlarvt hat." — So sind die antisemitischen Berichterstatter alle. * Eine Ausweisungs-Geschichte, Niemand kann dem Preußischen Staate oder sonst einem anderen Staate das Recht bestreiten, unliebsame Personen, die nicht das Jndigenat besitzen aus ihren Gebieten auszuweisen. Ich habe es erlebt, daß Hundert und Tausend nach empfangenen Ausweisungsbefehlen den Ort und die Provinz verlassen mußten. Ich habe die Ausgewiesenen nach Kräften zu schützen und zu stützen gesucht, allein geklagt habe ich nicht. Rur wenn man versucht hat, die Unglücklichen mit Schimpf und Schande zu überschütten, dann bin ich für dieselben in die Schranken getreten; die Schläge konnte und wollte ich nicht abwehren, allein die faulen Fische sollten sie nicht auch noch verzehren müssen. Da liegt aber gegenwärtig ein Fall von Ausweisung vor, der mir zu nahe geht und öffentlich bekannt gemacht zu werden verdient. Einer hiesigen Zeitung wird aus Ruß unter dem 19. Dezember geschrieben: (Ruß ist ein sehr verkehrsreicher Ort im Kreise Heydekrug, einige Meilen entfernt von der Mündung des Memelstroms in das Kurische Haff; an dem Punkte gelegen, wo der Strom in zwei Arme sich teilt, wird der Ort Ruß von den beiden Armen des Stromes Ruß und Atenath geheißen, umschlossen. Der Ort bildet dieser Lage gemäß den Vorhafen für die Stadt Memel einerseits und Tilsit anderseits) — von Ruß also wird geschrieben: „Die Ausweisung des Kaufmanns Samuel Jsakowitz und seiner Frau Rahel geb- Münzner, erreg: hier die größte Teilnahme. Jsakowitz, der Amerikanischer Bürger ist, hat seit Jahren seinen Wohnsitz in Preußen gehabt. Nachdem derselbe sich vor nicht allznlanger Zeit in zweiter Ehe verheiratet hatte, wurde er jetzt seitens der Behörde aufgefordert, das Preußische Staatsgebiet zu verlassen. Als dieses in der vorgeschriebenen Zeit nicht geschah, wurde I. in Haft genommen- Dasselbe Schicksal ereilte seine Ehefrau. Frau Jsakowitz, die übrigens keine Ausländerin, sondern die Tochter des hiesigen Kaufmanns und Preußischen Unterthanen L- Münzner ist, wurde gleichfalls von der Behörde aufgefordert, bis zum 14. d. M. das preußische Staatsgebiet zu verlassen. Dieselbe hatte sich bereits am 14, d. Dl. den Abzngschein beschafft, nahm darauf am 16. d- Alvon ihren Verwandten und Freunden Abschied und beabsichtigte am Vormittage d- 17. d- M. abzureisen- Nachdem schon alle Vorbereitungen zur Abfahrt getroffen waren und auch bereits ein Fuhrwerk auf der anderen Seite des Stromes ihrer harrte, erschien der Amtsdiener und verhaftete sie. Sie hat 10 Tage Gefängnis zu verbüßen." Der Leser ist gewiß der Meinung, er habe es hier mit einem ganz gewöhnlichen Menschenpaare zu thun. Das ist aber nicht richtig, die beiden jungen Leute, Jsakowitz kaum dreißig, seine junge Frau kaum zwanzig Jahre alt, sind zwei gebildete, feine, äußerst liebenswürdige Menschen; besonders die Frau Rahel geb. Münzner ist eine zartgebaute, hochgebildete Dame mit Lehrerinnen-Qualifikation. Jsakowitz' ist von seiner Kindheit an in Deutschland gewesen, hat hier die Schule besucht, die Handlung erlernt und hat sich später in Ruß niedergelaffen. Seine früher in Rußland lebende Mutter hatte er schon seit Jahren zu sich genommen und lebte bis in die jüngste Zeit unangefochten, von allen Bewohnern des Ortes geachtet und geehrt, in Ruß. Da, als er seine zweite Ehe mit Rahel Münzner, der Tochter des Gastwirts und Prcuß. Bürgers L. Münzner, eingehen wollte, wurde er und die Mutter ausgewiesen. Die Hochzeit fand trotz alledem im Herbste dieses Jahres statt. Die rituelle Trauung hat der Unterzeichnete vollzogen, daher seine genaue Kenntnis und sein besonderes Interesse betreffs dieser Angelegenheit. Niemals habe ich eine Trauung vollzogen und eine Hochzeit mitgefeiert bei so gedrückter und schmerzbewegter Stimmung aller Festteilnehmer, all meine Trostworte, all mein Vertrauenszuspruch wollten nicht recht Platz greifen, die augenblickliche Beruhigung mußte bald wieder der trüben Stimmung weichen. Besonders die junge Frau zerfloß in Thränen; sie hatte ihr Geschick an das Geschick eines Mannes gebunden, der so gut wie heimatlos war. Als ich anderen Tages den Ort verließ, begleiteten mich das junge Paar und deren Eltern bis zur Fähre des Trapects und baten, ich möchte doch bei dem Königl. Landrat in Heydekrug Fürsprache einlegen, daß dem jungen Paare zur Ordnung und Abwicklung ihres Manufakturwaren-Geschäfts zum wenigsten bis zu den nächsten Ostern Frist gelassen werde; das versprach ich zu thun und riet, man möge sich doch auch gleichzeitig zur Erlangung eines Aufschubs an den Herrn Oberpräsidenten Grafen Wilhelm v. Bismarck in Königsberg wenden; man sollte aber nur keinen Augenblick versäumen, denn am Dienstag war die Hochzeit und an dem drauffolgenden Freitag schon sollten sie den Ort verlaßen. Von Ruß bis Heydekrug, der nächsten Station der nach Memel führenden Bahn, fährt man etwa eine Stunde und der Weg führt am Landratsamte in Heydekrng vorüber. Dort ließ ich meinen Wagen anhalten, traf jedoch den Landrat nicht, denn er war mit dem zur Zeit anwesenden Regierungspräsidenten zur Inspektionen ins Land hinein gefahren. Zu Hause angekommen, schrieb ich noch selbigen Tages an den Königl. Landrat, Geheimen Regierungsrat Freiherr v.Lyncker ein Bittgesuch, so warm und eindringlich, wie es mir das Herz eingab, und bat um Aufschub des Ausweisungstermins. Seitdem hatte ich keine Gelegenheit mehr, Erkundigungen über den weiteren Verlauf der Sache einzuziehen; sie war mir auch ganz aus dem Gedächtnisse entschwunden, bis ich durch vorstehende Zeitungsnotiz wieder auf das schmerzlichste hieran erinnert wurde. Nun bedenke man doch einmal, eine junge zarte, liebenswürdige und hochgebildete Frau, welche heimatverwiesen eben von Eltern und Verwandten sowie von ihrem Geburtsorte Abschied genommen hat, wird gepackt wie eine Verbrecherin und ins Gefängnis gesperrt, weil sie die Ausweisungsfrist um einige Tage überschritten hatte! Ich habe da nichts weiter hinzuzufügen, als den Ausdruck innigster Teilnahme mit einem jungen Paare, das sich auf diese Weise muß behandeln lassen, weil sie der Schöpfer als Juden hat geboren werden lasten. Memel in der Weihnachtswoche 1895. Dr. I. Rülf, Rabbiner. *r. In Nürnberg ist am Sonntag eine einfache Frau auf dem israelitischen Friedhof bestattet worden, mit der ein Stück Geschichte ins Grab sank. Der Toleranz und Humanität stets hoch haltenden Stadt gebührt das Verdienst, schon vor fast sechs Dezennien einem bei der Post angestellten Beamten