Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 52 (27.12.1895)
- Date
- 1895-12-27
- Page
- Seite 857 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 52. «llgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 857. sam und allmählich lassen sich die Menschen bewegen, das als weiß anzusehen, was eigentlich schwarz ist. Noch in den achtziger Jahren, als die Schuch'sche Gesellschaft in Danzig gastierte, fragte sich der in Lessing's Schule erzogene Kritiker Gomperz, was wohl Shakspeare mit dem moralischen Ungeheuer für eine „moralische Wirkung" habe Hervorbringen wollen. Als aber in Frankreich die allgemeinen Menschenrechte verkündet wurden, und man auch in Deutschland sehr geneigt war, jeden Kodex des positiven Rechts zu zerreißen, da entwickelte sich die Sache rascher. Die Gleichberechtigung der Juden war eine natürliche Folge der allgemeinen Menschenrechte; die europäischen Völker erkannten diese Folgerung als logisch an; die Juden legten die Hände natürlich nicht in den Schoß, und bei der ausschließlichen Hervorkehrung der religiösen Seite der Frage gab es bald keinen Gebildeten, der sich nicht geschämt hätte, kein Judenfreund zu sein. Das Theater spiegelte diese Stimmung ab. Von England her kam Richard Cumberland's edler „Jude Shewa" nach Deutschland, bewährte sich auch hier als „Herzensschmelzer" (wie ihn Oliver Goldsmith nannte), und von nun an kannte die deutsche Bühne keine anderen Juden, als edle. Shylock, der Stammesgenosse Shewa's, konnte unmöglich ein Klown, ein gemeines Ungeheuer bleiben; er mußte wenigstens fürchterlich, wenigsten in seinen Beweggründen edel werden. Kurz je kleiner der Judenhaß wurde, desto größer wurde Shylock. Und als nun gar in neuerer Zeit jüdische Darsteller, wie Dawison, Destoir, sich Shylocks bemächtigten, da war der jüdische Märtyrer und Rächer, der moderne Judas Makkabäus fertig. So spiegelt sich die Geschichte der religiösen Duldung und des Judenhasses in der Bühnengeschichte Shylock's. *** Feuilleton. Zahn um Zahn. Erzälilung aus Polens Vergangenheit. (Fortsetzung.) „Kommt mit, Amieser", sagte die Gräfin mit ernster Stimme, „wollt Ihr mich allein gehen lassen? Kommt mit!" Stuinm erhob sich der Arzt und folgte. Man durchschritt einen langen finsteren Gang, der zu eiuem entlegenen Flügel des Schlosses führte; am Ende des Ganges blieb die Gräfin stehen. „Warte hier", rief sie der Dienerin zu, „bis wir zurückkommen; dauert es Dir zu lange, so kannst Du auch allein zurückkehren. Kommt, Amwser!" Sie öffnete die Thüre und schloß sie hastig wieder hinter sich und ihrem Begleiter. Sie befanden sich jetzt in einem Vorzinuner, das durch mehrere Thüren mit den angrenzenden Gemächern in Verbindung stand. Durch eine der Thüren drang ein dumpfer Lärm von mehreren Stimmen hindurch, die oft von einzelnen stärkeren Stimmen unterbrochen wurden. „Ich habe mich nicht getäuscht", sagte die Gräfin leise, „hier ist cs." Sic schauerte und stützte sich auf Amisser's Arm. „Amiescr, mein treuer Freund", sagte sie mit innigem Tone, „ein schwerer Moment steht mir bevor. Ihr seid schon einmal mein Schutzengel gewesen, seid es auch heute." „Heute und, stets", erwiderte.er erregt. Sie reichte ihm die Hand. Er beugte sich nieder und drückte einen heißen Kuß auf dieselbe. Ihre Hand blieb in der seinen und ihre Blicke begegneten sich vielsagend, aber kein Wort kam über ihre Lippen. Das Gemurmel der Stimmen nebenan verstunlmte und eine einzelne, helle und deutliche Stimme erscholl. Die Gräfin und Amieser horchten auf; sic erkannten die Stimme des Grafen Zarnowiecki. „Ja, Freunde und Landsleute," rief er, „fort mit ihm, der die Herrlichkeit Polens in den Staub treten, uns unsere Rechte nehmen und mit Arbeitern und Leibeigenen auf gleiche Stufe stellen will." „Fort mit ihm!" riefen sämtliche Stimmen, „er fahre dahin! Der Tod, den er verdient, werde ihm zuteil!" „Eines jedoch muß früher bestimmt werden," rief einer der Verschworenen; „das Reich soll keinen Moment lang verwaist sein, daß es in Gefahr stünde wieder einem ähnlichen oder gar einem noch schlimmeren zuzufallen. Es muß der sofortige Nachfolger schon im voraus bestimmt sein." „Ja, aber wer soll es nun sein?" fragte ein anderer. „Wenn der König einen natürllichen Thronerben hätte, so wäre es das Beste und Einfachste, denselben ihm folgen zu lassen. Dies würde einem blutigen Bürgerkriege Vorbeugen und unser Zweck wäre dennoch erreicht, denn der neue Monarch würde sich wohl hüten, in denselben Fehler zu verfallen, der seinem Vorgänger Thron und Leben gekostet. Aber der König hat ja keine männlichen Leibeserben. Oder existiert irgendwo ein solcher?" „Der Nachfolger ist da", rief aus einem Winkel eine heisere Stimme, die den horchenden Amivser erschreckt auffahren machte, „kein anderer hat wie der ein solches Recht darauf, diese Stelle einzunehmen." Ein Gemurmel des Erstaunens ließ sich vernehmen. „Was?" riefen mehrere Stimmen durcheinander, „was sagt der Jude? Er ist es, der uns den König geben will? Und kein anderer hätte ein solches Recht auf den Thron! Da bin ich doch neugierig, wen er meinen mag! Wer und wo ist denn dieser berechtigte Thronfolger?" Die Gräfin hatte sich inzwischen gesammelt und schritt entschlossen der Thüre zu, die zum Versammlungssaale der Verschworen führte. Amisser folgte umnittelbar hinter ihr. Eben hatte die letzte Frage durch den Saal geklungen, als die Thür sich öffnete und die Gräfin Zarnowiecka hochaufgerichtet in demselben erschien; ihr zur Seite, etwas nach rückwärts stand ihr Begleiter, der junge Judenarzt. „Hier!" schrie eine gellende Stimme, von einem alten Juden kommend, der in einem Winkel des weiten Saales sich befand und mit ausgestrecktem Arme nach der Thüre hindeutete. Alles blickte zur Thüre hin, deren Oeffnen man im Getümmel überhört hatte und ein Ruf der Ueberraschung ertönte auf allen Lippen. „Jadwiga, mein Weib!" rief der Graf Zarnowiecki, „was machst Du hier? wie kommst Du her?" „Die Gräfin!" rief es unter den übrigen Verschworenen; „was giebt es? Was geht vor?" „Amiesec!" rief aus einer Ecke wieder dieselbe gellende Stimme, „Du hier in diesem Momente! O Gott! O Gott!" Amiefer blickte hin und erkannte seinen Großvater, den alten Reb Josef. Die Gräfin stand noch immer in der Thüre und hatte kein Wort gesprochen. „Hört mich an, Ihr Herren!" sagte sie endlich, „ich weiß nicht genau, was Euch hier vereinigt und welche wich-