Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 52 (27.12.1895)
- Date
- 1895-12-27
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Io. 52. Jahrgang IV. « e M tt II t Jertm, 27. Dezember 1895. ÄS A | SMMlM Herausgeber A. ^evtn, Merlin. Jefchurnn. Bezugspreis: vrerteljährk. 2 Wk. Erscheint an jedem Areitag. Bezugspreis für das Anstand: Wk. 2,50. Zu beziehen durch die Post, Redaktion und Verlag: Hr Kamburgerstr. 21. Anzeigen, die Jeite 25 Rf., nehmen alle Annoncen-Expeditionen sowie unser Bureau entgegen. Znbalti Die Berliner Bewegung. II. Unsere Rabbiner. Von Bar Minan. Der Revolver. Amerikanisches Judentum- Das argentinische Hilfswerk. Von Dr. S. Kayserling. Erinnerung an den Sabbat-Chanuka. Von Dr. I- Ritt. Shylock- III- Zahn um Zahn. Wochen-Chronik. — Brief- und Fragekasten- Kalender — Anzeigen. Die Lkllintt ömegung. II. Eifrige Besucher der Versammlungen und fleißige Leser der Verlautbarungen beider Vereine, die sich hier nicht allein gegenüber gestanden, sondern auch einander bekämpft haben, konnten an der Wahrheit unsrer Behauptung, daß es sich in der verflossenen Wahlkampagne in Berlin auch um Prinzipien gehandelt, leicht irre werden. Die Kundgebungen der „Liberalen" unterschieden sich von jenen der „Zentralen" lediglich — so schien es — durch ihre Qualität und ihre Tonart; die Reden der letzteren waren warm, ihre Schriften scharf, die Worte der Liberalen kühl, ihre Flugblätter matt — wie nahe lag der Schluß, daß nicht eine Anschauung, sondern das Temperament die beiden Vereine scheide! Und wenn in einer Frage, die in dem Wahlkampfe eine hervorragende, ja die hervorragendste Rolle gespielt: — in der Kultusfrage nämlich — die Liberalen einen Gottesdienst in vorwiegend deutscher Sprache forderten und der Zentralverein demgegenüber erklärte, daß er sich weder gegen die schon eingefühcten deutschen Gebete noch gegen eine Vermehrung derselben sträube — wie selbstverständlich war die Frage: Wo ist hier der prinzipielle Unterschied? Sind das nicht vielmehr nur zwei Wege, die zu einem Ziele führen? Wer so fragt, hat gut gefragt, hat das Richtige getrosten, den Kern unsres Kampfes, das Wesen der „Berliner Bewegung" bezeichnet. Denn ist er auch von keiner Seite näher desiniert morden, so daß ein Redner des Zentralvereins ohne Widerspruch hatte sagen dürfen, die Oppositionellen ließen sich vornehmlich von einem gewisten Instinkte leiten: sie fühlten, daß ihnen etwas fehle, ohne dieses Etwas nennen zu können, — der prinzipielle Gegensatz bestand und besteht; er bildet eine unüberbrückbare Kluft, über die hinweg sich die u n t e r r i ch t e t e n Anhänger beider Parteien nimmer die Hand reichen können und darum auch nie reichen werden. Nicht Orthodoxie und Neologie heißen diese Gegensätze — der Zentralverein hat ebensoviel Mitglieder, die keiner Kultusreform abhold sind, wie der Liberale Anhänger, die sich nur in einer orthodoxen Synagoge^erbauen können — sondern . . . Doch versuchen wir es mit einem gegebenen Beispiel! In der Kultusfrage schienen beide Parteien einig. Die eine forderte vorwiegend deutschsprachigen Gottesdienst, die andere erklärte, sich gegen Vermehrung der deutschen Gebete nicht sträuben zu wollen — das ist ungefähr dasselbe, sagt man. Fassen wir jedoch Forderung und Gewährung korrekter, fassen wir sie so, wie sie thatsächlich ausgesprochen wurden: Hüben: „Hebräisch und auch Deutsch!" drüben: „Deutsch und auch Hebräisch!" — wer wollte noch behaupten, dies sei dasselbe? Wem die Priorität in der Entwickelung unserer kultuellen Einrichtungen, wem das schöne Recht, Konzessionen zu machen, gebühre: ob der erprobten Vergangenheit oder der unbewährten Gegenwart, das war die Frage, um die hier gerungen wurde, und die Beantwortung dieser Frage bildet den prinzipiellen Gegensatz, der die beiden Parteien scheidet, die weite Kluft, über die hinweg sie sich nimmer die Hand reichen können, bildet den Kern unsres Kampfes, von dem wir gesprochen haben. Und dann noch ein anderes. In einer Versammlung der Liberalen that einer ihrer Wortführer einen Ausspruch, der, vielleicht unbewußt, so treffend die Situation im allgemeinen und das Streben der zeitgenössischen Reformfexe im besonderen zeichnete, daß dieser — der Ausspruch —- verdiente als Motto an den Kopf aller „liberalen" Flugschriften. gesetzt und jener — der Wortführer — an die Spitze der ganzen Partei gestellt zu werden. „Wenn man als- Zeichen der Zugehörigkeit zum Deutschtum", sprach Dr. Curt Pariser, der unter den Nichtgewählten vom 28. November die wenigsten Stimmen auf sich vereinigte — „einen Nasenring tragen müßte, ich würde die Verleihung eines solchen Ringes energisch fordern."