Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 51 (20.12.1895)
- Date
- 1895-12-20
- Page
- Seite 834 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 884. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 51. damit den den heutigen Rabbinern gemachten Vorwurf, daß sie im Seminar ebenso wie die Studierenden der Medizin und Juristerei nur ein Brotstudium betreiben. Aber diese beanspruchen nichts mehr als guten Erwerb, sie studieren im allgemeinen nicht zum Heile der Menschheit, um ihre Nebenmenschen geistig und sittlich zu erheben, sondern uni sich eine Existenz zu schaffen. Der Rabbiner aber soll eben anders herangebildet werden, sonst macht er sein Rabbinat nur zu einer Melkkuh, da ihm dann der Erwerb die Hauptsache, das Alpha und Omega ist, und das ist der schwere aber sehr berechtigte Vorwurf, welcher gegen die heutigen Rabbiner erhoben wird, und in Bezug auf welchen die ehemaligen Rabbiner so unendlich hoch dastanden, mögen auch die mit dem Scheuleder der Seminarbildung herangezogenen Rabbiner noch so selbstgefällig ihr Los dem der alten Rabbiner vorziehen. Und glauben wir es ja dem Lobredner der Gegenwart von Herzen gern aufs Wort, daß er lieber heute als vor 50 Jahren das Rabbinat einer Gemeinde bekleidet; trifft doch, was Heinrich Heine mit König Salomo vom toten Löwen treffend sagt, auch hier zu. Mögen üe noch so sehr in üblicher Selbstüberschätzung behaupten, daß das Rabbinat in der Gegenwart „an Bedeutung und Einfluß ungemein gewonnen habe", so zweifeln wir doch sehr, ob unser Rabbiner auch nur an seiner Gemeinde den Beweis zu liefern in der Lage ist, daß sein Rabbinat die Verehrung von ehemals genießt, daß seine Gemeinde kein Scheinleben fristet, sondern wahrhaft lebt und strebt, daß das Wissen Rabbinat und Rabbiner ziert und ehrt? Und wenn er dieses nicht kann, mit welchem Rechte und mit welcher Begründung will er die Behauptung, daß das Seminar im Verlaufe von 30 Jahren die Wissenschaft und das Rabbinat totgeschlagen, widerlegen? Das Herzählen von Namen, deren Qualität wir übrigens bereits beleuchtet, imponiert uns, die wir der heutigen und künftigen Zeit angehören, nicht im geringsten; uns imponieren Thaten, frische, lebensvolle Thaten, echte, wissenschaftliche Thaten, uns imponieren Charaktere, aber keine gedrillten Figuren, keine Schemen, auch wenn sie in den herrlichsten Talaren auftreten. Wir wollen frisches Leben, das uns längst durch den Drill abhanden gekommen, Leben in der Gemeinde, Leben im Rabbinat, Leben in der Wissenschaft. Heute aber herrscht aus allen diesen Gebieten und selbst auf dem der Wissenschaft das Schnorrertum. Denn wie ist es erst mit der Wissenschaftlichkeit der Seminar-Rabbiner bestellt! Wie wenig wirklicher Sinn für die Wissenschaft bei ihnen, die doch fast schon soviel sind, „wie der Sand am Meer," vorhanden ist, zeigt doch am klarsten, daß die von Frankel-Graetz gegründete wissenschaftliche Monatsschrift seit vielen Jahren kaum inehr ihr Leben zu fristen vermag, da die Jünger des Seminars, deren es doch, wie gesagt, schon heute mehr als genug giebt, und welche, dank der von allen Seiten austauchenden Seininarien bald alle Lande förmlich überfluten werden, weder die geringen materiellen Mittel der Erhaltung zu liefern gewillt sind, noch für die geistige Nahrung der Monatsschrift aufzukommen vermögen. Nein, werter Herr Rabbiner, mit Sophismen und Witzeleien, welche sich eben aus Mangel an Ernst und Widerlegungskraft einstellen, werden solche Wahrheiten wie sie der Artikel über unsere Rabbiner sagt, nicht aus der Welt geschafft, zumal die heutige Jugend ganz anders geartet ist. Diese fangt an die Augen zu öffnen, sieht, wie allein im Judentume — dank der „führenden" Thätigkeit der Rabbiner und der ihnen ebenbürtigen Vorstände — welche alles schön und herrlich nnden, Tod und Verwesung herrscht, während die ganze übrige Welt sich aufbäumt und nach neuem Werden ringt. Die Rabbiner von heute aber sind selten auf Seite der Bedrückten und Verlassenen, oder, sagen wir es rund heraus, auf Seite des leider so zahlreichen jüdischen Proletariats zu finden, sind sie doch ja nurj Salon-Rabbiner, welche stets den Mantel der Liebe über alle Vergehen bet Großen in Israel ausbreiten. Weil die Seminarzöglinge einen Ring bilden, sich gegenseitig ihre „geistigen" Produkte in den ihnen zu Gebote stehenden Blättern mit rührender Begeisterung in den Himmel heben, halten sie sich schließlich für Sterne erster Größe. Aber man möge doch hören, was die außer ihrem Ringe befindlichen Sachverständigen von tief ernstern Streben, was die vormals objektiven christlichen Gelehrten über diese Geistesprodukte seit vielen Jahren sagen und schreiben, und man wird begreifen, welchen Schaden die als „jüdisch" verurteilte und besonders in neuester Zeit scharf hervortretende Methode in der Wissenschaft angerichtet hat. Dies Ne herrlichen Erfolge der Seminarien. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Lemberg. 8. Gr. Warum ili Dr. Doch nicht wirdergrmählt mordeu. Q Kolomea (Galizien), den t6. Dezember. Wie Sie, geehrter Herr Redakteur, den politischen Blättern wohl bereits entnommen haben, ist Dr. Bloch anläßlich der Nachwahl zum Reichsrat in den drei Stadtgemeinden Kolomea- Buczacz-Snyatin unterlegen. Er erhielt 605 Stimmen gegen 2164 Stimmen, die sein Gegenkandidat Dr. M. Trachtenberg aus seinen Namen vereinigte. Hier in Kolomea selbst, wo angeblich für Dr. Bloch ein großer Enthusiasmus herrschen soll, hat er blos 67 Stimmen erhalten. Nach einer solchen Niederlage scheint Dr. Bloch übel beraten zu sein, wenn er eine Genugthuung darin findet, seinen Gegner 511 verunglimpfen und verunglimpfen zu lassen. Die Person des Dr. Trachtenberg kommt dabei gar nicht in Betracht; aber Dr. Bloch weiß sehr gut, daß er nicht mehr gewählt werden konnte, und wenn es nicht Dr. Trachtenberg wäre, so würde ein anderer, vielleicht gar ein Christ, das Mandat erhalten haben. Für uns Juden ist es aber gut, daß Dr. Bloch vom politischen Schauplatz verschwindet; denn wenn er sich etwa Hoffnung macht, bei den im Frühjahr 1897 stattsindenden Neuwahlen glücklicher im Wahlkampf zu sein, so giebt er sich einer Illusion hin, die für ihn nur mit einer unangenehmen Enttäuschung enden kann. Wenn von außen für ihn noch Stinnnung gemacht wird, so kann dies, wenn wir das möglichst beste Motiv annchmen wollen, nur aus Unkenntnis der Sachlage geschehen — wahrscheinlich aber rührt der ganze Reklamen-Tamtam aus einer und derselben Quelle her. Gewisse Leute, welche sich die Verteidigung der Juden zum „Geschäft" oder gar zum Sport gemacht haben, scheinen ein Abkommen aus gegenseitige Beweihräucherung getroffen zu haben. Dr. Bloch kam zu uns vor zwölf Jahren, als es galt, das durch den Tod des Rabbiners Schreiber erledigte Mandat iu unserem Wahlkreise neu zti vergeben. Herr Dr. Bloch hat