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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-12-27 · 52 (27.12.1895) · p. Seite 850

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
52 (27.12.1895)
Date
1895-12-27
Page
Seite 850 (sequence 2)
Language
German
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Seite 850 Nr. 52. Aügeme ne Israelitische Wochenschrift. Wie weiland Dr. Faustus blätterten wir im Buche der Zeit und suchten vergebens nach einem Zeichen, einem Worte, das uns den Geist der Gegenwart zitiere, dem Geist der Erde uns näher bringe. Das Wort des liberalen Herrn — und „Wie anders wirkt dies Zeichen auf mich ein! Tn, Geist der Erde, bist mir näher ■ . Unsre Kulturjudcnheit steht mtter dem Zeichen des Naseuringes. Dieser soll nicht allein im bürgerlichen Leben getragen, er soll auch in unsere Gotteshäuser gebracht werden. War es ehedem das Verlangen nach Vertiefung der religiösen Idee, nach Verschönerung der kultuellen Einrichtungen, das eine Rcformbewegung hervorrief, so ist es jetzt einzig der 'Nasenring, von dem sich unsre Kulturträger leiten lassen. Ob Deutsch oder Hebräisch gebetet, am Sabbat oder Sonntag gepredigt werde in den Synagogen, die sie — nicht besuchen, das ist ihnen an sich gleichgiltig; weil aber die „andern ringsher" in deutscher Sprache beten und am Sonntag predigen lassen in ihren Kirchen, die sie ebenso wenig besuchen, treten unsere „Resormfreunde" für gleiche Veranstaltungen ein. Der Nasenring hat unfern lehrenden Rabbiner in einen pathetischen Prediger verwandelt, unfern gemütvollen Vorbeter zu einem gedankenarmen Vorsänger herabgewürdigt; er hat unsre jüd. Gotteshäuser verwüstet, unser jüdisches Herz verödet und dem Judentum das Aussehen eines matten Greises verliehen, der nicht Kraft zum Leben und nicht Mut zum Sterben hat. Das Wesen der „Berliner Bewegung" ist nun — hat dies auch niemand ausgesprochen — der Kampf gegen den Einfluß des Nasenringes auf unser religiöses Leben, auf die Entwickelung unsrer gottesdienstlichen Einrichtungen. Die Enkel wollen gut macheu, was ihre Ahnen verschuldet. Ueber die Sünden der Väter ist hier schon einmal gesprochen worden, über die Sühne der Söhne wird hier noch oft gesprochen werden. Sie soll und wird sich zeigen in dem Walten und Wirken der Männer, die am 28. November gewühlt worden sind unter dem Zeichen, unter dem Einflüsse der — Berliner Brwegung! A. L. Alit der vorliegenden Itr. beschließt unser Blatt seinen vierten Jahrgang. H)u° bitten unsre H-sftabonnenten das Abonnement schleunigst zu erneuern. Unsre hiesigen u. auswärtigen Abonnenten, die das Blatt unter Streifband von unsrer Expedition beziehe?!, erhalten es ununterbrochen zugesandt, wofern keine Abbestellung erfolgt. Der des Blattes ist, trotz Vergrößerung desselben, nach wie vor Zwei Ulark. Aedactiou u. Verlag der A. H. ID. Wegen der christlichen Feiertage einerseits nnd infolge einer Betriebsstörung andererseits erscheint diese Nr. mit Verspätung. iliilrrr Knlibinrr. IV. In den Artikeln pro und contra behandelt diese Wochenschrift die obige Frage, d. h. die Stellung der heutigen Rabbiner zu der jüdischen Wissenschaft, und die Schreiber des 1. und 8. Briefes kommen zu dem Ergebnis, daß die jetzigen Rabbiner, speziell die aus dem Breslauer Seminar für die Wissenschaft nichts gethan haben und daß die Seminarien die Wissenschaft totgeschlagen haben. Die Ankläger wie der Verteidiger haben nach ineiner bescheidenen Ansicht sich ganz unnötig aufgeregt, denn bis jetzt ist es noch keinem Zeitgenossen und keinen Rabbiner eingefallen, die Behauptung aufzustellen, daß die Rabbiner in dieser Hinsicht etwas geleistet, ja noch mehr, daß man eine Thätigkeit in dieser Richtung von ihnen verlangt, und auch die Erwiderung des Herrn Caro bewegt sich bei seiner Verteidigung in den bescheidensten Grenzen. Die Träger der jüd. Wissenschaft seit Mendelssohn (mit Erlaubnis des Herrn Dr. Bernseld) waren fast ausnahmslos keine Rabbiner. Mendelssohn war Kaufmann, die Mitarbeiter des „Sammler" Friedländer, Wessely rc., gehörten nicht diesen? Stande an. Zunz war ein Privatgelehrter, Steinschneider ein Schulmeister und Grätz Universitätsprofessor, und von den meisten jetzigen Rabbinern ist als einziger Beitrag zu der jüd. Wissenschaft weiter nichts bekannt als — ihre Dissertation, denn Predigtsaminlungen sind keine Produkte der Wissenschaft. Unsere modernen Rabbiner mit und ohne Käppchen uiachen gar keinen Anspruch darauf, zu den Männern der Wissenschaft gezählt zu werden; sie wollen nichts anderes sein als - Geistliche. Es hilft alles nichts, daß wir uns dagegen sträuben und behaupten, ein Rabbiner kann kein Geistlicher sein, er sei Lehrer der Religion. Wir wollen recht zufrieden sein, wenn sie nicht allein in ihrem Aeußern den Geistlichen kopieren, sondern auch durch ihr Thun den Geistlichen repräsentieren. Daß die Herren dieses selbst erkannt, beweist der Ausspruch eines ihrer berufensten Vertreter. In seinem Lehrbuch der Homiletik sagt Maybaum: „Das Predigtamt nur als Pfründe zu benutzen, um die Wissenschaft anzubauen, ist eine schwere Sünde, begangen an dem Heiligtum der Gemeinde. Der Rabbiner ist für das Predigtamt an der Gemeinde bestellt. -■ - — — Eine einzige Predigt, die ihren ' Zweck erfüllt, ist mehr wert als eine gelehrte Abhandlung - eine einzige Seele getröstet und erbaut zu haben — ist ein größerer Segen, als die Abfassung manchen Buches " Ob wir mit diesem Ausspruch vollständig einverstanden sind oder nicht, ist gleich, die jüdische Wissenschaft wird sehen, wie sie ohne die Jünger der Seminare fertig wird. Aber wie sieht es mit der Pastoralen Thätigkeit unser Rabbiner aus'?' Der Autor des ersten Artikels sagt: „Die Lebensbcdingungen der jüdischen Gemeinde sind: Thora und Abodah, — wo aber bleibt die stärkste Säule: G e in i l u t E h a s s a d i m! ‘i Hier wäre ein weites Feld für segensreiche Thätigkeit unserer Rabbiner. Wie die Wohlthätigkeit von ihnen gepflegt wird, wollen wir an konkreten Beispielen in einem folgenden Artikel darlegen. Heute nur zwei Episoden aus der Vergangenheit, deren Wahrheit wir verbürgen und die beweisen sollen, wie unsere früheren Berliner Rabbiner Gemilut Chassadim geübt und angeregt.

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