Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 52 (27.12.1895)
- Date
- 1895-12-27
- Page
- Seite 851 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/4794838-9608360-9609175--1014-9609178- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 851. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 52. Ein „Gabbai" der Berliner Gemeinde, der jetzt verstorbene Levi Mann, welcher im Hause des seligen Dr. Sachs aus- und einging und der sich in damaliger Zeit vielfache Verdienste um die Berliner Gemeinde erworben, erfuhr einst am Freitag Nachmittag, daß eine anständige Familie in Not geraten sei. Die Kasse in der Rosenstraße war schon geschlossen. In seiner Verzweiflung ging er zu dem Rabbinatsassessor Dr. Sachs, der in seinem Studierzimmer mit den Vorbereitungen zu der Predigt beschäftigt mar, dem er in fliegenden Worten seine Verlegenheit und die Not der betr. Familie schilderte. „Aber, lieber Herr Mann, — ich bin, wie Sie sehen, mit meiner Predigt für morgen beschäftigt, wie soll ich jetzt helfen? Dort im Eckschrank ist ein Kästchen, es wird noch etwas Geld darin sein. Nehmen Sie den kleinen Vorrat, — meine Frau hat schon ihr Schabbosgeld genommen, — kommen Sie morgen Abend wieder, dann wollen wir weiter beraten, was zu thun ist." Levi Mann kannte den Schrank und den Geldbehälter und fand darin zwölf Thaler. „Aber, Herr Dr., soviel ist vorläufig nicht erforderlich! „Nehmen Sie und lassen Sie mich jetzt weiter arbeiten — bis Morgen Abend s. G. w. Adieu!" — Der Schreiber verbürgt sich für die Wahrheit dieser Erzählung. Man beachte die Worte des Rabbiners: meine Frau hat schon das ihrige auf Schabbos — nehmen Sie das Uebrige. Er giebt einstweilen .86 Mark und will erst beim Sabat-Ausgang beraten, wie zu helfen ist. — Rr. 2. Ein bekannter polnischer Rabbiner, der mit dem Kommerzienrat N. N. in Berlin entfernt verwandt ist, kam zu Dr. Geiger und bat um seine Fürsprache bei dem Kommerzienrat für einen Beitrag zur Mitgift seiner Tochter. Dr. Geiger überzeugte sich aus den Papieren des fremden Rabbiners von der Wahrheit dieser Angaben und begab sich sofort zu dem Bankier. Dieser erkannte ebenfalls die Verwandschaft mit 500 Thalern an, die er sofort dem Rabbiner übergab. Wer beschreibt die Freude des polnischen Rabbiners über die rasche Erledigung — aber auch den Schrecken des Dr. Geiger, als der Petent am Freitag ihn wieder besuchte und unter strömenden Thränen erzählte, die ganze Summe wäre ihm in der Herberge gestohlen morden! Dr. Geiger verspricht am Sonntag nochmals l en Kommerzienrat zu besuchen. — Am Sabbat kommt der Rabbiner in die Synagoge und siehe da, der Kommerzienrat kommt ihm — allerdings mit einer brennenden Cigarre in dem Mund — entgegen. Rach einigen Worten der Begrüßung bittet Dr. G. den Kommerzienrat, er möchte auf wenige Minuten mit nach seiner nahegelegenen Wohnung kommen. Der Kommerzienrat versteckt die brennende Cigarre so gut es geht und begleitet den Dr. Geiger nach der Wohnung. Dort erzählt der Rabbiner das Mißgeschick des Petenten mit bewegten Worten und der Kommerzienrat greift :n leine Brustlasche und übergiebt zum zweiten Male 500 ^Thaler. Was nun folgt, wird manchem unserer nicht am Sabbat rauchenden Leser weniger gefallen, aber es gehört zu unserer Erzählung. Dr. Geiger übergiebt dem Kommerzienrat ein Päckchen — Streichhölzer und sagt: wer so wohlzuthun versteht, darf auch das Feuer seiner Cigarre am Sabbat leuchten lassen. Bar Min an. Dtt Rtvolvrr. In letzter Zeit haben Mitglieder der hiesigen jüd. Gemeinde ihrem Leben durch den Revolver ein Ende gemacht. In Rücksicht auf die trauernden Familien unterlassen wir es, den Charakter und die Lebensrichtung jedes einzelnen, der von der Mordwaffe gegen sich selbst Gebrauch gemacht hat, zu analysieren und auf die Motive der vollbrachten Selbstmorde näher einzugehen, so verlockend es auch märe, dies zu thun, indem unter den erwähnten Selbstmördern verschiedene Nüancen des Judentums vertreten sind. Allein wir können die Thatsache an und für sich nicht mit Stillschweigen übergehen, zumal auch anderswo, auch außerhalb Deutschlands, die Selbstmorde unter den Juden im Verhältnisse zu früheren Zeiten zahlreicher sind. Wenn man ein statistisches Werk zur Hand nimmt und darin das Kapitel lieft, welches vom Selbstmorde handelt, so findet man, daß die Bekenner des Judentums den geringsten Prozentsatz im Vergleiche zu den übrigen Konfessionen liefern. Der jüdische Stamm zeichnet sich durch Langlebigkeit, durch weniger Sterbefälle bei kleinen Kindern und durch eine geringere Zahl yon Selbstmorden aus. Was den ersten Punkt betrifft, so haben wir in diesem Momente keine Nachforschungen darüber angestellt, wie es sich mit demselben in der Gegenwart verhalte. Wir wollen blos konstatieren, daß eine Stimme aus Amerika eine körperliche Degeneration eines Teiles der dort lebenden Juden bemerkt haben will. Der zweite Punkt ist unverändert derselbe geblieben, wie in vergangenen Tagen. Denn unsere heutigen jüdischen Frauen sind dieselben sorgsamen, vorsichtigen, zärtlichen, hingebenden und aufopfernden Mütter wie ihre leiblichen Vorfahren. Eine jüdische Mutter, und wäre sie noch so arm, denkt nur an ihr kleines Kind und bietet alles auf, um es gegen die, das zarte Leben so vielfach bedrohenden Gefahren zu schützen. Auch die jüdischen Ehemänner aus den untersten Volksschichten ersparen sich keine Anstrengung, um ihre Frauen oder die Mütter bei den hilflosen kleinen Kindern zu lassen, damit sie dieselben behüten und pflegen. Den letzten oder dritten Punkt anlangend, so wollen wir nicht selbst das Wort führen, sondern es einigen bewährten und anerkannten Statistikern überlassen. Prof. Dr. Th. G. Masaryk in Prag hat im Jahre 1881 eine ausgezeichnete Schrift unter dem Titel: „Der Selbstmord als soziale Massenerscheinung der modernen Zivilisation", veröffentlicht. Aus Seite 222—223 schreibt er folgendes über die Juden: „Ueber die kosmopolitische Rasse der Juden zerbrechen sich die Philosophen nicht minder als die rohen Massen schon lange den Kopf, und doch ist die Geschichte dieses höchst merkwürdigen Volkes noch gar nicht geschrieben. Uns interessiert hier nur der lebendige Gottesglaube dieses Volkes. Aus dem Alten Testamente ersieht man, wie den Juden von denen, die ihre intellektuelle und moralische Leitung in Händen hatten, der Theismus eindringlich in das Herz gepflanzt wurde; es ist ganz wunderbar, wie das kleine Volk in seinen großen Nöten — es giebt kaum ein unglücklicheres Volk als die Juden — immer neue Hoffnungen und neuen Trost in seinem Gotte fand." „Die großen Drangsale, denen die Juden stets ausgesetzt waren, hielten sie aus infolge ihrer Religion, die, wie Gibbon richtig bemerkt hat, wunderbar geeignet ist zur Abwehr, aber niemals zur Eroberung bestimmt ist. Verfolgt und verachtet, hält das jüdische Volk an der Religion der Väter