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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-12-13 · 50 (13.12.1895) · p. Seite 824

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
50 (13.12.1895)
Date
1895-12-13
Page
Seite 824 (sequence 12)
Language
German
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Seite 824. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 50. *k. Juden in Palästina. Der in Jerusalem von Abraham Lunz herausgegebene Kalender auf das Jahr 5656 enthält genaue Angaben über die in den einzelnen Städten Palästinas wohnenden Juden, und wir ersehen daraus, daß in Jerusalem bei einer Bevölkerung von 45470 Einwohnern 28 117 Juden wohnen und zwar 15074 Deutsche und 7900 sephardische, die übrigen kommen aus der Bucharei, Persien, Arabien und anderen Ländern. Chebron mit 14295 Einwohnern hat 810 sephardische und 619 deutsche Juden, Jaffa mit 17713 Einwohnern 1760 deutsche und 1210 sephardische; Tiberias mit 6050 Einwohnern 1620 sephardische und 1580 deutsche; Saphat mit 12820 Einwohnern 4500 deutsche und 2120 sephardische Juden. In den übrigen Städten ist ihre Zahl sehr gering und in einigen, wie in Bethlehem mit christlicher Bevölkerung, wohnen gar keine Juden. — Besonders erfreulich ist die Mitteilung, daß nach den Zollkontrollbüchern aus Jaffa Arikel im Betrage von 4 630000 Franks exportiert und für 1 582 OOO Franks importiret wurden. Exportiert wurden vorzüglich Apfelsinen und Zitronen nach England, Deutschland, Rußland und der Türkei für 2 OOO OOO Franks; es finden sich aus der langen Liste ferner Gerste, Eier, Ziegenhäute, Olivenöl und Wein. — Die Eisenbahn fährt von Jaffa nach Jerusalem und zurück täglich zwei Mal und legt die Strecke in 3 3/4 Stunden zurück. — Von einer eigentümlichen „Chanukkaseier" in der sephardischen Talmud-Thorah-Schule wird erzählt, daß die Schüler mit den Lehrern an der Spitze vor die Thüren der Reichen ziehen und Eßwaren und Geldgeschenke einsammeln. Am achten Chanukkatage wird dann in den Räumen der Talmud-Thorah-Schule ein Gastmahl veranstaltet, an dem Schüler und Lehrer gemeinsam den Ertrag der Sammlung verzehren. Von dem Gastmahl begeben sich die Knaben in die Synagoge und sagen 308 Mal (nach dem Zahlenwert des Wortes n&O die Worte des Verses Genesis Kap. 43,2. tiys vb ‘üb* 'und singen das Hohelied. Alan legt dem eine kabbalistische Bedeutung unter; es erinnert sehr an das Kurrendesingen der Klosterschulen, wie es die Sephardim in katholischen Ländern gesehen und vielleicht angenommen haben. * r Russisches Die Auswanderung von Libau hat beträchtlich nachgelassen, dennoch vergeht keine Woche ohne die Abreise einer Zahl von Emigranten. Tie ans eigenen Mitteln die Kosten bestreiten, wandern gewöhnlich nach Afrika aus. — In Tiflis wird die Ausweisung jüdischer Familien noch immer mit Strenge betrieben. — Bei der Gründung von Aktien-Gesellschaften müssen besondere Bestimmungen ausgenommen werden, so lautet ein Zusatz zu den Statuten der „Strauß-Company für elektrisch Licht". Die Zahl der jüdischen Direktoren darf ein Drittel sämtlicher Direktoren nicht überschreiten. Jüdische Direktoren oder sonstige jüdische Angestellte sind den Beschränkungen unterworfen, welche die jetzt in Kraft bestehenden Gesetze vorschreiben. — Jüdische Reisende dürfen sich in S t. P e t e r s b u r g und Moskau nicht länger als vierzehn Tage, in den Provinzialstädten nicht länger als acht Tage und in allen anderen Städten nicht länger als fünf Tage aushalten. — Zu den Jngenieur-Prüsungen werden nur christliche russische Unterthanen zugelaffen. — Die Polizei von Jvanovo- Noznesersk (Provinz Vladimir) hat einem jüdischen Handwerker die Niederlassung in jener Stadt verweigert, weil er die vier Jahre, während der er seiner Militärpflicht genügt hat, sein Handwerk nicht betrieben hatte! — Der durch seinen Wohlthätigkeitssinn allgemein bekannte Zuckerfabrikant Lazan Brodskij in Kiew hat einen Betrag von 500 000 Rubeln zu dem Zwecke gespendet, um eine Bank zu erichten, welche der kleinen Gewerbetreibenden und Geschäftsleuten ohne Unterschied der Konfession zinsfreie Darlehen gewähren sollte. Brodskij arbeitetete selbst die Statuten aus, nach welchen die Verwaltung dieser Anstalt aus einem viergliedrigen Rate zu bestehen hätte, in dem zwei Juden und zwei Christen sitzen sollten. Diese Bestimmung fand jedoch bei der kompetenten Behörde Anstoß, und sie leitete die Statuten an den Verfasser mit der Zumutung zurück, er möchte dieselben dahin abändern, daß der Verwaltnngsrat nur aus Christen zu bestehen habe, denen ein Jude als Stellvertreter beigegeben werde. Brodskij weigert sich mit Recht, diesem geradezu frechen Ansinnen Folge zu geben, und so dürste die Errichtung dieser für das Heil des kleinen Mannes bestimmten Bank aus unabsehbare Zeit verschoben sein. Die Entrüstung der christlichen Gewerbetreibenden über das Vorgehen der Behörde ist selbstverständlich groß, und sie wollen sich darüber beim Finanzminister beschweren. So sieht die antisemitische Volksbeglückung allerorten aus! * Zrr Gunsten der Juden in Rußland hat sich eine mächtige und autoritative Stimme erhoben, die gewiß nicht ohne Einfluß auf die Eindämmung der Ausfälle gegen die Juden bleiben dürfte. Es ist dies der russische'Adel von Perekop, der den Mut hatte, in einer durch die Ständeverwaltung dieses Gebietes dem Gouverneur von Taurien überreichten Denkschrift die ökonomische Lage der Provinz grau in grau zu schildern und für die Aufhebung der gegen die Juden verfügten 'Niederlassungsbeschränkung energisch einzutreten. Zahlreiche Dorfgemeinden und Marktflecken haben ihre Zustimmung zum Inhalte der Aufführungen der Denkschrift ausgesprochen, und in einer außerordentlichen Sitzung der Bezirksständeverwaltung, unter Vorsitz des im Gebiete allverehrten Generals Nicolai Karalasch, wurde der einstimmige Beschluß gefaßt, die Denkschrift mit einer Befürwortung unverzüglich dem Gouverneur zu überreichen. Dies geschah, und hierbei wurde sie von dem Präsidenten der Ständeverwaltung des Gouvernements, dem berühmten südrussischen Volkswirte Pawel Jwanowitsch Schtschliwzew, persönlich unterstützt. Jeder Kommentar, den man dieser Thatsache hinzufügen wollte, wäre überflüssig. Kier und dort. — Nicht sonderlich scheint cs dem Herrn Sch wein Hagen im Exil ergangen zu sein Wie wir berichtet, ist er in Wien verhaftet und aus Reklamation der preußischen Regierung ausgeliefert worden. Er ist nun dieser Tage in das Gerichtsgefängnis in Ratibor eingeliefert worden, wo er seine Strafe wegen Beleidigung des Finanz- Ministers ((> Monate) abbüßen wird. Bei seiner Einlieferung hatte Schweinhagen 1 Gulden 2<> Kreuzer bei sich. — Am 15. .Kislew (2. d. M-) wurde in Halberstadt der neue jiid. Friedhof seiner Bestimmung übergeben- Tie ernste Feier leiteten die Herren Rabb- Tr- Auerbach und Kantor Senior. — Der Stimmzettelfälscher Schneider erzählte jüngst im österreichischen Reichsrate, bei jüdischen Hochzeiten würden harte Eier gegessen und mit einem „schwarzen Pulver" bestreut- Hierzu wird ans Konstantinopel geschrieben: „Schneider hat etwas läuten hören und ohne, wie er als Ehrist verpflichtet wäre, gewissenhaft zu prüfen, phantasievoll ein Märchen geschaffen. Eier werden bei den Juden im Orient vorgesetzt, mit Asche bestreut, aber nicht bei Hochzeiten, sondern nach einem Leichenbegängnis. Wenn die Hinterbliebenen von dem Friedhofe zurückkommen, werden ihnen Eier mit Asche vorgcsetzt, in demselben Sinne, wie dies bei den Ehristen am Aschermittwoch geschieht. Lulvio es!

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