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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-12-27 · 52 (27.12.1895) · p. Seite 860

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
52 (27.12.1895)
Date
1895-12-27
Page
Seite 860 (sequence 12)
Language
German
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Seite 860. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 52. der Freunde", der länger als ein Jahrhundert besteht, der jüngste der Militär- und Sanitätsverein „Deutsches Vaterland", eine anläßlich der Jubelfeier des großen Krieges von 1870/71 gegründete Vereinigung jüdischer Veteranen — Ein wunder Punkt Das von Christen geschriebene „Freie Blatt" schreibt unter vorstehendem Schlagmort: „Es ist in Anbetracht der allgemein menschlichen Charaktereigentümlichkeit leider nur zu begreiflich, daß sich die reichen Juden durch den Antisemitismus auch nicht einmal ein Souper verderben lassen; aber wir finden keinen schonenden Ausdruck dafür, daß sie die Peiniger ihrer armen jüdischen Glaubensgenossen noch in ihrem unmenschlichen Treiben finanziell unterstützen; während die Antisemiten in Massenmeetings die Aussperrung der ihnen unbequemen Presie predigen, mästet sich der bekannte antisemitische Korruptionsjournalist an fetten Bankpauschalien, prangen in einer gewissen Presse, neben den schmählichsten Beschimpfungen aller Juden Inserate bekannter jüdischer Firmen u. s. w. Es müssen persönliche Motive niedrigster Art sein, welche einen Juden bewegen können, sich seine Schergen großzufüttern, während er es ängstlich meidet, durch die offene und kräftige Unterstützung der nicht in letzter Linie in seinem Interesse für Freiheit und Recht kämpfenden Preffe, vor der Oeffentlichkeit, sich als Jude zu deklarieren. Wir hören nichts davon, daß die Parole der Antisemiten: „Judenzeitungen hinaus!" mit der einzig richtigen Antwort: „Antisemitenpresse hinaus!" heimgezahlt weden; im Gegenteil, dieselbe wächst, blüht, gedeiht und wird zu einem profitablen Geschäfte, ganz ausschließlich Dank der freundlichen Unterstützung und Nachfrage seitens der — Juden." — Lehrerverein. In der letzten Sitzung der „Wissenschaftlichen Vereinigung jüd. Schulmänner zu Berlin" wurden zuerst einige dringende geschäftliche Angelegenheiten erledigt. Zunächst referierte Koll. Flanter über die Beschlüsse der Kommission für den Empfang der Delegierten. Hieraus wurde auf Antrag des Vorstandes die Generalversammlung ausnahmsweise auf den Januar verschoben, da bereits zwei Versammlungen im Dezember stattfanden; sodann wurden die Mitglieder Dr. Blaschke und Tichauer zu Kassenrevisoren erwählt. Zu erwähnen ist ferner noch, daß die Verlagsfirma Jacobsohn in Breslau wiederum unjerer Vereinigung eine ganze Reihe verschiedener Werke übersandt hatte. Jetzt folgte das eigentliche Thema des Abends, der Vortrag des Koll. Klein über „Religion und Moral". Die wissenschaftlich vorzüglich gelungene Arbeit des Redners mag hier in kurzem Auszug folgen. Der Referent gab zunächst den Begriff der Religion und stellt fest, daß sie ein natürliches Erzeugnis des menschlichen Seelenlebens ist. Bei jedem Menschen ist eine Aufnahmefähigkeit für Religion vorhanden, also auch bei allen Völkern. Sind nun bei einem Volke die Bedingungen für diese Aufnahmefähigkeit besonders günstig, so wird sich dasselbe bald einer geoffenbarten Religion erfreuen dürfen. Uebergehend auf die Religion des Juden, ermähnte der Redner, daß dieselbe nach dem Auftreten Mosis nichts fertiges, jede Weiterentwicklung Ausschließendes war, vielmehr eine Erscheinung, deren Zug durch die Geschichte deutlich zu erkennen ist. Wie sich aber auch diese Erscheinung verändern möge, als Kern der Religion bleibt: Es giebt einen Gott, der als ein ewiges rein geistiges Wesen die Welt erschaffen hat und regiert. Wie nun der Glaube an die Existenz Gottes als Unbedingtes, Ewiges und Reingeistiges eine Folge unseres Denkens ist, so ist die Bestimmung unseres Verhältnisses zu ihm dem Gefühle entsprossen. Es läßt Gott zu unserem Vater sein, der seinen Kindern gebietet, sich zu bestreben, heilig zu werden, ja es gestaltet unser gesamtes Denken antopomorphistisch. Ganz speziell aber spiegelt sich Israel in dem Verhältniffe zu Gott, das wieder seinen wahren Ausdruck findet in dem Verhalten zu den Nebenmenschen in der Moral. Die Moral ist die Wertbestnnmung des Menschenlebens, sie entspringt aus dem Bewußtsein der Menschenverbindung und der gleichen Rechte aller. Möge nun auch dieses Lebensideal sehr oft an den Nebeln der Welt scheitern, so brauchen wir doch die Hoffnung auf Verwirklichung desselben niemals aufzugeben. Nachdem der Herr Referent in weiteren Ausführungen die verschiedenen philosophischen Begründungen der Morallehre vorgeführt und widerlegt hatte, führte er aus, daß die Moral ihre Begründung einzig und allein in der Religion finden könne, weil sie allein den ganzen Menschen erfaßt und ihm ein Lebensideal vorschreibt. Sie allein macht ihn tugendhaft im Entsagen wie im Genuß, da der Mensch sich als Abbild des vollkommen heiligen Wesens fühlt, so ist er sich wohl bewußt, daß sein Wille sich dem Willen seines Vorbildes unterordnen muß. Wenn nun aber gefragt wird: Kann ein Mensch, der sich zu keiner Religion bekennt, Moral besitzend so sei mit einem entschiedenen Ja zu antworten. Diese Meinung widerspreche nicht dem Vorhergesagten; denn es giebt bei uns keinen Menschen, der nicht von Religion beeinflußt ist, da der Hauch derselben unsere gesamte Erziehung durchweht. — Nachdem Herr Klein seinen mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag beendet hatte, entjpann sich eine lebhafte Diskussion, die erst in später Nachtstunde abgebrochen und vertagt wurde. — Erfreulich war wiederum das Interesse und die rege Beteiligung der Vereinsmitglieder, deren Zahl übrigens durch Beitrittserklärungen sich stetig erhöht. R — Auch die orthodoxe Sondergemeinde hatte eine Repräsentantenwahl, die am 15. d. M. in aller Stille vollzogen wurde. Zu wühlen waren: zwei Vorsteher, zwei stellvertretende Vorsteher, vier Repräsentanten und drei Repräsentanten-Stellvertreter, deren Erstgewählter ebenfalls sofort einzuberufen ist. Es wurden wiedergewählt: zu Vorstehern die Herren H. London und Isidor Rosenblüth, zu Stellvertretern Herr A. Zamory und neugewählt Herr Carl Knoller. Zu Repräsentanten wurden die ausscheidenden Herren Prof. Dr. I. Barth, Dr. A. Berliner, S. Haarburger und Dr. D- Hoffmann sämtlich wieder-, zum ersten Stellvertreter Herr M. Bab und zum zweiten Herr Jos. Lewy neugewählt. Die Wahl eines dritten Stellvertreters kam nicht zu Stande, da der Gewählte (Herr C. Knoller) zugleich in oen Vorstand berufen war, von den folgenden Kandidaten aber, infolge einer Stinunenzersplitterung, keiner die absoluteMehrheit erlangt hatte. * Ein Berichterstatter comme il faut. Die Deutsch- Sozialen Blätter des Herrn Liebermann von Sonnenberg schreiben: „Zur Richtigstellung. Ein gewisser Klaholz aus Neukirchen (Kreis Ziegenhain) hatte an die Schriftleitung dieser Blätter verschiedentlich Einsendungen geschickt. U. a. hatte er auch von dem dortigen evangelischen Jünglingsverein behauptet, dieser sei so „tolerant", daß er Judenjünglinge ausgenommen hätte und sogar einen „Simchas-Thora-Ball" auf Veranlassung der jüdischen Mitglieder veranstaltet habe. Für die Behauptungen übernahm der Einsender unter' allen möglichen Beteuerungen wiederholt die volle Verantwortung. Da wir im deutschen Reiche an allerlei Un-

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