Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 52 (27.12.1895)
- Date
- 1895-12-27
- Page
- Seite 853 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 52. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 853. Aerztinnen geworden, und auch als Rechtslehrerinnen laufen sie den Männern den Rang ad. Während Schriftstellerinnen wie Madame de Genlis, Frau de Stael, eine Seltenheit waren, nehmen heute weibliche Heldinnen der Feder einen hervorragenden Rang ein. Eine Karoline Herrschet ist kein rara a.vis mehr, und cs stnd nur noch wenige Beschäftigungen, wie z. B. die, welche bedeutende physische Kraftanstrengung erfordern, in welchen Frauen nicht thätig wären. Das ist „die neue Frau", welche unserer Zivilisation eine neue Gestaltung geben dürste und einen heilsamen Einfluß ausüben wird. Nicht die Radfahrerin mit ihrem Bloomerkostüm, nicht das Weib, welches die Schamhaftigkeit verlernt, als Mann aufzutreten sich vornimmt und das höchste Juwel holder Weiblichkeit von sich wirst, nein, das Weib, das nach unabhängiger Stellung ringt, durch höhere Bildung, Wissensdrang und Vertiefung in Kunst und Wissenschaft thätig ist. Der Redner ging dann speziell aus die jüdische Frauenwelt über. Hier wäre seiner Ansicht nach der Fortschritt langsamer. Er zeichnete dann die Karriere von Frauen wie Nahida Ruth Lazarus (Remy), der Fräulein Emma und Josephine Lazarus, Ray Frank, der Frauen Rothschild, Goldsmith, Morgenstern und anderer, und wies dann nach, daß in der Erziehung unserer Heranwachsenden Jugend ein radikaler Umschwung stattfinden müsse, um die Töchter für die an sie herantretenden Ansprüche vorzubereiten. Er wies auch auf die erfolgreiche Thätigkeit der Frauen hin, welche sich der Nationalen Vereinigung jüdischer Frauen angeschlossen, und forderte die anwesenden Damen ans, die ersten zu sein, welche dem neu zu errichtenden Hilfsverein jüdischer Frauen, im Anschluß an den Orden B'nai B'rith, eine Pflanzstätte errichten. Nach beendigter Namenszeichnung wurde beschlosseu, noch weitere Beitrittserklärungen zu sammeln und dann die erste organisierende Versammlung im B'nai B'rith Klub einzuberufen. Hier wird alljährlich, wie auch in der alten Heimat bekannt, ein „Danksagungstag" abgehalten, dem kein religiöses, sondern ein rein nationales Moment innewohnt. Die Feier dieses Tages wird auch in den Synagogen durch Gottesdienst und Predigt begangen. Der letzte vom Nachfolger unseres seligen Kohut, Rabbiner Dr. Davidson, gehaltene Danksagungsvortrag enthielt einige prächtige Gedanken, die ich hier mitteilen möchte. Er sagte unter anderem: „Diese Feier ist für uns Juden mehr als eine Formalität. Ja, mit Eifer und Enthusiasmus begehen wir dieselbe, da mir uns als einen integrierenden Teil der imposantesten Gemeinde in dem majestätischen Welttempel betrachten: Die Gemeinde das gesamte Volk bnd der Tempel — dieses herrliche Freiheitsland . . . Ganz uesonders der Jude muß von der Bedeutung dieses Tages durchdrungen sein; denn dem jüdischen Volke, das Zenge gewesen von der Geburt, dem Wachstum, dein Verfall und dem Untergang mächtiger Nationen, enthüllte sich jetzt eine neue Phase in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit, und zwar in dem Werden und Wachsen dieser großen Nation . . . Nicht alles, was den: Altertum angehört hatte, ist mit den erloschenen Völkerschaften untergegangen. Ueber dem Ocean der Vergangenheit schwebt der Genius der Kunst, der Poesie und der Philosophie Griechenlands, der Geist der Gesetze Roms, alles was ideal war in dem Leben der Alten. Und durch dieses Erbteil der Nationen, vermählt mit don Gott- und Menschheitsgedanken dev Judentums, mit der Lehre sittlicher Freiheit, Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe — vermählt mit dem, was die dauernde Substanz des Lebens bildet: ist dieses Land von der Vorsehung bestimmt, die Pflegestätte eines neuen Typus von Kultur und Zivilisation zu werden und die idealen Hofinungen des Judentums zu verwirklichen, jene idealen Hofinungen, die durch ein einziges, durch Gott, Welt und Menschheit umfassendes Wort ihren Ausdruck finden, durch das Wort: Einheit. Und daß unser Glauben und Hoffen nicht auf Chimären beruhen, erfahren wir, wenn wir unser Augenmerk aus den Kamps zwischen zwei unversöhnliche Prinzipien lenken, die das Wohl und Wehe der Völker bedingen. Das eine Prinzip findet Ausdruck in den Worten dessen, der in diesem Lande die Souveränität des Volkes vertritt, das gegensätzliche Prinzip in den Worten dessen, der die schroffste Seite des Imperialismus zur Anschauung bringt. Der eine, der Präsident dieser Republik, spricht: „Ich danke Gott, daß, erhaben über alle Zweifel, Mißhelligkeiten und Schwierigkeiten, wir beständig das Licht der Hoffnung und Sicherheit erblicken können. Dieses Licht wurde enjizündet in der Liebe der Gerechtigkeit und in der treuen Pflege der Rechte des Volkes. Der andere, der hochgebildete und energische Herrscher des Denkervolkes, drückt seine Gesinnung aus durch die den alten Imperatoren abgeborgten Worte: Sic volo, sic jubeo! . . . Dies eben ist die bedeutende Lehre dieses Tages, daß das Prinzip fofr Volksfouveränität den kategorischen Imperativ bilde für die Pflege und Bethätiguvg der höchsten Bürgertugend". . Das argkntiilische Hilssmrk. Von Tr. S- K a y s e r l i n g. Das Interesse für die Kolonisation der russischen Juden in Argentinien ist zwar in letzter Zeit sehr abgeschwücht, weil die allzu hoch gespannten Erwartungen nicht sofort erfüllt wurden, nichtsdestoweniger verdient eine unparteiische sachgemäße Beurteilung, die der Globus Band LXVTII Nr. 12 von: September d. I. in einen: Artikel: Die Auswanderung nach Argentinien, von Dr. H. Palakowsky, unsere volle Beachtung. Die Ausführungen des Verfassers stützen sich aus den Bericht des General- Kommissars I. A. Alsina über die Thätigkeit des Einwanderungsamtes in Buenos Aires, der vor kurzem erschienen. Die Kapitel IV und V sind der viel umstrittenen jüdischen Einwanderung gewidmet. Die Frage: ist es möglich, die russischen Juden zu nutzbringenden ländlichen Arbeitern zu erziehen, interessierte die weitesten Kreise. Die meisten Urteile lauteten bisher sehr pessimistisch. Nach dem vorliegenden Berichte ist der Versuch des um seine Glaubens- und Stammesgenossen verdienten und opferfreudigen Baron Hirsch nicht ganz verunglückt. Sie haben die erste schwere Krisis überstanden, inan hat die Juden gezwungen zu arbeiten, oder — die Kolonien zu verlassen und für sich selbst zu sorgen. Sehen wir zunächst den heutigen Stand der Kolonien der Jewish Colonizat. Affociat. nach dem offiziellen Berichte an. Die Kolonien, belegen in fruchtbaren Bezirken der Provinzen Sauta-Fc, Entre Rios und Buenos Aires, haben sich in Ruhe und Ordnung günstig entwickelt. Ein Endurteil über den Wert dieser Einwanderung für Argentinien will Herr Alsina noch nicht fällen, da ihm eine vierjährige Beobachtungssrist für nicht genügend erscheint. Es wanderten 1834 ein 2890 russische Juden (gegen 713 im Jahre 1893),