Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 50 (13.12.1895)
- Date
- 1895-12-13
- Page
- Seite 825 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/4794838-9608360-9609137--0986-9609150- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 50. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 825. — Dem Antisemitenfilhrer in Graz (Steiermark), Jnstitutsinbaber und Gemeinderat Josef Feichtinger, entzog die Landesschulbehörde die Konzession für sein Institut, einem Privat-Untergymnasium, weil er keine Rechenschaftsberichte, wie es das Gesetz fordert, vorlegte- und keine Professoren und Lehrkräfte namhaft machte. Feichtinger hatte nur noch einen Schüler und dieser einzige Schüler des Antisemitenführers war ein — Jude. — Der Magistrat von Kalter« in Tirol ernannte Lueger zum Ehrenbürger. — Das Bürgermeisteramt in Wien wäre Lueger lieber- — Der Vorstand des „Vereins zur Beförderung der Handwerke unter den inländischen Israeliten" in Wien hat beschließen müssen, die Aufnahme von Knaben während der Monate Dezember und Januar zu sistieren. Diese Maßregel wurde notwendig infolge des enormen Andranges der aus allen Ländern der österreichisch-ungarischen Monarchie um Aufnahme ansuchenden Knaben und der großen mit der Versorgung und Bekleidung des dermaligen Standes der Vereinszöglinge (mehr als 800 Knaben) verbundenen Auslagen, welche bereits im Vorjahre ein namhaftes Defizit zur Folge hatten. — O, die arbeitsscheuen Juden! — Der erste Beweis für die völlige Gleichstellung der Juden in Ungarn ist geliefert. In Fcrtö-Szent-Miklos wurde am 3. d- M. die jüdische Volksschule demoliert, Fenster in von Juden bewohnten Häusern eingeschlagen und in ein jüdisches Haus sogar geschossen. — Anläßlich einer Erdaushebung wurde in Großvardein ein silberner Becher mit einer hebräischen Inschrift gefunden, welche in der Uebersetzung lautet: „Moses den Szofar (?) der Großvardeiner jüdischen Gemeinde i. I- 1450." — Danach muß dort schon vor 450 Jahren eine größere jüdische Gemeinde bestanden-haben. — Aus dem italienischen Städtchen Pesaro, wo es heute keine Juden mehr giebt, kommt die Nachricht, daß man dort einen alten jüdischen Friedhof ausgegraben habe, von dessen Grabsteinen, die wahrscheinlich schon etliche Jahrhunderte alt sein dürften, mehrere noch gut erhalten sind- In einem der Gräber wurde auch eine Pergamentrolle mit hebräischen Schriftzeichen gefunden, die sogleich dem Hebraisten Emil Viterbo zur Entzifferung übergeben wurde- — Die jüd. Gemeinde in Turin hat kürzlich ihr neuerbantes Altersversorgungshaus eingeweiht, das eine wahre Zierde der Stadt genannt werden darf. Geräumige und luftige Zimmer, eine wohl eingerichtete Küche, ein schöner Garten und eine ebenso schöne Synagoge erregen den ungeteilten Beifall aller Besucher dieses der Wohlthätigkeit gewidmeten Hauses. Dasselbe ist für hundert Arme bestimmt, beherbergt aber für jetzt blos deren dreißig, die so den Abend ihres Lebens in Ruhe und sorgenlos verbringen. Unter den Bewohnern dieses Hauses befinden sich auch, einige Greisinnen für die eine eigene Abteilung besteht. Und dabei ist die jüdische Gemeinde von Turin keine allzu reiche und auch keine allzu große. — Die jüdische Gemeinde in Genna besitzt vier Mitglieder, auf die nicht nur jeder Israelit, sondern auch jeder italienische Patriot stolz sein kann. Es sind dies die vier Brüder Vitale, Alessandro, Jsaia, Giacomo und Achille, die alle vier dem Vaterlande gedient und des Königs Ehrenrock getragen, und die sich stets durch ihre Bravour und ihren Heldenmut ausgezeichnet haben. Der älteste dieser vier Brüder, Alessandro, stand schon 1848 im Feuer, seine zwei anderen Brüder fochten 1859 tapfer, und der jüngste, Achille, zeichnete sich im Feldzuge von 1866 aus. Als nun der König am 21. v- M. anläßlich des 25. Jahrestages der Befreiung Roms eine Revue über die italienischen Veteranen abhielt, wurde er auf diese vier Brüder, die gleichfalls zur Revue erschienen waren, aufmerksam gemacht. Der König ritt auf sie zu, sprach jeden einzelnen von ihnen an, ließ sich von ihren kriegerischen Erlebnissen erzählen und reichte dann beim Abschiede einem jeden derselben die Hand. - Der Flecken Jaruga in Podolien zählt 2000 Einwohner fast alle Juden. Vor 50 Jahren bot die Verwaltung der Staatsdomänen de» Juden von Jaruga an, ihnen zur immerwährenden Miete, mit Verkaussrecht, große Terrainflächen guten Bodens zu überlassen, um daselbst den Weinbau zu pflegen. Sie nahmen dies natürlich an, und binnen wenigen Jahren hatte der Flecken prachtvolle Weingärten aufzuweisen. Alle Juden wurden Weinbauer und zur Stunde ist der Weinbau dort ein sehr bedeutender- Sie kämpfen mutig, um ihrem Wein den guten Ruf, den er sich in der Gegend erworben, zu erhalten. Mehrere unter ihnen konnten bereits den Boden ankaufen und wurden Grundbesitzer; aber alle werden mit der Zeit dahin gelangen- Im ganzen ist ihre Lage eine gute- - Der Zar hat Herrn Lazar B r o d s k i j in K i e w, in Anerkennung seiner philanthropischen Werke, den Annen-Orden 2. Klasse verliehen. - Herr M. H. Polako, eins der geachtetsten Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Smyrna, wurde einstimmig zum Präsidenten der Handelskammer dieser Stadt gewählt. — Personalien. Das Lehreramt in Ellwangen ist durch Herrn S. Wetzler (von wo?) besetzt. lole llüttcr. * Gewissensbisse. Ein Berliner Kaufmann wurde von seinen Verwandten in Posen eingeladen, einem Beschneidungsfest beizuwohnen. Der Kaufmann welcher wußte, daß seine Verwanden streng nach jüdischem Ritus lebten und sich gleichzeitig erinnerte, daß man bei solchen Festen die Diener des Hauses zn beschenken pflege, war im Zweifel darüber, ob er am Sabbat Geld geben dürfe, oder nicht. Diesem Dilemma gegenüber wandte er sich an einen alten ehrwürdigen Bureaudiener, das Faktotum des Hausherrn, mit der Frage: „Ist es hier zn Lande trotz der Sabbatvorschrift erlaubt, den Dienern des Hauses Trinkgelder zu geben?" — Der alte Jsaac grübelte lange über die Frage nach, dann erklärte er mit männlicher Entschlossenheit: „Was mainer Person betrefft — ich nämms." * Vorzügliche Empfehlung. Ein jüdischer Gelehrter, der stets mit dem Religionsgesetze in Konflikt lebte, legte einem streng konservativen Rabbiner einen neuen Kommentar zum Buche Esther vor und bat um eine Empfehlung, die er demselben Vordrucken wollte. „Recht gern", sagte der Rabbiner, „will ich Ihrem Wunsche willfahren; ich will sogar den Kommentator noch über den Verfasser des Buches Esther erheben." „Solcher Ehre scheint meine Leistung aber nicht würdig zu sein", entgegnete der Bittsteller. „O, doch", meinte dagegen der Rabbiner, „denn der Verfasser des Estherbuches hat nur während des Niederschreibens desselben Gott nicht gekannt, (in der Estherrolle kommt bekanntlich der Name Gottes nicht vor) Sie aber haben ihn in ihrem ganzen Leben noch nicht gekannt" 40. „So lange Du noch den Schuh am Fuße hast, zertritt den Dorn." (Ber. rab.) Thue alles zur rechten Zeit, und verschiebe nichts, denn dann würde Dir vielleicht das fehlen, was Dich die Schwierigkeit am leichtesten überwinden läßt. 41. „Morgen, nicht heute," sagt die Trägheit. „Heute, nicht morgen," sagt die Begehrlichkeit. „Wenn heute nicht, doch morgen," sagt die Hoffnung. „Wenn heute auch, wie-morgen?" sagt die Sorge. „Heute und morgen," sagt die Besonnenheit. „Nicht heute, nicht morgen," sagt die Verzweiflung. „Morgen wie heute," sagt der Glückliche. „Wie heute, so morgen," sagt der Klagende. 42. Gut ist es, dann und wann von der Heerstraße abzulenken, um Land und Leute kennen zu lernen; nur sorge dafür, daß Du Dich immer wieder dahin zurückftndest. 43. Drei Dinge sind in großer Menge schlimm, in kleiner dienlich: Sauerteig, Salz und Sprödigkeit." (Berach. 34,2). Die zu weit getriebene Sprödigkeit fällt lästig, ja macht unerträglich. 44. „Was unter Deinem Kopfe sich befindet, das gehört Dir." (Jalkut.) Allgemein genommen heißt dies: Nur das besitzen wir sicher, was wir wirklich in Händen haben. Im besonderen Sinne aber heißt es: Alle übrigen Besitztümer sind schwankend, aber was wir an Geisteskräften und Kenntniffen erworben, bleibt uns sicher. *