Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 51 (20.12.1895)
- Date
- 1895-12-20
- Page
- Seite 839 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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'Jiv. 51. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Lrne 889. zu verbarrikadieren. Denn daß die Juden sich schon verletzt fänden, wenn man sie nur nicht lobt und die Bösewichter unter ihnen nicht mindestens interessant findet, ist auch nicht im entferntesten wahr. Wahr ist aber, was Heine sagt: „Ihr kennt ihre Bärte, und glaubet die Juden zu kennen." — Die „Bärte", die so spitz zum .Kinn hinausgehen — die sind'S eigentlich, die uns so falsche Beurteilung zuziehen, weil man darüber vergißt, uns in's Herz zu schauen. Alan kennt nur jene Juden, welche neben dem Judentume, nicht in dem Judentume stehen: den reichen Wechsler, der für sein Geld alles Lob, oder den armen Schlucker, der für sein Lob alles Geld haben möchte; jenen der stolz damit thut, im Judentume zu bleiben, wie diesen, der zu stolz ist, cs erst zu verlaßen; den Goldfuchs, der noch als „Fuchs" von der Universität losriß, um sich als Litteraten von anderen studieren zu lassen, was allerdings bequeiver sein mag, als selber zu studieren. Alle diese Herren sind im Flamen der Judenheit sehr empfindlich und möchten nun für eigene Ordre die große Schuld einkasfieren, die sich allerdings feit Jahrhunderten zur untilgbaren Höhe angewachsen hat. Ter wahre echte Jude ist in der Thal in gleichem Grade verletzt, wenn man seine Tugenden rühmt, als wenn man ihm Laster andichtet. Die Gleichberechtigung, die wir verlangen, besteht aber darin, daß man das Recht nur aus der Pflicht, nicht aus den Verdiensten ableitc und daß man den Menschen und Staatsbürger vom Individuum und seiner Abstammung trenne. Diejenigen, welche es nötig finden zu bemerken, daß jener Ordensträger, dieser Diä ter, der Bürgermeister da und dort wieder der tapfere Soldat ein Jude sei, hat die Gleichberechtigung so wenig verstanden, wie Awa die „Staatsb.-Zeitung", die es nicht vergessen kann, daß da ein Wucherer oder dort ein Dieb, und dieser Verbrecher und jener Sträfling in direkter Linie von Abraham abstamme. Nicht das ist Lessing's Verdienst, daß' er seinen „Nathan" einen Juden sein ließ, sondern daß er sich seinen Juden als Nathan denken konnte, der, sntis iioüs .soit dit, nicht im geringsten den Juden verrät, so wenig als der „Tempelherr" den Christen, als Saladin den Muselman hervorkehrt, und was wir an seinem Drama tadeln, ist eben der Umstand, daß sich zur Herstellung des Gleichgewichtes kein Jude darin findet, der uns ein jüdisches Aeguivalent für den christlichen Patriarchen liefert. Wir wollen weder die Monopolisten aller Tugenden, noch die Sündenböcke für jede schwarze That sein. Doch lassen wir endlich auch den Feuilletonisten zu Worte kommen —! Er spricht, sich dessen unbewußt, manches gut jüdische Wort. (Schluß folgt.) Leuilleton. Zahn um Zahn. Erzählung uus Polens Vergangenheit. (Fortsetzung.) Wieder waren einige Monde verstrichen. .Keine auffallende Veränderung war in den geschilderten Verhältnissen eingetreten. Der junge Judenarzt war der treue tägliche Besucher der leidenden Gräfin geblieben. Graf Zarnowiecki bewohnte sein Stadlpalais, aber seine geheimnisvollen Besuche auf dem Schloße vor der Stadt, von denen die Gräfin selten etwas erfuhr, waren in den letzten Tagen sehr häufig geworden. Ebenso waren die nächtlichen Gänge und Abwesenheiten des alten Reb Josefs immer häufiger geworden und hatten Amissers Unruhe ob dieser geheimen Pläne seines Großvaters immer mehr gesteigert. Eitles Abends, als Amieser von seinem Besuche auf dem Schlosse zurückgekehrt mar, fand er eine Einladung vor, sich am folgenden Tage bei dem ersten Kämmerer und Geheimrat des Königs, Herrn Nikolaus Wierzynek, einzufinden. Nikolaus Wierzynek war erklärter Günstling des Königs Kasimir, dein er besonders in seinem steten Kampfe gegen den übermütigen Adel des Landes fest und treu zur Seite stand. Von letzterem deshalb und besonders seiner bürgerlichen Abkunst wegen ebenso gefürchtet als gehaßt, vergalt er diesen Haß reichlich durch die Geringschätzung, die er bei jeder Gelegen,heit gegen die übermütigen Magnaten zur Schau trug, und durch die Härte, mit der er die zahlreichen Konspirationen des Adels gegen den „Bauernkönig" unterdrückte. Ein für damalige und dortige Verhältnisse ungewöhnlicher Reichtuin erleichterte ihm nicht wenig seine schwierige und Angriffen aller Art ausgesetzte Lebensstellung. Das Vertrauen oes Königs aus die Treue des rauhen, energischen, „aufgeblasenen bürgerlichen Frosches", wie der Adel denselben nannte, war grenzenlos und seine Stellung in der Gunst seines Königs unerschütterlich. Des anderen Tages fand sich Amivser rechtzeitig in der Wohnung des gefürchteten Königsgünstlings ein und wurde, nachdem er gemeldet war, alsbald vor denselben geführt. „Seid Ihr der Arzt Amieser Ben Josef," redete ihn Herr Wierzynek sofort an, nachdem er ihn einen Moment lang mit seinem scharfen Blicke genmstert hatte, „der kürzlichaus fremden Landern heimgekehrt, sich bereits einen ziemlichen, und wie es scheint, nicht unverdienten Nur hier in unserer Stadt verschafft hat/' „Gnädiger Herr," antwortete Amisser, „wohl muß ich mit dankbarem Gefühl anerkennen, daß man mir trotz meines verhältnismäßig erst kurzen Aufenthaltes hier, allenthalben mit einem Vertrauen entgegenkommt, das mich nur mit Freude und Stolz erfüllen und zu weiterer Hingebung an meinen Beruf aufmuntern kann. Es bedarf wohl keiner Erwähnung meinerseits, daß alles, worüber meine geringe Kunst und Wissenschaft verfügen kann, zu Eueren: Dienste bereit ist, obwohl mir mein ärztlicher Blick sagt, daß diese Hilfe nicht gar so dringend sein dürste." „So ist es," erwiderte Wierzynek, „ich befinde mich vollkommen wohl und stark — meine Kraft ist noch nicht erlahmt," fügte er mit eigentümlicher Betonung hinzu. ,/Nicht in Euerer Eigenschaft als Arzt' habe ich Euch rufen lassen, sondern in einer anderen Angelegenheit. Setzt Euch!" Befremdet und beunruhigt gehorchte Amivser. „Hört mich aufmersam an," begann Wierzynek. „Ihr besucht seit einiger Zeit das gräflich Zarnowiecki'fche Schloß vor der Stadt. Ist die Gräfin wirklich so krank, daß sie des täglichen ärztlichen Besuches bedarf, und ist ihre Krankheit seit dem Anfänge Euerer Behandlung derart unverändert geblieben, daß diese täglichen Besuche noch immer notwendig finbV Sprecht kurz und klar, wie meine Frage es ist!" „Herr," antwortete Amieser mit einiger Verlegenheit, „die Krankheit der Gräfin ist mehr ein langsames innerliches Leiden, als eine schnell verlaufende akute Krankheit. Es ist wohl keine solche, die die tägliche Anwesenheit des Arztes erheischt; doch," fuhr er zögernd fort, „zuweilen ... es