Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 51 (20.12.1895)
- Date
- 1895-12-20
- Page
- Seite 835 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 51. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Sette 835. sich damals durch sein Auftreten gegen den famosen Rohling, bekannt gemacht, den er angeblich „vernichtet" hat. Nun, den Bösen sind wir los, die Bösen sind geblieben. Besonnene Männer, deren Liebe und Interesse für das Judentum außer Zweifel standen, warnten schon damals vor einer derartigen Kampfesweise, die wohl für den brutalen Antisemitismus paßt, nicht aber für uns Juden, die wir nun einmal nur eine schwache Minderheit sind. (ipy ’T D’Tni apy Pip P'ipru, Damals aber war ein großer Teil unserer Glaubensgenossen von einer solchen Kampfesweise ä la Bloch entzückt, und wer seinen Zweifel auszusprechen wagte, wurde von Dr. Bloch in seiner bekannten rücksichtslosen Manier bekämpft. Es waren nicht die schlechtesten Männer, welche Dr. Bloch auf solche Weise niederbrüllte, um für sich und seine Hintermänner die Bahn frei zu machen. Mit dem Nimbus eines „Verteidigers" der Juden kam er zu uns, fanatisierte in einer unerhörten Weise den größten Teil der jüdischen Wähler und ward erwählt. Von außen her wurde es geradezu als ein Sakrilegium erklärt, wenn man nur den Gedanken auszusprechen wagte, ob vielleicht nicht geratener jwäre, einen ruhigen Mann, der auch die Interessen unseres Wahlkreises wahrnehmen könnte, in den Reichsrat zu entsenden. Es hieß, die Juden müssen einen solchen Vertreter und Verteidiger wie Dr. Bloch im Reichsrat haben, der uns gegen den Antisemitismus in Schutz nehme. Ich bin davon überzeugt, daß Dr. Bloch die Sache noch verschlimmert hat, und diese Ueberzeugung wird jetzt von vielen geteilt, die eingesehen haben, daß so oft Dr. Bloch die Antisemiten im Reichsrat „vernichtet" hatte, bald daraus der Antisemitismus wahre Orgien feiern konnte. Schließlich mußten sich viele sagen, daß es denn doch an der Zeit wäre, in ruhigere Bahnen zu lenken. Das ganze Judentum ist doch nicht für den Dr. Bloch da, damit es von ihm „gerettet" werde! Diese Ansicht war schon seit Jahren in Wien und auch in unserem Wahlkreis herrschend geworden . . . Im Reichsrat sitzt Dr. Byk, der durch sein maßvolles und feines Auftreten in kurzer Zeit mehr gewirkt, als Dr. Bloch in den zwölf Jahren; ersterem verdanken wir die günstige Entscheidung in der Frage der Sonntagsruhe für jüdische Handwerker. Und seit man eingesehen hat, daß ein maßvolles Auftreten besser wirkt, als die Kampfesweise Bloch's war die Lage des letzteren unhaltbar geworden. Außerdem stand nichts geringes auf dem Spiele, wofern Tr. Bloch wiedergewählt worden wäre: — unser Wahlkreis wäre einfach von dem übermächtigen Polenklub boykottiert worden, wie vor zwölf Jahren die damals blühende Stadt Brody, die ihren Trotz hart büßen mußte. Es istleicht, von Wien und Berlin aus über uns in dem ostgalizischen Kreise, wo wir einen harten Kampf um's Dasein führen müssen, den Stab zu brechen, weil wir den Polen nicht trotzen wollten zu einer Zeit, wo die Polen die herrschende 'Nationalität im Lande und im Reiche sind und wo Graf Badeni gegen die Wiener Antisemiten den Kamps in einer wirksameren Weise führt, als es Dr. Bloch thun konnte. Die christlichen Wähler unseres Wahlkreises, die es wohl wußten, welche Gefahr durch ein trotziges Verhalten gegen den Polenklub über die drei Städte heraufbeschworen würde, waren fest entschlossen, die Wahl Bloch's mit allen Mitteln zu bekämpfen und wollten daher einen eigenen christlichen Kandidaten aufstellen. In diesem Falle wäre es zu einer Stichwahl gekomnten, und da die christliche Wählerschaft fürchten mußte, es könnte zu einer Stichwahl zwischen Dr. Bloch und dem christlichen Kandidaten kotnmen, wobei dann Die jüdischen Wähler gezwungen wären, für Dr. Bloch einzutreten, verzichteten sie von vornherein auf eine eigene Wahlkampagne, wenn die Juden dem Dr. Bloch einen anderen jüdischen Kandidaten, ganz gleich wen immer, entgegenstellten. Es muß zugegeben werden, daß wir eine geeignetere Persönlichkeit hätten finden können, um uns im Reichsrat zu vertreten; aber wer Dr. Bloch kennt, wird es zurückweisen müssen, sich mit ihm in einen Wahlkampft einzulassen. Tenn schließlich ist es nicht jedermanns Sache, sich in der sattsam bekannten Bloch'schen Manier aufs schimpflichste verunglimpfen zu lassen. Dr. Trachtenberg gebührt jedenfalls das Verdienst, den Bann gebrochen zu haben. Es ist nunmehr zu hoffen, daß der durchaus schädliche Einfluß, den Dr. Bloch durch sein Blatt noch ausübt, ebenfalls aufhören und daß die Verteidigung unserer Sache von besonnenen und minder interessierten Persönlichkeiten übernonnnen wird. Die Zeit wird lehren, daß durch die Beseitigung des Dr. Bloch der Sache nur gedient ist.*) Die Pttmikmini-cr von Rumänien und Kul- -arien und die Inden. m. Bukarest, beit 16. Dezember. In Rumänien fanden bekanntlich letzthin die Parlamentswahlen statt, und im Laufe seiner Stimmwerbungen unter seinen Wählern besuchte der Premierminister Sturdza die Städte Jassy und Roman, wo er Abordnungen verschiedener Glaubensgemeinschaften, die ihn zu sprechen wünschten, offizielle Audienzen gewährte. Einer Abordnung der jüdischen Gemeinde in Jassy, die ihn zu seinem Regierungsantritt beglückwünschte, erwiderte der Ministerpräsident: „Ihre Glaubensgenossen halten mich mit Unrecht für ihren Feind. Das ist ein Irrtum. Die Wahrheit ist', daß die Strömung gegen Sie ist. Dennoch verspreche ich Ihnen die völlige Unterstützung der Regierung bei allen philanthropischen Werken der Juden." In Roman war Herr Sturdza weniger bündig. Dort hatte er mit einer Abordnung der jüdischen Gemeinde eine Unterredung von mehr als einer halben Stunde. In seiner Antwort aus die Anrede klagte der Premierminister darüber, daß die Juden eine besondere Kaste bildeten sch, und daß in Jassy und Bukarest vornehme Juden lebten, die Beziehungen zu der Alliance Israelit e Universelle, dem größten Feinde Rumäniens, hätten, was dem Lande natürlich nicht angenehm seift könne. Auch in andern Ländern bildeten die Juden besondere Kasten, obwohl sie die Bürgerrechte besäßen. Der Minister riet der Abordnung schließlich, alles mit Geduld zu ertragen und versicherte, daß er die Juden Rumäniens als Bürger betrachte, aber er wünsche, daß ihre Zahl nicht durch die Einwanderung ihrer Glaubensgenossen aus anderen Ländern noch größer werde. Die Mitglieder der Abordnung stellten zunächst jede Verbindung der *) Wir haben dieses Schreiben, das eine in Galizien bekannle Persönlichkeit zum Verfasser hat, mit Weglassung einzelner scharfer Wendungen wicdergegeben, weil es die Frage, deren Beantwortung uns in der Ferne nicht möglich ist, trefflich beleuchtet- Auch wir haben, wie unsere Leser wissen, für die Wiederwahl Bloch's plaidiert; das obige Schreiben zeigt aber, daß wir alle, die wir für Bloch eingetreten, die Verhältnisse im Wahlkreise so wenig gekannt haben, wie die Ursache, als deren Wirkung die Wahl vom 5. d. Manzusehen ist. Red.