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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-12-27 · 52 (27.12.1895) · p. Seite 855

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
52 (27.12.1895)
Date
1895-12-27
Page
Seite 855 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 52. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 855. Jahre. Und diese einfache Deutung sollte den Weisen und (belehrten des ältesten Kulturstaates der Welt unbekannt geblieben sein? r nein! Sie verstanden wohl den Traum zu deuten. Allein eins verstanden sie nicht, das mußten sie erst lernen von dem aus dem Gefängnis hervorgeholten Hebräerjungen — „Judenjunge" konnte man damals noch nicht sagen - von dem Hebräerjungen, der auch nicht wegen eines Vergehens, sondern im Gegenteil wegen einer Thal reinster Keuschheit ins Gefängnis gekommen war. Und dies eine, welches selbst die ägyptischen Weisen, von denen doch alle Weisen des Altertums so viel gelernt haben wollten, nicht verstanden, war: die weise Verwaltung des irdischen Gutes; die Kunst des Sparens: die vernünftige Vorsorge in guten Zeiten für kommende schlechte Jahre. Als Joseph gesagt hatte: Möge nun der König dafür sorgen, daß aller Ueberfluß der fruchtbaren Jahre gesammelt und in den Städten ausgespeichert werde zur Nahrung in den sieben unfruchtbaren Jahren, damit das Land nicht in Hungersnot zu Grunde gehe, — da sprach Pharao: „Keiner ist so verständig und weise >vie Du. Wird denn ein Mann wie dieser gefunden, darin der Geist Gottes ist?" Dieses das erste Bild, und nun das zweite der Haphtara- Vorlefung an demselben Sabbat, die Vision des Propheten Secharjah Kap. 4. Hier die wörtliche Ueberfetzung: „Und es kehrte wieder der Engel, der mich anredete und weckte mich, wie jemand, der aus dem Schlaf geweckt wird. Und er sprach zu mir: Was schauest Du? Und ich sprach: Ich habe gesehen, wie da stand ein Leuchter ganz aus Gold und darüber ein Behälter. Daraus sieben Lichter und je sieben Gießrinnen für die Lichter daraus. Zwei Oehlbäume daneben, einen zur Rechten und einen zur Linken des Behälters. — Und ich hob an und sprach zu dem Engel, der mich anredete, folgendes: Was bedeutet das, mein Herr? — Und da antwortete der Engel, der mich anredete, und sprach zu mir: Und Du weißt nicht, was das bedeutet? Und ich sprach, nein, mein Herr! — Und er hob an und sprach zu mir folgendes: Das ist das Wort Gottes dem Serubabel, wie folgt: Nicht durch Heeresmacht und nicht durch Manneskraft, sondern durch meinen Geist, spricht der Ewige." Das Prophetengesicht, sollten wir meinen, wäre eben so leicht zu deuten, wie der Traum Pharaos. Wie dieser in der Beschaffenheit des Aegypterlandes seine Deutung findet, so dieses Prophetengesicht in der damaligen Lage Palästinas und des jüdischen Volkes. In dem Bilde dieses Leuchters war offenbar die Würde und die Pracht Jerusalems und des Tempels in der Zukunft, damit aber auch die zukünftige glanzvolle Wiederherstellung des jüdischen Staates angedeutet. Und diese so nahe liegende Deutung sollte dem Propheten entgangen sein, derart daß auch der Engel verwundert fragen mußte: „Und Du weißt nicht, was das bedeutet?" der Prophet wußte sehr wohl, was das bedeute. Was er nicht mußte und nicht begreifen konnte, das mar etwas ganz anderes. Ein großer Teil des Volkes war aber aus der Babilonischen Gefangenschaft zurückgekehrt. Die Reichsten und Vornehmsten waren es offenbar nicht, denn diese waren allem Anschein nach in Ruhe und Gemächlichkeit in der Fremde zurückgeblieben. Das heilige Land lag da, völlig verödet und verwüstet, seine sonst so verkehrsreichen Städte waren elende Trümmerhaufen, das Volk war verkommen und verarmt im höchsten Grade und was noch schlimmer als all das zusammen, daß die umwohnenden Völkerschaften den Zurückgekchrten mit wilder, ungezügelter Feindschaft begegneten und sie mit Tot und Verderben bedrohten. Der edle und tapfere Nehemijah, ein wahrhafter Held nach dem Herzen Gottes, wie das israelitische Volk kaum einen zweiten je gehabt, giebt von allen diesen Zuständen eine gar eindringliche und anschauliche Beschreibung. Die Hälfte des halbverhungerten, abgehärmten Volkes mußte sich bewaffnen und gegen die andrängenden Feinde Front machen, und auch die an der Wiederherstellung der Mauern Jerusalems arbeitenden Männer und Frauen mußten mit der einen Hand die Kriegswaffe, führen, mährend sie mit der andern ihre Arbeit verrichteten. Diese Zustände vorausgesetzt, mußte es ja dem Propheten als eine Unmöglichkeit erscheinen, daß die in dem Leuchterbilde verheißene zukünftige Erstehung und Gestaltung in Pracht und Herrlichkeit sowohl Jerusalems und des Tempels, als auch des Staates und Volkes je eintreffen könne. Und hieraus bezieht sich die Antwort des Propheten auf die Frage des Engels: Verstehst Du das? „Und ich sprach, nein, mein Herr." Der Engel belehrt ihn aber eines andern. Alles das wird sich vollbringen, aber nicht durch Heeresmacht, nicht durch Manneskraft, sondern durch ineinen Geist, spricht der Ewige. Der Geist Gottes, der auch in diesen armen, gehetzten und bedrohten Menschen lebt und wirkt, wird's vollbringen und hat's vollbracht. Die Aehnlichkeit zwischen diesen! Prophetengesicht und dem Traum Pharaos liegt offen zu Tage. Hier handelt es sich um Verwaltung des irdischen, dort um die Verwaltung des geistigen Guts. Der Gottesgeist, der in diesem Volke und in einem jeden Einzelnen dieses Volkes, auch dem Aermsten, wohnt und wirkt, befähigt diese zur besten Verwaltung all der Segnungen sowohl des irdischen als auch des geistigen Gutes. Rach dieser Richtung hin ist dieses Volk, sind alle feine zerstreuten Glieder erwählt und berufen, der Welt sich' nützlich und förderlich, vielfach auch als Beispiel und als Vorbild zu erweisen; der Verkündigung gemäß, welche schon seinem Erzvater geworden ist: „Und Du sollst ein Segen sein, durch Dich sollen alle Geschlechter des Erdbodens gesegnet werden." — — — Das ist, wie gesagt, keine Predigt; allein cs soll jedem gestattet sein, sich eine daraus zu machen. Shylick. III. Auch der Feuilletonist des Pester Blattes erkennt an, was wir über die Absicht ShakSpeareS mit der Figur, die er den Juden Shplock nennt, oben gesagt haben, obwohl er; der Feuilletonist, aus anderen! Wege zu diesen: Resultate gelangt. Er schreibt: Seit geraumer Zeit, wohl seit hundert Jahren hat das englische, und nach dessen Beispiel das deutsche Theater sich gewöhnt, Shplock zum Mittelpunkt von Shakspeare's „Kaufmann von Venedig", zur Hauptfigur dieses fiigurreichen Stückes zu machen. Shylock gilt als der Vertreter des jüdischen Märtyrertums, als sein grimmiger Rächer, als sein Judas Makkabäus, mit den: tiefen Schmerz, den großen Gedanken in der Blust, kurz als vollwichtige tragische Figur, welcher nur die veränderten Zeitverhältnisse den Wechsel und das Fleischermesfer statt des Schwertes in die Hand gedrückt. So

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