Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 51 (20.12.1895)
- Date
- 1895-12-20
- Page
- Seite 842 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/4794838-9608360-9609154--1004-9609168- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sette 842. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 51 wird. Wie aber A. den B., der ihm nach dem Leben trachtet, wie ein Jude ein sog. reines Antisemitenblatt vom Schlage ' der Rundschau, der Staatsbürgerzeitung, deren A und O der wirtchastliche Ruin, die bürgerliche Rechtlosmachung, ja die völlige Vertreibung der Juden ist, unterstützen kann, das verstehen wir nicht, auch nachdem wir den Brief des Herrn Einsenders gelesen haben. Ein Jude kann mit einen „reinen" Antisemiten keinerlei Gemeinschaft haben, weder im Leben noch im — Laden. Dies unsere Ansicht, die wir jedermann aufoktroyieren möchten. — Ahlwardts Aufnahme in Amerika war keineswegs eine enthusiastische. Er wurde am Freitag bei seinem ersten Auftreten in Newyork mit faulen Eiern beworfen und vom Publikum gestoßen. Die „Times" bringen diese Meldung und bemerken: Ahlwardts Kreuzzug in Amerika endete damit, daß man ihn derartig anulkte, daß er nicht mehr zu Morte kam. Danach dürste in der That die Kunstreise A.'s gleich bei ihrem Beginn ein jähes Ende gefunden haben. Wie übrigens eine Lokalkorrespondenz meldet, gehen Gerüchte um, daß A. die Absicht habe, aus Amerika nicht zurückzukehren. Nach dem Empfange, den er dort gefunden, dürfte er indes in seinem Entschlüsse schwankend geworden sein. — Hier wollen wir endlich eine Flunkerei Ahlwardts aufdecken. Er behauptete, wie bekannt, von „deutschen Männern in Milwaukee" zu seiner amerikanischen Rundreise eingeladen worden zu sein. Daran ist, wie uns von dort zuverlässig berichtet wird, kein Buchstabe wahr. — Jüdische Neger. Dem „American Hebrew“ entnehmen wir folgende intereffante Erzählung von jüdischen Negern: „Ein russischer Jude aus Meadah macht Mitteilungen über eine große Anzahl von Juden, die die Oasen der Sahara bewohnen, wie Batha, Bis Wrabi, Faggrat u. s. w. In jedem dieser Orte befinden sich mehr als hundert jüdische Familien, in manchen sogar viel mehr, darunter an einem Platz 600 Familien, die zahlreiche Synagogen und mehr als hundert Gesetzesrollen besitzen, die auf Pergament geschrieben und uralt sind. Ein Jude, der einen Reisenden nach Timbuktu begleitete, fand nahe der Grenze der Berberei eine große Anzahl jüdischer Sieger. Dieselben haben sonst in jeder Familie eine Pergamentrolle mit dem Pentateuch, dagegen besitzen sie nichts von den Propheten, obwohl sie deren Existenz kennen. Dagegen bestehen ihre Gebete, die auf Pergamentblütter geschrieben sind, aus Stellen aus den Psalmen. Sie besitzen keinen Talmud, aber sie beobachten einzelne seiner Vorschriften, freilich untermischt mit Gebräuchen der benachbarten Mohammedaner und Heiden. Die arabischen Häuptlinge, unter denen sie stehen, gewähren ihnen völlige Glaubensfreiheit und sie besitzen daher Synagogen und Rabbiner. Ueber ihren Ursprung kennen sie folgende Ueberlieferung: Rach der Zerstörung Jerusalems flohen einige jüdische Familien in die Sahara, aber die Entbehrungen wurden so groß, daß alle Weiber und Kinder erlagen. Endlich wurden die Ueberlebenden von Negern gefunden und freundlich ausgenommen und schlossen sich ihnen an. Sie heirateten untereinander, die Kinder nahmen allmählich die schwarze Farbe an, aber behielten die jüdischen Gesichtszüge und wenigstens im großen den jüdischen Glauben." — Es wäre nicht uninteressant, sestzustellen, was hiervon auf Wahrheit beruht. --Bor dreißig Jahren. Schon einmal haben wir an dieser Stelle der Repräsentantenwahlen in Berlin im Jahre 1865, als des Beginnes der Aera des Fortwurstelns gedacht. Nachdem diese Aera im Jahre 1895 ein unfreiwilliges Ende gefunden, nachdem das Alte gestürzt, die Zeit sich geändert, damit — wir hoffen es — neues Leben aus den Ruinen erblühe, wollen wir noch einen Blick in das Jahr 65 werfen, um endgiltig von ihm Abschied zu nehmen. 70 % der Wahlberechtigten beteiligten sich damals an der Wahl und 2864 Stimmzettel wurden, abgegeben. Gewählt wurden a) als Repräs.entanten: 1. H. Demuth (mit 1826 Stimmen), 2. S. Beschütz (1744), 3. H. Makower (1739), 4. Dr. Jonas (1711), 5. Dr. Oestreich (1703), 6i Perez Abraham (1700), 7. M. S. Jacoby (1684), 8. Ludwig Lesser (1677), 9. L. A. Marcuse (1649), 10. S. I. Arnheim (1613). b) Als Ste llvertreter: 1. Martin Meyer (1583), 2. Albert Arons (1577), 3. Louis Friedberg (1566), 4. Louis Dahlheim (1555), 5. Joel Jacob Meyer (1547), 6. S. Gumbert (1540), 7. Samuel Aron (153v), 8. M. S. Meyer (1528), 9. B- Friedheim (1525), 10. Ferd. Reichenheim (1520), 11. Dr. Herm. Sachs (1518), 12. D. S. Lehmann (1512), 13. Ed. Steinthal (1509), 14. Dr. Brach (1494), 15. S. Speyer (1407) — lauter Männer der Regierungspartei. Ueber den Wahlkampf berichtete damals ein Regierungsmann — auch im Jahre 1865 hatte der hiesige Vorstand seine Soldschreiber — entzückt, beglückt: „Bei aller Lebhaftigkeit des Kampfes, die sogar zu einigen handgreiflichen Thütlichkeiten auf der Börse exzedierte, sind doch keine niedrige Mittel, wie Bestechung, Pression, Unterschleif mit Stimmzetteln, Stimmenhandel u. dgl. vorgekommen. Monate lang hat man in allen Salons und Zirkeln von den jüdischen Wahlen gesprochen. Männer wie Dr. Bernstein, der berühmte Publizist Berlins, in der belletristischen Welt derch seine geistvollen Ghettonovellen beliebt, hielt es für angemessen in einer eigenen Brochüre die Situation zu beleuchten; ein Jakoby, ein Simon, ein Magnus, Männer die in politischen wie kommerziellen Kreisen geachtete Namen haben, figurieren mit ihren Unterschriften aus Zirkulären und Kandidatenlisten und zeigen einen Feuereifer für die Sache des Judentums auf." — Die Zeit bewegt sich in einer Spirale, hat „ein" Goethe einmal gesagt, und tut Jahre 95 waren wir richtig beim Jahre 65 wieder angelangt. Genan so sah unser Wahlkampf, genau so die diesjährige Wahlbewegung aus — nur der Effekt ist ein anderer. — Ein Strike. Es wird uns mitgeteilt, daß die vier Kandidaten des ehedem sogenannten liberalen Wahlvereins, die als Repräsentanten-Stellvertreter gewählt wurden, die auf sie gefallene Wahl nicht annehmen werden. — Die Herren würden zwar nach menschlicher Berechnung die Bürde der Würde nie kennen lernen, da bekanntlich selbst ihr Primus acht „schwarze" Vordermänner hat, allein charkteriftisch wäre die Ablehnung immerhin. — Israelitisches Heimathaus. Dieses groß angelegte Institut ist seiner Vollendung nahe und wird am 29. d. M. eröffnet. Während einige Zweige desselben eine rein oder vorwiegend lokale Bedeutung haben, wie z. B. die Volksküche, der Kinderhort, das Altenheim, wohnt dem im Heimathaus eingerichteten, am 1. Januar zu eröffnenden Mädchenheim eine allgemeine Bedeutung inne. Ein uns soeben zugesandter Prospekt der Direktion stellt die Ziele des Mädchenheims wie folgt dar: „Der Zug der Zeit hat dazu geführt, daß auch die weibliche Jugend ihre Kräfte im Kampfe mit das tägliche Brot selbständig wagen muß. Nur allzu oft sind Mädchen, anstatt das ideale Ziel einer eigenen Häuslichkeit zu erreichen, ge?