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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-12-27 · 52 (27.12.1895) · p. Seite 856

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
52 (27.12.1895)
Date
1895-12-27
Page
Seite 856 (sequence 8)
Language
German
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Seite 856. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 52. wird von den Schauspielern gespielt und vom Publikum angesehen — von Dan bis Berseba, d. h. vom Ost- bis zum Züricher See, von Hamburg bis Hermannstadl, „so weit die deutsche Bühne reicht." Kein deutscher Charakterspieler, er mag nun berühmt sein oder nicht, geht an die Darstellung des Shylock anders, als mit dem festen Vorsatze, aus ihm einen so niederträchtig-erhabenen, teuflich-edlen prosaisch-dämonischen Wucher-Helden zu machen, als seine — des Schauspielers — Natur und Anlage nur irgend gestatten. Und mit ähnlichen Vorsätzen eilt der naive Teil des Publikums in's Theater, um den „Kaufmann von Venedig", d. h. Shylock zu fehen. Studenten und Kommis, alles, was jung ist, für Ideal und Freiheit, für Shakspeare und Schiller schwärmt; alle Frauen, die in der Poesie nur das Süße oder das Grauenhafte suchen, (d. h. fast alle Frauen), und nun gar die Juden, ohne Unterschied des Alters, Geschlechts und Standes: sie alle halten den Shylock für eine Heroen- Natur, die nur etwas boshaft geworden ist, weil man sie gar zu sehr mißhandelt hat, und welche die eine Hand Richard dem Dritten, die andere aber dem Doktor Faust freund- und vetterschaftlich entgegenstreckt. Das ist die herrschende Ansicht. Aber keine kann unrichtiger sein. Shylock ist — nach Shakspeare's Ansicht — nicht die Hauptperson, sondern ein Klown und der „Kaufmann von Venedig" ist keine Tragödie, sondern ein Lustspiel. Diese Ansicht bricht sich immer freiere und breitere Bahn in der wissenschaftlichen Shakspeare-Kritik und wird hoffentlich bald ganz durchdringen, um dann die falsche Ueberlieferung von der Bühne und aus dem Publikum zu verdrängen. In der That, diese Ansicht ist so natürlich, daß man, um ihre Richtigkeit zu erkennen, nur die Augen, zu öffnen, oder die hergebrachten tragisch-färbenden Brillen von der Rase zu nehmen braucht. Man sehe sich doch nur den Grundriß des Stückes und die Verhältnisse seiner Teile an. Wie gering ist schon der Raum, den Shylock's Charakter und Schicksal einnimmt! Rur in wenigen Szenen stritt Shylock auf. Ueberall ist er in die Hauptverhandlung, die Werbung um Porzia, nur cingewebt, und selbst in der Gerichtsszene, wo er sich noch am breitesten und setbständigsten entwickeln darf, dient er eigentlich nur Prozia's heiterem Humor und überlegenem Geiste zum Untergrund. Nachdem er ganz abgethan und weggeworsen ist, rollt das Stück (im Original) noch einen ganzen Akt weiter in der heitersten und übermütigsten Weise, glänzend und schimmernd, lachend und gaukelnd. Ist es aber denkbar, daß irgend ein Dichter, geschweige denn Shakespeare, seine Hauptperson stets in zweiter Linie halten, und nach der Entscheidung ihres Geschicks die ^Nebenpersonen nicht nur lustig und munter, sondern auch sehr ausführlich ihre kleinen Händel weiter abspinnen ließe? Das wird doch niemand ernstlich behaupten wollen. Fragen wir jetzt die Menschen, die mit Shylock zu thun haben, als was sie ihn ansehen, und wie sie ihn behandeln. Seine Tochter verläßt und bestiehlt ihn, und erklärt „zwar seines Blutes zu sein, aber nicht seines Herzens"; sein Freund Tubal quält ihn mit boshafter Schadenfreude in dem Augenblicke seiner bittersten Leiden; sein Diener Lancelot läuft ihm davon; die jungen Lebemänner, Antonio's Freunde, verspotten ihn; das Gesetz, d. h. die Richter, ruinieren ihn, und selbst Antonio der gute, edle, großmütige Antonio, verachtet ihn und thut nichts sein Elend zu lindern. Shylock wird von allen gehaßt und verachtet; niemand^ hat Mitleid und Erbarmen mit ihm, niemand wird von seinem Geschick ergriffen, niemand wird überschauert von der Ahnung, daß er für ein Menschenrecht kämpft, wenn auch auf Unrechte Weise. Und Shakespeare sollte ihn zum Helden und Märtyrer haben machen wollen! Und wer ist er selbst nun, diese angebliche Verkörperung jüdischen Schmerzes und jüdischer Rachsucht? Gewiß, er fühlt das Unrecht, das ihm als Juden widerfährt; allein dies Gefühl ist nicht das an ihm rastlos nagende, in ihm bohrende, ihn zu unersättlicher Rachsucht aufstachelnde. Er haßt Antonio viel weniger deswegen, weil dieser ihm auf den „Roquelor" spukt, als weil er ihm den Markt verdirbt. Er haßt ihn nicht so sehr als Jude, denn als Spekulant, als Geschäftsmanu: er würde einen jüdischen Antonio ebenso tief hassen. Er will Antonio töten, aber zugleich mit der kaufmännischen Berechnung, daß er dann „in Venedig Handel treiben kann, wie er will", daß Antonio's Tod ein gutes Geschäft ist für ihn, so gut, daß er die 3000 Dukaten gern daran giebt. Ueberall zeigt sich Shylock als eine in ihrer Verbissenheit energische Natur, aber auch als eine niedrige, engherzige, unsympathische, auf die gewöhnlichsten Ziele gerichtete. Sogar in seinen Träumen sieht er nur Gold. Das Unrecht, das ihm geschieht, wird fast entschuldigt dadurch, daß es ihm geschieht. Wahrlich, einen unpassenderen Vertreter einer humanitären Idee hätte Shakespeare nicht erfinden können. Er hat es aber auch nicht thun wollen. Er hat sich der zu seiner Zeit allgemein verhaßten Figur des „jüdischen Wucherers und Blutsaugers" bemächtigt, und einerseits seine Habsucht dem edlen italienischen Kaufmann Antonio, andererseits die Oede seines Lebens und Treibens dem glänzenden, dem Genuß und der Liebe gewidmeten Dasein der Venezianer als scharfen Gegensatz entgegengestellt. Dabei hat er ihn nicht nur innerlich elend, sondern auch äußerlich verachtet gemacht. Die vornehmen Leute spotten seiner Qualen, sie fühlen gar nichts Menschlich-Gemeinsames zwischen sich und diesem Abschaum der Menschheit. Sie lachen, wenn er sich krümmt: das ist ihr ganzes Mitgefühl. Sein Schmerz ist ihr Lustigmacher, Shylok ihr Klown. Und er könnte nicht ihr Klown geworden sein, wenn er nicht der Klown des Publikums jener Zeit gewesen wäre. Wie aber konnte der Klown des sechzehnten Jahrhunderts im neunzehnten als tragischer Held gellen? Ich denke, dies sei so gegangen: Bekanntlich war Shakespeare fast 150 Jahre lang in England vergessen; die Ueberlieferungen der ursprünglichen Darstellung seiner Stücke ausgestorben. Als David Garick sie in der Mitte des vorigen Jahrhunderts zum erstenmale wieder auf die Bühne brachte, da beherrschte der Gedanke der religiösen Duldung alle gebildeten Kreise. Dasselbe und noch viel stärker war in Deutschland der Fall, aus dessen Bühnen Shakespeare bald Eingang fand. Was Wunder, daß die Aufklärung, die in dem Verhältnisse zwischen dem jüdischen Stamm und den europäischen Nationen nur erst die religiöse Seite sah, sich der Figur des Shylok bemächtigte und gewaltsam, wie jede dogmatische Richtung, ihr einen ursprünglich fremden Sinn unterlegte. Die Steigung der damaligen Schauspieler mag sich damit verbunden haben. Auch sie litten, wie die Juden, von dem Vorurteil und dem Mißtrauen der öffentlichen Meinung; das gemeinsame Unglück vereint, und sie mochten das Gefühl haben, die eigene Sache in der der Juden zu führen. Freilich ging dieser Umschwung nur langsam vor sich; denn nur lang- I

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