Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-12-20 · 51 (20.12.1895) · p. Seite 833

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
51 (20.12.1895)
Date
1895-12-20
Page
Seite 833 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/4794838-9608360-9609154--0995-9609159
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 51. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seile 833. Unsere Habbiuer. (Erwiderung auf eine Erwiderung.) Es ist ein recht billiges und sehr verlockendes Beginnen" die Behauptungen unseres Rabbiners, des Herrn Dr. Caro" daß die heutigen, aus den modernen Seminarien hervorgegangenen Rabbiner die jüdische Wissenschaft gefördert, und daß das Rabbinat in der Gegenwart dank derselben „an Bedeutung und Einfluß ungemein gewonnen", wegzublasen und — weiß Gott — ich unternehme es nicht, weil es so billig ist, sondern weil es mich drängt, bei dieser Gelegenheit einmal einige Wahrheiten zu sagen, die uns so überaus Not thun. Denn die Stimme der Wahrheit wird in unserer Zeit nur selten gehört. Wir hören sie weder von unseren Feinden^ den Antisemiten, welche in blinder Wut nur nach verlogenen Verleumdungen suchen, und ebensowenig hören wir sie von unseren Freunden, unseren Führern und Leitern, die ja alles so schön, so herrlich, die Gemeinde blühend, die jüdische Wissenschaft so lebendig wie nie zuvor, das „Seelsorgertum" in prächtigsten! Glanze finden. Wie kann unter solchen Umständen das in tiefste Versumpfung geratene Judentum zu neuem, frisch pulsierendem Leben gelangen? Rings um uns drängt alles immer mehr, immer ungestümer zum Licht, sehen wir ein gewaltiges Regen selbst in den untersten, von den gegenwärtigen „Stützen der Gesellschaft" so gern als ganz verkonunen gehaltenen Schichten. Nur wir sind in unserer verblendeten Selbstgefälligkeit erstarrt zu fossilen Ueberresten einer verknöcherten Zeit. Das bischen modernen Anstriches, das unsere heutigen Rabbiner aus den Seniinarien mitbringen, wird kaum in der Lage sein, den gesunden Kern des Judentunis auszuschälen, die geistigen Schätze der jüdischen Wissenschaft zu heben, die jüdischen Gemeinden aus ihrem lethargischen Schlafe zu wirklichem, thatenfrohem Leben zu erwecken. Als vor Wochen in diesem Blatte der Artikel „Unsere Rabbiner" erschien, da wehte uns aus deinselben ein so frischer Odem, ein so lebensfroher und lebenswahrer Zug entgegen, daß wir begierig waren auf das Echo, das derselbe erwecken wird. War er doch Hunderten von jungen Leuten, die, voll begeisterter Liebe für das Judentum, schmerzerfüllt die herrschende Versumpfung sehen, die aber vielfach aus Mangel an Führung irre gehen, aus der Seele geschrieben; sprach er doch das rechte und darum erlösende Wort zur rechten Zeit aus. Doch siehe da, es erhebt sich gerade in unserer, mit den allertraurigsten Zuständen gesegneten Gemeinde und legt, pro domo, für sich und seine Brüder in seminario eine Lanze ein. Gehört es ja zum anerzogenen Berus, in gewohnter Gegenseitigkeit sich selbst zu verhimmeln, bis sie es schließlich selber glauben, daß sie für Wissenschaft und Judentum eine Bedeutung haben. Da schlügt nian ein Psauenrad und läßt in seinem bunten Gefieder selbstgefällig die blendenden Größen der Gegenwart aufsteigen*), „auf welche Zacharias Frankel, wenn er es mitansehen könnte, stolz wäre"! *) Unter diesen angeführten Größen der Gegenwart wird auch der leider allzufrüh verblichene Frankfurter Rabbiner Brüll genannt. Er war in der Thät ein ganz ausgezeichneter Gelehrter, ein vorzüglicher Charakter und ein Mann von unerschütterlicher Ueberzeugungstreue, allein einem Seminar hat er niemals angehört, er bildete sich in Wien unter den Augen Jellinek's aus und war ein Nacheiferer Geiger's- Allen Respekt vor dieser Jüngerschar; aber geben alle die von Herrn Dr. Caro, wie es ja die Schablone verlangt, sorgfältig alphabetisch aufgezählten Größen der Gegenwart zusammengeknetet nur ein Viertel eines Krochmnl, oder eines Rapoport, oder eines Ge'ger, oder eines Jost, oder eines Frankel, oder auch nur eines Graetz und der großen übrigen mitarbeitenden Schar — von einem Zunz gar nicht zu sprechen? Uebrigens möge uns Herr Dr. Caro, der die heutigen Seminargrößen so selbstzufrieden bewundert, doch sagen, ob aus dem Seminare jemals auch nur Männer hervorgegangen von den großen und vielseitigen Verdiensten eines Luzzatto, Jellinek, Leopold Löw, Kirckheim, Michael Sachs, Philippson, Lebrecht, S. M. Hirsch, Senior Sachs, Derenbourg, Herzfeld, Hildesheimer, Kayserling und vieler anderer — eine Zusammenstellung von Persönlichkeiten, wie sie uns in den Wurf kommen, ohne Rücksicht auf die religiöse Richtung derselben, und die sehr zu Ungunsten des von Herrn Caro gerühmten Einflusses der Seminarien ausfüllt. In seiner glücklichen Naivetät und Selbstzufriedenheit glaubt Herr Dr-. Caro, „daß die jüdische Wissenschaft seit der Gründung der Seminarien eine Höhe, eine Vertiefung, eine Ausbreitung gewonnen habe, wie seit Jahrhunderten nicht." Als Beweis des befruchtenden Einflusses der Seminarien, deren Jünger zu sein Herr Caro so stolz hervorhebt, spricht er, unter Aufzählung einiger anderer wissenschaftlicher Werke, von „Bacher und Kaufmann's epocheinachenden Schriften und Studien". Run, ich habe von epochalen Werken eines Zunz, von grundlegenden Schriften eines Krochmal, Rapoport, Geiger — welcher, in Parenthese bemerkt, vor 30 Jahren die Nachteile der Seminar-Erziehung vorausgesehen — eines Frankel 2C., von hervorragenden geschichtlichen Leistungen eines Jost und Graetz gehört, welch letzterer, wie gefährlich auch seine unhistorische Methode seinen minder begabten Schülern und Nachbetern geworden, doch ganz bedeutendes geleistet, aber epochale Schriften eines Kaufmann oder Bacher, deren Fleiß und vielseitige Arbeitsamkeit ich gewiß anerkenne, sind mir völlig unbekannt geblieben, obgleich ich alle jüdisch-litterarischen Erscheinungen gewissenhaft verfolge. Ich bin sogar überzeugt, daß diese von Herrn Dr. Caro in solche Höhe emporgetragenen Männer unter leisem Erröten diese ihnen angedichtete Größe ablehnen. Sie sind und fühlen sich wohl nur als solche, wackere und emsige Kärrner, welche zu thun haben, wenn Könige bauen; Könige aber zu sein, welche selber bauen, das haben sie selbst niemals prätendiert, und sie zu Baumeistern in die Reihe von Zunz, Rapoport, Geiger rc. hinaufzuschrauben, das vermochte nur ein heutiger Sentinarist, der zu diesen Männern mit Recht wie zu unerreichbaren Größen scheu emporblickt. Die Bedeutung der Rabbiner-Seminarien soll ferner dadurch dargethan werden, daß sich aus denselben tüchtige Aerzte, Chemiker u. s. w. abgezweigt haben. Doch dieser Umstand beweist eben nichts anderes, als daß sie dem Seminar den Rücken gekehrt haben. Daß es unter den Seminaristen „flotte Kouleurburschen", „emsige Turner", „vorzügliche Musiker", ja sogar „geübte Tänzer" giebt, beweist ja nur, daß die Seininar-Erzichung eine rein äußerliche, für den Salon bestimmte ist: — Rabbiner mit der Parfümflasche und dem unvermeidlichen Käppchen! Wo bleiben aber echte Wissenschaftlichkeit, Manneswürde, Charakterstärke und Seelengröße? Wenn unser Rabbiner es als besonderes Verdienst hervorhebt, daß die meisten Rabbiner ebensoviel Rückgrat an den Tag legen wie die Advokaten und Aerzte, so erhärtet er nur

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.