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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-12-27 · 52 (27.12.1895) · p. Seite 852

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
52 (27.12.1895)
Date
1895-12-27
Page
Seite 852 (sequence 4)
Language
German
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Seite 852. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 52. lest und zeichnet sich durch eine Lebenssreudigkeit und einen praktische!: Optimismus aus, welche die Entwickelung der krankhaften Selbstmordneigung nicht zulassen. Ihre große Mäßigkeit wirkt in demselben Sinne günstig." „Aber auch unter den Juden reißt religiöse Indifferenz, Skeptizismus und Unglaube ein, zumal unter den gebildeteren. Es kann auch nicht anders sein; unter und mit den irreligiösen Christen lebend, nehmen sie an der modernen Geistesarbeit regen Anteil und bieten daher, zumal in den Städten, in religiöser Beziehung denselben Anblick wie die Christen." Der berühmte französische Statistiker A. Legopt, der den statistischen Verhältnissen der Juden in besonderen Artikeln bereits früher seine wissenschaftliche Thätigkeit zugewendet hat, hat dem Selbstmorde ein besonderes Werk gewidmet, das den Ditel führt: Le Suicide ancien et moderne. Etüde historique, philosophique, morale et statistique“ und gleichfalls 1881 erschienen ist.^, Nachdem er die geringe Ziffer der Selbstmorde bei den Juden im Vergleiche zu Protestanten und Katholiken konstatiert, bemerkt er: „Der Protestantismus, gegründet aus den Geist der Prüfung, der besonders in Sachen der Religion leicht zum Zweifel führt, kann aus den Selbstmord eine geringere präventive Wirkung ausüben als der Katholizismus. Dieselbe Bemerkung findet auch in Beziehung auf das Judentum statt. Gewiß hat sich der Zweifel in unserer Zeit unter die Glieder dieses Zweiges der großen semitischen Familie, die einst nicht zögerten, für ihren religiösen Glauben zu sterben, eingeschlichen. Allein bei demjenigen, der den Namen eines Gläubigen noch rechtfertigt, ist die Furcht vor den Strafen, mit denen der große hebräische Gesetzgeber ihn in diesem und im anderen Leben bedroht, wohl imstande, die äußersten Inspirationen der Verzweiflung zu beschwören." „Das ist noch nicht alles. Der Jude ist trotz der Fortschritte der Toleranz und seiner bürgerlichen und politischen Assimilation — wenigstens in einer großen Zahl von Ländern — mit der autochthonen Bevölkerung noch immer großen Teils in der Mitte dieser Bevölkerung isoliert. 9hm ist es eine allgemein anerkannte Beobachtung, daß die religiösen Minoritäten die größten Anstrengungen machen, um nicht die feindseligen Gefühle der Majoritäten gegen sie zu rechtfertigen." „Der Jude. ist übrigens gewissermaßen traditionell zu leiden gewöhnt. Auch ist er mit der Aussicht auf den Kampf erzogen worden und bringt für die Prüfungen dieses Lebens mehr Resignation und mehr Ausdauer mit, als die Völker, die ihn umgeben." „Frühzeitig verheiratet, erfreut er sich außerdem mehr als die anderen der heilsamen Einflüsse des Familienlebens." „Endlich haben die Israeliten, durch das Gefühl ihrer Isolierung in den Ländern, wo sie sich niedergelassen haben, eng mit einander verbunden, den Geist der Liebe unter einander in einein sehr hohen Grade. Diese Art gegenseitiger Versicherung gegen die äußerste Not ist eine Macht, welche den übrigen Bewohnern desselben Landes unbekannt ist." „Einige Autoren haben geschrieben, daß die verhältnismäßige Seltenheit des Selbstmordes bei den Israeliten die besondere Folge der allgemeinen Wohlhabenheit ist, durch welche sie die anderen Bewohner übertreffen. Diese Meintmg ist nicht blos nicht erwiesen durch die Thatsachen, sondern es ist allgemein bekannt, daß der Jude solche Beschäftigungen betreibt, die den ökonomischen Wechselsällen am meisten ausgesetzt sind." . Professor E. Morselli sagt in seinen: Werke: „11 Suicidio iSaggio di statistiea morale comparata“ (Mailand, 1879), S. 210: „Nachdem die Nachkommen Abraham's sich mehr unter die anderen Völker und auf der ganzen Erde zerstreut hatten, haben sie iu:n:er gezeigt und zeigen immerfort, daß zu ihren moralischen charakterischei: Zügen die gewöhnliche Widerstandskraft gegen den Selbstmord gehört." Wir wiederholen es, daß wir in Rücksicht auf die innerhalb der Berliner Gemeinde vollführten Selbstmorde uns eine gewisse Reserve auferlegen und weder den Moralprediger noch den Moralstatistiker hier spielen wollen. Allein wir können nicht umhin mit Bedauern zu registrieren, daß manche moralische Tugenden, welche früher den jüdischen Stamm auszeichneten, in der Mitte desselben durch mannigfache Einflüsse geschwächt worden sind. Eine derselben ist die hoffnungsselige Ausdauer in: Kampfe um's Dasein. Es giebt Juden in unserer Zeit, welche gegen den Geist ihrer Religion sich duellieren und Blut vergießen oder sogar töten, un: ihre Ehre rein zu waschen, und Juden, denen ein falsches Ehrgefühl die Mordwaffe in die Hand drückt, mit der sie ihrem Leben selbstmörderisch ein Ende bereiten, d. Äiiimlinnifdifö Judentum. St. New Nork, 10. Dezember. Der National-Verein jüdischer Frauen, mit seinen Zweig- Vereinen in allen amerikanischen Städten, in welchen sich eine größere jüdische Bevölkerung befindet, und welcher sich hauptsächlich die Weckung des religiösen Lebens zur Aufgabe gemacht hat, begnügt sich nicht länger mit der Abfassung und der Verlesung geistreicher Abhandlungen, sondern geht nun damit um, praktisch einzugreisen. Der Verein in Baltimore hat beschlossen, für die Heilighaltung des Sabbats seitens der Frauen einzutreten. Im Missionswege sollen die Frauen bewogen werden, sich aller Einkäufe, sei es von Lebensmitteln, von Mode- und anderen Waren, am Sabbat zu enthalten, feine Theater zu besuchen, keine Unterhaltungen am Freitag Abend zu arrangieren, mit anderen Worten, die alte jüdische Institution in Ehren zu halten, statt sie zu mißachten, wie das immer mehr einzureißen droht. Die Männer mögen durch Verhültniffe gezwungen sein, ihren Geschäften an: Samstag obzuliegen, die Frauen sind es nicht, und den: jüdischen Hein: sollte die Poesie des Ruhetages erhalten bleiben. Auch hier in New Port wird das Beispiel Nachahmung finden, und wenn mit der Frauen eignen Energie betrieben, gewiß von Erfolg begleitet sein. Der erste Damenhilfsverein in: Verein mit dem Orden B'nai B'rith wurde am 20. November gegründet. Herr M. Ellinger, Präsident der Washington Loge, hielt vor einem zahlreichen Publikum von Herren und Damen einen Vortrag über das Thema „The new Woman“ und infolgedessen erklärten fast sämtliche anwesende Dan:en ihren Beitritt zur neuen Gesellschaft. Der Redner zeichnete in scharfen, markigen Untrissen die Geschichte der Frauenbewegung, wie sie seit den fünfziger Jahren in's Leben getreten. Während in früherer Zeit die Sphäre der Frau auf das häusliche und gesellschaftliche Leben beschränkt war, hat sich seit den: letzten halben Jahrhui:dert ein merkwürdiger Umschwung kundgegeben. Die Frauen haben mit großem Erfolg die verschiedensten Professionen errungen, welche früher nur Männern zugänglich waren. Die Hörsäle der Universitäten haben sich ihnen erschlossen, früher nur Hebammen, sind zu tüchtigen

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