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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-12-20 · 51 (20.12.1895) · p. Seite 836

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
51 (20.12.1895)
Date
1895-12-20
Page
Seite 836 (sequence 8)
Language
German
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Seite 836. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 51. rumänischen Juden mit der Alliance Israelite Universelle in Abrede und erklärten, daß sie von dem freien Willen der rumänischen Nation Gerechtigkeit erwarteten und verlangten. Sie beklagten sich dann bitter darüber, daß ihren Kindern die Haupt- und Fachschulen verschlossen seien. Daraus erwiderte Herr Sturdza: „Ueber diese Frage hatte ich stets und habe ich noch ganz andere Ansichten. Ich bin der Meinung, daß alle in Staatsschulen Unterricht empfangen sollten, und ich bin den Privatschulen und besonders den ,Chedarim‘ durchaus nicht freundlich gesinnt." Ein anderes Bild: Eine Abordnung der jüdischen Sephardim-Gemeinde in Sofia besuchte jüngst den Premierminister Dr. Stoilow, uni ihm für die prompte und energische Handlungsweise der Regierung zu danken, durch welche ein unlängst unternommener Versuch, den Juden in Tatar-Basardschik die „Blutbeschuldigung" anzuhängen, und diese Juden aus einer wahrhaft gefährlichen Lage befreit wurden. Der Sprecher der Abordnung, Rabbi Bahifch, erinnterte Dr. Stoilow an die Dankbarkeit, die ihm die gesamte Judenschaft von Bulgarien entgegenbrachte süi seine bewundernswerte und erfolgreiche Verteidigung der Juden von Wratza, die gleichfalls als „Ritualmörder" verschrieen waren. Der Ministerpräsident empfing die Deputation in außerordentlich herzlicher Weise, und in Erwiderung auf einen Vorschlag, daß das Parlament durch ein Gesetz der „Blutbeschuldigung" Halt gebieten solle, brachte der Minister seine Zweifel an der Durchführbarkeit und an der Wirksamkeit einer solchen Maßregel zum Ausdruck. Er versprach aber, dem in Bulgarien geltenden ottomanischen Strafrechte Klauseln anzufügen, wodurch Aufregungen gegen Bevölkerungsklassen oder Angriffe gegen eine Religion oder selbst gegen einzelne Anhänger derselben mit größerer Strenge bestraft werden sollen, als das jetzt in Kraft befindliche Gesetzgestattet. —Rumänien hat die traurigste Judenfrage in unserer an solchen Fragen reichen Zeit. Dort hat es die Negierung einfach auf Vernichtung desJudentums abgesehen und mit wahrhastteuffischcrBosheit hat sie die intellektuelle Vernichtung nebender materiellen geplant. Zuerstvertrieb sie die Juden aus den Dörfern, dann sperrte sie die Schulen vor ihnen zu. Glücklicherweise sind die rumänischen Juden zumeistsoweit geistig fortgeschritten, daß sie denWert derBildung zu würdigen wissen. Sie haben aus eigenen Mitteln und mit Unterstützung der „Alliance Israelite" Schulen errichtet um für die Erziehung ihrer Kinder zu sorgen. Die Lage Rumäniens ist ein Beweis dafür, wie wenig der Einfluß von oben herab wirken kann. Rumänien wurde auf dem Bcrliuer Kongreß gezwungen, den Inden Gleichberechtigung zu gewähren. Cremieux hatte persönlich dafür gewirkt und betrachtete den Erfolg als einen großen Triumph. Dainals mar der Liberalismus in Deutschland noch aus der Höhe und Frankreich kannte den Antisemitismus noch nicht, so daß man es für einen guten Witz hielt, als der ungarische Abgeorduete Jstoczi, der nachmalige Führer der antisemitischen Partei, den Antrag stellte, der Kongreß solle dem Sultan Palästina abkausen, um alle Juden dorthin zu deportieren. Die Rumänen mußten nachgeben und halfen sich damit, daß sie alle Juden als Fremde erklärten und alle gegen die Juden gemünzten Gesetze gegen Fremde erließen. So konnten die Juden zu Eremieux, wie die Israeliten in Egypten zu Moses sagen: „Seit Du zu Pharao gekommen bist, hat er das Volk noch übler behandelt." Diese Lektion sollten sich alle diejenigen merken, welche von einem behördlichen Einschreiten alles Heil erwarten. Europa, das über die Lage der Armenier in Harnisch gerät, hat diese Vertragsverletzung und die Mißhandlung der Juden gleichmütig mitangesehen. Die Juden Rumäniens wissen nun, daß sie aus sich selbst angewiesen sind und benehmen sich danach. Was ihnen fehlt, ist der Fehler aller polnischen Juden und die meisten Juden Rumäniens sind aus Galizien und Rußland in diesem Jahrhundert eingewandert. Diesem Uebelstand sucht Herr I. B. Brociner in Galatz abzuhelfen, der eine Zentralstelle für die jüdischen Schulen des Landes befürwortet, welche Gründung von Schulen, Errichtung von Gebäuden und Verteilung der Fonds beaufsichtigen soll. Ein solches Unternehmen verdient gewiß Ermutigung und praktische Unterstützung. G. I). Ans Alt-Kulm. Eine Rabbiner- und eine Repräsentantivahl. (Fortsetzung.) Bei der Reproduzierung der nachfolgenden Schriftstücke können wir uns um so kürzer fassen, als der Widerstand der Repräsentanz derselbe bleibt und mir nur Fakta zu registrieren haben. Am 5. Januar 1865 zeigt der Vorstand an, Herr Dr. Aub habe die Einladung zu einer Probepredigt entschieden abgelehnt. Er begründe diese Ablehnung mit dem von ihm bisher stets sestgehaltenen und durch keinerlei Rücksicht zu erschütternden Prinzipe, daß es einem seit Jahren in einer achtbaren Gemeinde wirkenden und in ungestörtem Frieden mit ihr lebenden Rabbiner nicht gezieme, in einer anderen Gemeinde eine Probepredigt zu halten. Der Vorstand verwirft ferner die Kandidatur zweier von der Repräsentanz vorgeschlagenen Rabbiner. Die Motive dieser Ablehnung bieten allgemeines Interesse. Der Vorstand fährt fort: Indem wir also nur wiederuru auf die Kandidatur der Herrn Joel und Aub zurückkoimnen, glauben wir, daß gerade die von beiden Extremen sich sernhaltende, vermittelnde Richtung, an welcher der letztere nach Inhalt seines Schreibens mit Beharrlichkeit festhält, ihn in Gemeinschaft mit dein Herrn Dr. Joel für ein Rabbineramt in unserer Gemeinde vorzugsweise befähigt erscheinen läßt. Gerade diese Richtung ist es, aus welche bei Ausstellung ihrer Kaudidateuliste die vorberateude Kommission in weiser Einsicht ihr Augenmerk besonders richten zu müssen geglaubt und die auch wir, mit Rücksicht auf den Standpunkt unserer Gemeinde, nur als diejenige zu betrachten vermögen, von welcher allein eine wirkliche Wahrung und Förderung ihrer religiösen Interessen zu hoffen und zu erwarten ist. Als der verewigte Dr. Sachs in seinem, in unseren Akten befindlichen, zu verschiedenen Zeiten (im Jahre 1846 und 1855) abgegebene Gutachten auf die Notwendigkeit der Erbauung einer zweiten Synagoge hinwies und zwar, wie er sich ausdrückt, als des „einzigen Auskunstsmittels um den berechtigten Ansprüchen eines großen Teiles der Gemeinde zu genügen," äußerte er sich wie folgt: „Vieles, was nicht ohne Schwierigkeit in die einzige Hauptsynagoge der Gemeinde mit den vielfach nttancierten Ansprüchen und Wünschen ihrer Besucher eingeführt werden kann, daß also ein vorsichtiges und schonendes Vorgehen zur Pflicht macht, würde bei einer neuen Synagoge mit Leichtigkeit sofort bei der Eröffnung ins Leben treten können. i

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