Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-12-27 · 52 (27.12.1895) · p. Seite 858

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
52 (27.12.1895)
Date
1895-12-27
Page
Seite 858 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/4794838-9608360-9609175--1021-9609185
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 858. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Rr. 52. tigen Pläne Ihr beratet, obwohl es vielleicht nicht schwer zu erraten wäre. Aber nicht blos ich weiß es, daß Ihr hier versammelt seid, auch ein anderer weiß es. Und dieser andere — ich bin eigens hergekommen, es Euch zu sagen und Euch zu warnen, ehe es zu spät wird — dieser andere ist . . . Herr Nikolaus Wierzyneck." Ein Rus des Schreckens entrang sich mehreren der Anwesenden. „Hier mein Begleiter," suhr die Gräfin fort, „mein treuer Arzt, ist derjenige, dem Ihr diese Warnung zu verdanken habt." Die dankbaren Blicke der Verschworenen trafen den sich zurückziehenden Amivser. Der Graf Zarnowiecki blickte finster und sinnend vor sich hin und sprach kein Wort. Ein Geräusch, das schon seit einiger Zeit unter den Fenstern des Saales, die nach dem hintern Teile des Gartens gingen, vernehmbar gewesen war, nahm jetzt auf einmal stark zu. Plötzlich ertönten, wie auf Kommando, an sämtlichen Fensterläden zu gleicher Zeit dröhnende Schläge. Noch ein Moment und durch die gesprengten Läden drangen von allen Seiten Bewaffnete in den Saal. Einer der ersten der Eingedrungenen war eine herkulisch gebaute, von Kopf bis zum Fuß gepanzerte und bewaffnete Gestalt, in der die entsetzten Verschworenen alsbald den schrecklichen Nikolaus Wierzynck erkannten. Ein entsetzliches Durcheinander entstand. Einige der Verschworenen versuchten die Lichter auszulöschen, um unter dein Schutze der Dunkelheit sich zu retten; aber die Angreifer hatten sich für diesen Fall mit Fackeln und Lichtern versehen und hatten sofort die Ausgänge besetzt. Einige der Mutigsten setzten sich zur Wehr, wurden jedoch bald von der Uebermacht bewältigt. Nur einigen Wenigen gelang es in der allgemeinen Verwirrung zu entfliehen, darunter dem Schloßherrn selber, doch wurde derselbe ein paar Stunden später im Schlosse selbst versteckt aufgefunden und den übrigen Gefangenen beigesellt. Der alte Rcb Josef war ruhig und resigniert in seinem Winkel geblieben und ließ sich ohne Widerstand die Fesseln anlegen. Ein Soldat hatte sich der Gräfin genähert und seinen Arm nach ihr ausgestreckt. Sie stieß ihn zurück. Der Soldat schwang sein Schwert über sie. Da zog Amisser, seiner nicht mehr mächtig, den Dolch, den sie ihn: einst in Spanien gegeben und den er stets bei sich trug, und warf sich todesmutig dem gereizten Kriegsknechte entgegen, mit seinem Leibe die Gräfin schützend. Aber der Kamps lvar zu ungleich, die Waffe zu schwach. Voll und stark traf ihn ein Schwertstoß in die Brust und blutend stürzte er zusammen. Mit einem lauten Schrei stürzte die Gräfin ohnmächtig auf seinen blutenden Körper nieder. Der Tumult hatte sich gelegt, die Gefangenen waren bereits gefesselt und Herr Wierzynek musterte dieselben. Sein Blick siel auf die ohnmächtige Gräfin und den blutenden bewußtlosen Judenarzt. „Also das war die Krankheit," rief er höhnisch, „und hier fand die Kur statt." Die Gefangenen wurden in festen Gewahrsam gebracht; die Verwundeten in einen besonder,: Raum. Die Gräfin wurde in eine Tragbahre gehoben und ihr ein besonderes Zimmer im Gefängnisse angewiesen, wo ihr blos eine einzige Dienerin gestattet wurde und sie sonst so streng bewacht wurde wie die übrigen Gefangenen. Herr Nikolaus Wierzynek war mit seiner Mannschaft abgezogen und düstere Stille lagerte sich auf das verödete Schloß vor der Stadt. (Fortsetzung folgt.) Wochen-Shronik. Berlin, den 27. Dezember. — Der D. I L. B. ist zustande gekommen und Rektor Dr. Adler in Berlin zum 1. Vorsitzenden und Lehrer Blum e nfe ld - Adelebsen zürn 1. Schriftführer ernannt worden. Das ist alles, was wir mitteilen können; denn die Delegiertenverfammlung tagte unter Ausschluß der Oeffentlichkeit, mit welcher auch die jüdische Fachpresse ausgeschlossen wurde, die sich um das Zustandekommen des Bundes ein großes, vielleicht das größte Verdienst erworben und ohne deren Mithilfe der Bund nicht zu halten sein wird. Der zu Ehren der Delegierten gegebene Kommers des Miss. Verein, jüd. Schulmänner verlief glänzend. Näheres in nächster Nr. — Unsere Beilage Die schon angekündigte Wissenschaft li che, Be i lag e unseres Blattes erscheint im neuen bürgerlichen Jahre in den. Umfange eines ganzen Bogens (8 Seiten 40) zunächst monatlich einmal, bei genügendem Stoff aber entweder umfangreicher oder öfter. Das Blatt führt den Haupttitel: „Jeschurun" und den Untertitel: „Monatsschrift für Pädagogik, Honületik und Litteratur". Das Hauptblatt erschein in bisherigem Umfange (16—20 Seiten) und führt nur noch den Titel: „Allgemeine Israelitische Wochenschrift." Der Bezugspreis des Blattes (2 Mark vierteljährlich) wird nicht erhöht. — Was wir über die Beilage, was wir besonders unsren treusten Anhängern außerhalb Berlins, den Lehrern, noch zu sagen haben, das wird in der ersten Nr. des „Jeschurun" zu lesen sein. — Bureauwahl. Die neuen Repräsentanten, deren Amtseinführung im Januar bevorsteht, haben einen Vorsitzenden zu wühlen. Wie wir hören, ist Herr Martin Simon hierfür in Aussicht genommen, nachdem Herr Julius Oppenheim von ihm abzusehen ersucht hat. Von der sogenannten liberalen Seite hat man sich bemüht, für die Wiederwahl des Herrn Landsberger Stimmung zu machen, der übrigens fein Amt mit Geschicklichkeit und Unparteilichkeit geführt hat. Doch ist es selbstverständlich, daß die Neugewählten, die mit den älteren Gesinnungsgenossen über eine Zweidrittelmehrheit verfügen, sich nicht einen Vorsitzenden aus der Zahl der Minderheit wählen, gegen die sich die Gemeinde eben erst mit solcher Entschiedenheit erklärt hat. Es wäre ein Zeichen von bedauerlicher Schwäche und würde zu den übelsten Konsequenzen führen, wollte die neue Mehrheit mit einer Resignation debütieren. — Wahlarithmetik. Die Allgemeine Zeitung des Judentmns, die in den: jetzt abgeschlossenen Wahlfeldzug mit der ganzen Schüchternheit, die sie so wohl kleidet, die Sache der seitherigen Verwaltung unter das etwas knappe Mäntelchen ihres Wohlwollens genommen, legt sich das Wahlergebnis so zurecht, daß es ihre bescheidenen Anforderungen immer noch leidlich befriedigt. Zwar ist kein Einziger von den sogenannten Liberalen Repräsentant geworden, zwar steht ihr bester Mann erst an der neunten Stelle der Vertreter, aber . . . . die Stiinmenmehrheit der Kandidaten vom Zentral-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.