Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 52 (27.12.1895)
- Date
- 1895-12-27
- Page
- Seite 859 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 52. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 859. verein ist keine imposante gewesen. Zugegeben, denn 2990 Stimmen gegen 2403 ist kein uneinbringlicher Unterschied. Wenn das genannte Blatt aber bemerkt, daß die Zahl der Gemeindemilglieder Ui 253, dem gegenüber eine Wahlbeteiligung von 4020 Berechtigten ziemlich knapp sei und daher eigentlich der Jndifferentismus gesiegt habe, so ist das ein Fehlschluß, der übrigens nicht ohne eine Entstellung möglich gewesen ist. Wir haben wohl 16 253 steuernde Gemeindemitglieder, aber nur rund 12 500 Wahlberechtigte. Doch das ist nebensächlich. Die Hauptsache ist, daß das in Berlin übliche Wahlsystem für viele die Teilnahme an der Wahl unmöglich macht. Der Wahlzettel, der den Mitgliedern zugcstellt wird, soll wochenlang aufgehoben werden. In zahlreichen Fällen geht er verloren, und Ersatz findet nicht statt. Die Ausfüllung der Liste schreckt gleichfalls viele ab. Thatsächlich ist die Wahlbeteiligung seit dreißig Jahren nicht so stark gewesen, wie jetzt. Anerkennung verdient, daß der Allgenieinen Zeitung des Judentums der Humor nicht ausgegangen ist: Sie spricht noch immer von der sogenannten liberalen Partei als von der „überwiegenden Majorität der Gemeinde." Was würde sie erst gesagt haben, wenn ihre Kandidaten gewählt worden wären? Ir. —Der Verwaltungsbericht des Vorstandes der jüdischen Gemeinde für die Zeit vom 1. Januar 1892 bis 31. März 1896 ist erschienen. Man erfährt daraus, daß die Zahl der Mitglieder in der genannten Frist von 13500 auf 16235 gestiegen ist, 27 Mitglieder aus der Gemeinde, 243 aus dem Judentum ausgetreten sind. Die vier Synagogen fassen etwa 5500 Besucher, für die hohen Feiertage sind gottesdienstliche Veranstaltungen getroffen, die 8600 Personen Raum geben, so daßsim besten'Falle von Gemeinde wegen für 14100 Beter — Männer, Frauen und Kinder — gesorgt ist. Zum mindesteu zwei Drittel der Gemeindemitglieder ist somit für die Befriedigung synagogaler Bedürfnisse auf private Einrichtungen angewiesen. Die drei alten Religionsschulen zählen 681, die jetzt bestehenden vier Religionsschulen zusammen 700 in Buchstaben: siebenhundert Schüler und Schülerinnen. Von hundert jüdischen Kindern haben also noch nicht fünf von Gemeinde wegen Religionsunterricht. Dagegen hat der Vorstand „erlangt", daß an den hiesigen königlichen Gymnasien jüdischer Religionsunterricht fortab — fakultativ erteilt wird. Der Etat für die Armenverwaltung beträgt jährlich noch nicht 120 000 Mark. Das ist im Verhältnis der Bewohnerzahl weniger als die Kommune Berlin für ihre Armen ausgiebt. — Und zu diesem stolzen Bericht, macht das Organ des Vorstandes die Bemerkung: es möge wohl wenig Gemeinden in der Welt geben, die in der Lage sind, „in dieser Weise Rechenschaft über ihre Arbeit im Dienste der drei Grundprinzipien des Judentums, der Lehre, des Gottesdienstes und der Wohlthätigkeit, zu geben." — Wir hoffen, daß in der That nur wenige Gemeinden von solcher Vernachlässigung der obersten Pflichten zu erzählen haben. Doch das wird nun wohl anders werden. Die neuen Repräsentanten werden eine neue Verwaltung schaffen und nötigenfalls denen die offene Thür zeigen, die etwa gewillt sind, sich an ihr Mandat zu klammern, weil es „noch nicht erloschen" ist. — Herr Professor Buka hat aus unsere in den vorigen Nummern an dieser Stelle an ihn gerichtete Frage bis zur Stunde nicht geantwortet. Es ist daraus der Schluß gestattet, daß er selbst im Eifer des Wahlkampfes etwas mehr gesagt hat, als er verantworten kann oder jetzt wenigstens nicht verantworten will. — „Unsre Rabbiner." Man schreibt uns: Gestatten Sie mir meiner Befriedigung Ausdruck zu geben über den frischen und erquickenden Hauch, der aus der Abhandlung des Herrn Fr. über „Unsere Rabbiner" wehte. Aber vielleicht tragen nicht die Serninarien allein die Schuld an den unerquicklichen Zuständen, sondern auch die Gemeinden. Was verlangen die Gemeinden und ihre Vorsteher von eineni Rabbiner? Weltliche Bildung, Salonmanieren, Verständnis für die Kirchthurmpolitik des Ortes und das unvermeidliche, tadellose Bäffchen. Ausgerüstet mit dem so qualifizierten Paradestück eines Rabbiners, glauben die Gemeinden ihr Jahrhundert in die Schranken fordern zu können, wenn ihre Spitzen bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit vor den Spitzen der Behörden erscheinen, um ihre „Paradejuden" unterthänigst vorbeidefilieren zu lassen. Mit solchen Aeußerlichkeiten glauben die Gemeinden das Ansehen, die Ehre unb den Glanz des Judentums mächtig gefördert zn haben; befriedigt reiben sie sich die Hände, wenn irgend ein „Herr" nach Anhören der Predigt sich huldvoll äußert, schon lange kein so schönes . . . Deutsch gehört zu haben. Allmählich verbreitet sich eine Anschauung, als würden die Rabbiner nicht für uns Juden, sondern nur für die Nichtjuden angestellt; wie wir herrliche Gotteshäuser bauen, aber keine Juden erziehen, die hineingehen; wie wir ein Heer von Gemeindebeamten bezahlen und keine Kämpfer haben für Gott und Israel! na. p. -- Quittung. In der Weihnachtsnummer des christlich-orthodoxen „Reichsboten" lesen wir: „Es dürfte doch einmal an der Zeit sein, das Wort zu sprechen gegen die äußerliche Aneignung des christlichen Weihnachtsfestes durch das Judentum. Sie ist auch ein Zeichen der Zeit, ein Symptom der direkt oder indirekt betriebenen Verwischung und Verflachung des religiösen Bewußtseins unseres christlichen deutschen Volkes, welche Weihnachten zu einem Wintersonnenwende-Fest mit äußerem Festgeprangc und Ostern und Pfingsten zu Friihlingsfesten macht und ihre religiöse Bedeutung immer mehr in den Hintergrund drängt. Es sollte gerade für die konservative, ernst christlich gesinnte Presse eine heilige Ehrenpflicht sein, gegen die seitens des gesamten Liberalismus und seinen kirchlich indifferenten oder gar feindseligen Presse stillschweigend unterstützte Aneignung, des Weihnachtssestcs durch das Judentum und die davon auch auf die christliche Bevölkerung znrückwirkende Entchristlichung dieses Festes energisch Einspruch zu erheben. Es kann natürlich nur im Interesse des Judentums liegen, dieses Fest, die Wurzel aller christlichen Feste, seines christlichen Charakters zn entkleiden. Die jüdischen Feste dem Judentum, die christlichen der Christenheit. Reinliche, ehrliche Scheidung! Oder will sich das Judentum auch an der Feier des Charfreitags beteiligen? Andererseits auch mehr Selbstgefühl bei den Christen, ohne daß damit eine Kränkung des Judentums verbunden zu sein brauchte! Das Wort: „Halte, was Du hast," ist von vielen vergessen oder wird ihnen in Vergessenheit gebracht." Rate einmal, lieber Leser, weshalb wir die Quittung des „Reichsboten" wörtlich abdrucken? — Die Zahl der jüdischen Vereine in Berlin beträgt zur Zeit 58, darunter 10 religiöse, 5 akademische, der Abwehr des Antisemitismus dient ein Verein, dem Zionismus huldigen drei Vereine. Es giebt außerdem fünf jüdische Frauenvereine, dabei einen Verein jüdischer Krankenpflegerinnen. Der älteste jüdische Verein ist die „Gesellschaft