Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 51 (20.12.1895)
- Date
- 1895-12-20
- Page
- Seite 838 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 838. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Rr. 51. vorgesehene Falke anzuwenden, in einzelnen oder in den 63 Traktaten der Mischna entdeckte Widersprüche auszugleichen, und wenn dies wit der schärfsten Dialektik nicht gelungen war, znni äußersten Mittel der Kritik: zur Aenderung des Wortlautes der Mischna, Zuflucht zu nehmen, die Lehrsätze der Mischna mit denen anderer Halacha - Sammlungen (Mechilta, Sifra, Sisre, Tosephta, Boraitha) zu vergleichen und entweder gegenseitig besser zu beleuchten und Spezialitäten näher zu bestinnnen oder Differenzen zu konstatieren, neue Prinzipien zu erörtern, alle möglichen Fälle, oder auch blos akademische Fragen zu entscheiden — dies und ähnliche Interpretationen und kritische Operationen lieferten seit der Abfassung der Mischna den Stoff zu Vorträgen, Verhandlungen und Debatten in den Lehrhüusern. Manchmal wurden auch die cltui Halaclor modifizier oder neue Institutionen eingesührt, wie sie die veränderten politischen oder sittlichen Verhältnisse erforderten. Selbst in dem Falle, daß die Mischna ausnahmsweise auch schriftlich versaßt gewesen war, so verblieb dennoch das alte Verbot, halachifche Verhandlungen und Erörterungen auszuschreiben, in seiner früheren Kraft, und die an die Mischna angeknüpsten Verhandlungen dursten nur mündlich tradiert werden. Die Erklärungen und Erörterungen zur Mischna wurden „Gemara" d. i. Ergänzung oder „Talmud" d. i. Studium genannt. Während die Mischna aus diese Weise allen Schulen einerlei Richtung gegeben hatte, trat jedoch hinsichtlich des Schauplatzes, wo diese kritischen Behandlungen am gründlichsten und erschöpfend vor sich gingen, eine große Veränderung ein. Bisher hat Palästina allein allen Juden, in welchen Ländern sie auch wohnten, die Richtschnur fürs religiöse Leben gegeben. So lange die höchste legislative Behörde in Jerusalem füngierte' „ging von Zion die Lehre aus und das Wort Gottes aus Jerusalem". Rach dessen Fall ging diese Vollmacht und Autorität aus das Spnhedrion über, an dessen Spitze der jeweilige Naßi aus dem Hanfe Hillels stand. In die paläftinensichen Schulen ströniten daher die Jünger aus allen Ländern, um an der Quelle, das schriftliche Gesetz samt Erklärungen und Traditionen zu studieren und, zurückgekehrt in ihre Heimat, das religiöse Leben danach gestalten zu können. Sie erössneten auch Schulen, aber keine derselben erhob sich zu Ansehen und Bedeutung, und noch weniger zu Unabhängigkeit von den palästinensischen. Dies war zwei Schülern aus denn babplonifch-persischen Reiche Vorbehalten, die R. Jehuda, dem Verfasser der Mischna, zu Füßen saßen: Rad, dessen eigentlicher Name: Aba Areka war, und Samuel. In dem Mutterlande der Genannten wohnten viele Juden noch von der Erilzeit lpr, die später unter die Herrschaft der Seleuciden, Parther und Neuperser, an allen Erwerbszweigen: Landbau, Industrie, Handel, Schifffahrt lebhaften Anteil nahmen und zu großen,, blühenden Gemeinden anwuchsen. Sie erfreuten sich auch einer großen Autonomie in allen religiösen und Verwaltungsangelegenheiten, indem von den jeweiligen Herrschern ein mit fürstlichem Ansehen bekleidetes Oberhaupt — Resch Galuta — aus ihrer Mitte ernannt wurde, der sie der Regierung gegenüber vertrat und die Vollmacht hatte, die Landesfteuern aus die Gemeinde zu repartieren, Richter zu ernennen, das Polizeiwesen zu organisieren re. Solche ansehnlichen Gemeinden waren in Snra, Rahardea, Pnmpadita, Mechusa und in andern Städten. In zweien dieser Städte eröffneten gleichzeitig Lehrhäuser die in ihr Vaterland zurückgekehrten Rab und Samuel, jener in Snra, dieser in Nehardea, welche mit den später auch anderwärts eröffneten, nicht nur mit den palästinensischen wetteifern konnten, sondern diese auch an Ruhm und Ansehen übertrafen und Jahrhunderte länger bestanden. Denn während in Palästina, infolge der Erhebung des Christentums zur herrschenden Religion im römischen Reiche, der Aufhebung des Patriarchats und anderer ungünstiger Verhältnisse gegen Ende des vierten Jahrhunderts die großen Lehrhäuser sich gänzlich nuslösten, blühten sie in dem babplonisch-persischen Reiche bis in die Mitte des elften Jahrhunderts. siniioik. II. Man wird ans dem Erpos^ des Feuilletoniften erkennen, wie weit wir mit ihm geben und worin wir von ihm abweichen. Auch wir Hallen den „Kaufmann von Venedig" für feine verkappte Glorifikation des jüdischen Martprium's, die etwa durch die Parodie einen edlen Kern durchschimmern läßt, als wollte Shakspeare durch die Karikatur, in der er uns einen makkabäischen Helden zeichnet, zu verstehen geben, daß nian es hier mit ursprünglich großartigen Eharakteranlagen zu thun habe, die aber moralisch verunglückt wären und in die Kehr- und Nachtseite umschlugen. Dieser Sbplock hat keine Ader von hasmonäischer Rasse an sich, er ist vielmehr gar kein Jude, er ist, moralisch genommen, ein Ungetüm, eine häßliche Farce, die es nicht einmal verdient, daß man sich auf ihre Kosten lustig mache. Wir glauben mit Sicherheit sagen zu können, daß man in der jüd. Welt wirklich niemals begreifen konnte, warum denn Shakespeare diesen scheußlichen Kasperle gerade einen Juden sein ließ. Man erzählt sich, daß einst ein reicher jüdischer Banquier bei weiland Kaiser Franz eingeschritten sei, daß die Aufführung des „Kaufmann von Venedig" im Wiener Bnrgtheater verboten werde. Der Kaiser soll daraus die seinen Kunstsinn allerdings vorteilhaft bekundende Antwort gegeben haben: Dürfen sich die Ehristen Leffings „Nathan" nicht verbitten, so ist auch kein Grund vorhanden, daß ich Shakespeares Shplock beu Juden zu Gefallen ausweise" —. Die Antwort war ini Interesse der Kunst sehr treffend. Die Bühne hat keine Arena für theologische Polemik, noch Wahlstätte für Emanzipationskärnpfe zu sein. — Das Drama darf iticht um der Tendenzen willen, die außerhalb des Kunstgebietes liegen, zur Geltung oder zmn Schweigen gebracht werden. Das aber ist es eben, was wir an diesem Teufel Shplock zu tadeln haben, daß er grundhäßlich sei und uns ebenso mißfiele, wenn er als Mameluk fungieren würde, wie er jetzt den Hebräer verunglimpft. Dieser Sbplock ist unschön, weil unwahr, und unwahr, weil häßlich; an ihm hatte das Judentum nie was gewonnen, und würde die Bühne nichts verlieren, wenn er nicht von den Brettern, die die Welt bedeuten, verschwinden sollte. Er ist nichts als ein geistreicher Hep-hep-Ruf, der beweist, wie »nichtig der Genius eines Shakspeare selbst in solchen Momenten wirkt, wo er den Dichter in sich an seine menschlichen Schwachheiten verriet. — Jedenfalls ist es unrichtig, wenn der Verfasser des Feuilletons die Verkennung, welche dieser Shplock von seiten der Schauspieler-erfahren hatte, aus Rechnung des für Gleichberechtigung empfindlicher gewordenen modernen Geivissens stellt. Vielmehr glauben wir, daß die Verhimmelung, die man dem Briten angedeihen ließ, daran schuld war, daß inan sich bestrebte, auch diese Achillesferse durch Deuteleien