Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 51 (20.12.1895)
- Date
- 1895-12-20
- Page
- Seite 845 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 51 Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 815. darunter 1200 Mk. für Pensionen, so daß ein Bestand von 1008,88 Mark verbleibt. Vorsitzender des Vereins ist Dr. S. Samuelsohn in Breslau. *1 Dr. Salomon Fuchs Rabbiner in Kojetein hat sich am vorletzten Sonnabend in einem Anfalle von Geistesstörung in einen Brunnen gestürzt, aus welchem er später als Leiche hervorgezogen wurde. Der Unglückliche war ein in Fachkreisen bekannter junger Gelehrter, er stand erst im Alter von dreißig Jahren, war Mitarbeiter des kürzlich verstorbenen französischen Gelehrten Dr. Derenbourg und Redakteur einer hebräischen Zeitschrift. Er litt an der fixen Idee, daß er zu wenig leiste. Dieser Wahn hat ihn bereits früher zweimal, und zwar in Wien, zum Selbstmorde getrieben. Wie seinerzeit gemeldet, sprang Dr. Fuchs vor einigen Monaten in Wien in die Donau, wurde gerettet und in das Spital der Barmherzigen Brüder gebracht, wo er neuerdings den. Versuch machte, sich mit einem Messer das Leben zu nehmen. Daran wurde er jedoch durch das Dazmischentreten eines Wärters verhindert. Von Wien wurde er in die mährische Landes-Jrrenanstalt gebracht, aus der er bald, und zwar zu Beginn des Herbstes als geheilt entlassen wnrde. Seither lebte er wieder seinem Berufe in Kojetein, bis er am Samstag in einem neuerlichen Anfalle von Sinnesverwirrung den Selbstmord beging. Das tragische Ende des jungen Gelehrten hat in den Kreisen seiner Freunde aufrichtige Teilnahme hervorgerufen. *2. Alexandre Dumas und die Bühnenjuden. Es ist nicht allgemein bekannt, daß wir dem verstorbenen Alexandre Dumas eine Revolution in dem Typus der Bühnenjuden verdanken, den französische Dramatiker so gern schildern. Bis vor einigen zwanzig Jahren war es in Frankreich Bühnentradition, Juden stets in einem traurigen oder lächerlichen Lichte erscheinen zu lassen. Aber in seinem Drama „La Femme de Claude“ brach der große Dramatiker mit diesen Traditionen und gab der Bühne zwei jüdische Charaktere — den Erfinder Daniel und seine Tochter Rebekka — von höchst sympathischer Natur. Als ein Träumer von Idealen, ein Held, der große und ruhmreiche Projekte verfolgt, reiht sich Daniel würdig an George Eliots Figur eines edlen Juden in Daniel Deronda an. In seiner Vorrede zu dem Schauspiele schrieb Dumas: „Ein Land, wo Claudes herrschen, und wo Frauen wie Rebekka und Freunde wie Daniel vorhanden sein würden, würde nicht leicht zu täuschen und zu erobern sein." Dumas soll von der Mutter Seite, jüdisches Blut in seinen Adern gehabt haben, und darauf ist wahrscheinlich die freundliche Behandlung zurückzuführen, die er seinen jüdischen Bühnengestalten angedeihen läßt. „La Femme de Claude“ ist auch von einem anderen Gesichtspunkte aus interessant. Die „jüdische Nationalidee", die jetzt in den > Gemütern vieler Juden in allen Weltteilen Wurzel saßt, wurde von Dumas vorhergesehen, der in den Mund Daniels Pläne für die Wiederherstellung eines jüdischen Staates in Palästina legt und ihn also buchstäblich zu einem „Zionisten" macht. Doch war das nicht Daniels einziger Traum, denn sein Schöpfer erweckt in ihm auch die Sehnsucht, die verlorenen zehn Stämme zu entdecken und sie nach ihrer alten Heimat zurückzubringen. Kier und dort. — Ter Synagogen-Derein „Beth Zion", (Synagoge: Brunnenstraße 10, Religions-Schule: Linienstraße 162), veranstaltet zur Feier seines 16jährigen Bestehens am 5. Januar 7 Hs Uhr in Dräsels Festsälen, Nene Friedrichstraße 35 ein Stistnngssest verbunden mit Ball, Deklamations- sowie humoristischen Borträgen. Tie Festrede wird Herr Direktor Rabbiner Höxter halten. Eintrittkarten sind beim Vorsitzenden, Herr» I. Heymannsohn, Brunnenstr- 57 z» haben. — Am Montag c. 16. d. M. feierte das K rakauersche Ehepaar das seltene Fest der goldenen Hochzeit. Das Paar lebt in der Alter-Dersorgungs-Anstalt der jitb- Gemeinde, woselbst das schöne Fest gefeiert wurde. Die Einsegnung vollzog in der Anstaltssynagoge Rabb. Tr. Ungerleider. — Man schreibt uns: Recht dankbar bin ich dem Zufall, der mich Zeuge einer wahrhaft erhebenden Feier werden ließ. Der Verein „Judas Töchter" veranstaltete Dienstag d. >7. d. Min Richter's „Hotel-König von Portugal" eine Chanukka-Feier bei welcher mehr als 60 Kinder reichlich beschenkt wurden, Nachdem Herr Goldmaun mit dem üblichen Segenssprnch die Lichter angezüudet, stimmte die große Kinderschar die Chanukka-Hymne, an. In der Hierauf folgenden Festrede schilderte Frl. Ranit den Kindern die Unterdrückung unserer Vorfahren durch die Syrer und die mutvolle Erhebung Juda Makabi's in begeisterten Worten. Möge der junge Verein noch lauge zum Segen wirken. Den Damen die sich um das Zustandekommen dieses Arrangements bemüht haben, gebührt volle Anerkennung. — Die zweite Badische Kammer ging mit allen gegen zwei konservativ-antisemitische Stimmen über die antisemitische Petition um Uebersetzung des Schulchan-Aruch aus Staatskosten zur Tagesordnung über. Der nationalliberale Führer Fieser bezeichnete in verschiedenen Wendungen die antisemitische Bewegung als Schmach und Schande. — Der „Verein zur Beförderung von Handwerken und sonstigen bürgerlichen Bcrufsarten unter den Juden der Synagogengcmeinde und des Landrabbbinatsbezirks Hildesheim" erstattet Bericht über das Jahr 1894. Die Einnahmen betrugen 722,04 M., die Ausgaben 613,84 M., das Kapitalvermögen 8641,20 Bi. Acht Lehrlinge erhielten Beihilfe im Betrage von 50 — lOO Bi., außerdem wurden den beiden besten Lehrlingen Prämien gewährt- — In dem soeben erschienenen „Polit.Jahrb. der Sch we i z e r ischer Eidgenossenschaft" von Pros- Hilty finden wir folgende interessante Stelle: „Die Israeliten haben in der Schweiz zu leiden unter dem Druck des s. g- „Schächtartikels" der Bundesverfassung der, wie leicht voransznsehen war, nur gegen sie angewendet wird, da, wo überhaupt Judenhaß besteht, was glücklicherweise nicht überall der Fall ist. In der übrigen Welt gelang es noch nirgends, außer in Sachjen, dem schweizerischen Beispiel Nachahmung zu verschaffen, und es steht die Schweiz daher mit diesem Schritte gegen eine kleine Kultusgenosseuschaft ganz allein. Wenn dessenungeachtet der Antisemitismus im ganzen noch immer im Zunehmen begriffen ist, so liegt dies, außer au dem Neid gegen die strebsamen Juden, der dabei eine erhebliche Rolle spielt, wesentlich an denjenigen ihrer Volksgenossen, welche, wie Cornelius Herz und noch viele andere jüdische Finanzgrößen, ihre Geldmacht in sehr rücksichtsloser Weise zum Nachteil ihrer Mitmenschen ausbeuten. Diese und ihre Nachahmer sollten von den Juden selber mehr verhorresziert werden, dann würde sich der Haß allmählich legen. — Aus Kulmsee wird uns geschrieben: Am Sonntag d. 15. d. Bi. veranstalteten die hiesigen Litteratur- und Synagogen-Gesang- Vereine gemeinschaftlich in Hotel „Deutschen Hof" eine Channkkafeier, 8 Uhr Abends versammelten sich sämtliche Mitglieder, nebst Frauen und Kindern in dem hellerleuchteten Vereinslokal. Eingeleitet wurde die Feier, mit dem Psalm 23 unter Begleitung des Harmoniums, alsdann wurden die Chanukka Lichter augezündet und von Hanneros Haleolu gesungen. Die Festrede hielt der Vorsitzende des Vorstandes Herr Sternberg, einige Deklamationen der jüngsten Schüler und Schüle- > rinnen die zum Vortrag kamen, verfehlten ihren ergreifenden Eindruck nicht, zum Schlüße wurde das Choaszur vorgetragen. Sämtliche Gesänge sind von Lewandowski, ein gemütliches Beisammensein schloß die schöne echt jüdische Feier. — Ka llman Schulmann, der bekannte um die kulturelle Entwicklung der russischen Juden hochverdiente hebräische Schriftsteller, feiert am 17. d- M. sein 50 jähriges Schriftstellerjubiläum. In stiller Zurückgezogenheit und, was noch schlimmer ist, in größter Armut wird er dieses seltene Fest begehen, und doch hätte er cs verdient, daß sich sein Lebensabend ganz anders gestalte, als dies leider der Fall ist und voraussichtlich auch bleiben wird. In Wilna, dem Wohnsitz des greisen Jubilars, hat sich ein Komitee gebildet, das beabsichtigt, dem greisen Jubilar an seinem Jubeltag: eine Ehrengabe zu überreichen, die ihm die Herausgabe seiner noch nicht gedruckten Werke ermöglichen soll. Beiträge nimmt zu diesem Zwecke Herr S- M- Gurland, in Wilna entgegen. Möge diese Aktion Erfolg haben!