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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-12-20 · 51 (20.12.1895) · p. Seite 840

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
51 (20.12.1895)
Date
1895-12-20
Page
Seite 840 (sequence 12)
Language
German
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Seite 840. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 51. giebt Fälle ... wo der Arzt nicht blos seine ärztliche Kunst allein in Anwendung zu bringen hat. UebrigenS . . . ist es die Gräfin selbst, die ausdrücklich meinen Besuch so oft als möglich wünscht . . . wo möglich alle Tage. Ich glaube sogar nicht unbescheiden zu sein, wenn ich mir die Bemerkung erlaube, daß ich daselbst nicht nur als Arzt, sondern auch einigermaßen als Freund des Hauses angesehen werde." Eine kurze Pause trat ein. Wierzynek blickte den Sprecher mit seftem forschendem Blicke an. Dem jungen Arzte begann es bei diesem Verhöre unbehaglich zu werden. „Ein langsames Leiden," begann Herr Wierzynek auss neue, „nicht gefährlich, und dennoch täglicher Besuch des Arztes . . . Freund des Hauses . . . Ein Jude Hausfreund des Grasen Zarnowiecki . . . das ist — mindestens seltsam. Ihr habt mir nicht alles gesagt. Euer Zögeru uud unsicheres Sprechen bezeugen es." „Herr," sagte Amieser besorgt und erschreckt, „ich weiß wirklich nicht, wie und weshalb meine Besuche im gräflich Zarnowieckischen Hause in irgend welcher Weise mißdeutet werden könnten. Und doch muß es etwas Wichtiges sein, das Euch veranlaßt, eine solche Möglichkeit anzunehmen." „Jedenfalls," erwiderte Wierzynek, „sonst hätte ich Euch nicht rufen lassen. Um kurz zu sein: Ihr kennt mich und wißt, wer ich bin und wie ich bin. Streng und unerbittlich int Strafen, aber auch nicht kleinlich im Belohnen. Was Ihr mir über die Krankheit der Gräfin sagt und über Eure Besuche daselbst will ich glauben, obwohl es etwas seltsam klingt; aber es giebt überall Ausnahmen. Doch, da Ihr nun schon einmal täglich im Hause seid, müßt Ihr auch sonst von manchem wissen, was daselbst vorgeht. Ich habe großes Interesse, io viel als möglich von allem unterrichtet zu sein, was im gräflich Zarnowieckischen Hause vorgeht. Sprecht und erzählt, so weit Ihr wißt. Euer Lohn soll nicht karg gemessen sein." Amieser erhob sich, bleich, aber gefaßt. Er hatte seine ganze Ruhe wieder gewonnen. „Herr," begann er, „was ich aussagte, ist reine Wahrheit. Mein Besuch im gräflich Zarnowieckischen Hause gilt der kranken Gräfin, sonst niemandem. Was sonst im Hause vorgeht, habe ich niemals beachtet. Doch — verzeiht mir die Bemerkung — selbst wenn ich etwas wüßte, würden es mein Charakter und meine Grundsätze nicht erlauben, irgend jemandem, und wäre es auch eine Person von der hohen Stellung Eurer Gnaden, eine Mitteilung zu machen, die geeignet märe, demjenigen Hause zum Nachteil zu gereichen, wo ich als Freund ausgenommen wurde." Kopfschüttelnd hörte Wierzynek ihn an. „Sollte man es glauben!" ries er. „Von einem Juden eine solche Antwort! Es giebt wirklich überall Ausnahmen. Nun, vielleicht sind Eure Worte wirklich wahr. Mich soll es freuen, wenn es so ist. Ich .liebe die Wahrheit, auch wenn sie derb ist ... bei jedermann.. . auch beim Juden." Eine Handbewegung deutete Amieser an, daß er entlassen sei. Er verbeugte sich stumm und schritt mit beklommenem Herzen von dannen. Nachdenklich und verstimmt verrichtete er an diesent Tage feine gewöhnlichen Geschäfte und konnte kaum die^ Stunde erwarten, wo er sich nach dem Schlosse vor der Stadt begeben würde. Als er sich endlich mit der Gräfin allein befand, erzählte er ihr sofort umständlich seine heutige Begegnung und Unterredung mit dem gefürchteten ersten Kämmerer des Königs. Bestürzt hörte die Gräfin ihn an. „Mir ahnet schlimmes", sagte sie. „Daß der Gras an einer jener Konspirationen, wie sie leider unter dem hiesigen Adel stets im Schwange sind, teilnimmt, merkte ich schon seit längerer Zeit, ohne jedoch in das Nähere eingeweiht zu sein. Die Zeit ist vorüber," fügte sie mit einem leisen Seufzer hinzu, „in der ich noch die Vertraute aller seiner Geheimnisse war. Ihr wißt ja, Amieser, wie es in unserem Haushalte steht. Ihr seid ja kein Fremder mehr für uns ... für mich wenigstens nicht." Ein Blick des jungen Arztes, in dem sich Dank und Verehrung ausdrückten, traf ihre Augen. Sie schwieg eine Zeitlang, in Sinnen verloren. „Mir wird bange zu Mute, mein Freund," fuhr sie fort. „Das nmß etwas besonders Wichtiges sein, was das Interesse jenes Mannes, der das ganze Reich in seinen Händen hat, so sehr in Anspruch nimmt. Was auch immer der Fall sein mag, meine Pflicht ist es, den Grafen zu retten, llnd es ist die höchste Zeit dazu. Denn der gewaltige Günstling des Königs ist eben so stark als klug. Da Ihr bereits Kenntnis davon habt, daß er der Sache aus der Spur ist, wird er keine unnütze Zeit verstreichen lassen, um den Beteiligten Gelegenheit zu geben, sich in Sicherheit zu bringen, sondern so rasch als möglich das thun, was er zu thun beabsichtigt. Wir müssen daher eilen, um dem Schlage vorznbeugen, denn wehe denen, die in seine Hände fallen." Sie ries ihr Kammermädchen, befahl ihr die Außenthüre abzuschließen, erhob sich dann, holte ans einer verborgenen Lade einen Schlüssel hervor und schloß eine, in der Tapetenwand befindliche, kaum bemerkbare Thüre aus. Knarrend drehte sich diese aus ihren Angeln; man merkte, daß sie schon sehr lange nicht geöfinet worden war. „Folget mir," riet sie dent Arzte und dein Mädchen zu. Amieser zögerte. (Fortsetzung folgt.) Wochen-Shronik. Berlin, den t!>. Dezember. * Berliner Nachrichten Am 24. uuö 25. d. M. treten die D elegierten der israelitischen Lehrer Deutschlands zusammen, um über die Gründung eines Deutsch-Israelitischen Lehrer-Bundes zu beraten. Die Berfannnlung findet im großen Sitzungssaal der jüdischen Gemeinde statt, den der Vorstand in entgegenkommender Weise zur Verfügung gestellt hat. Derselbe hat sich auch nicht die Ehre der Bewirtung der Delegierten nehmen lassen. Anr Abend des ersten Sitzungstages veranstaltet die hiesige Wissenschaftliche Vereinigung jüd. Schulmänner zu Ehren der Delegierten einen Kommers im Vereinslokale (Münchener Hof, Spandauerstr. 11/13.) — Wir unsererseits rufen den Vertretern der deutsch-israelitischen Lehrerschaft ein Willkommen in Berlin! zu. Mögen ihre Arbeiten von Erfolg begleitet sein und unseren Lehrern zum dauernden Segen gereichen! — Die Gastpredigten — so nennt man wohl jetzt die Probepredigten — haben in unserer Gemeinde begonnen. Am letzten Sabbat sprach Herr Dr. Nippner aus Glogau vormittags in der Neuen und nachmittags beim Iugendgottesdienste in der Lindenstraßen-Synagoge, beide Male vor einer sehr großen Zuhörerschar. Wer Predigten und Aufsätze des

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