Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 50 (13.12.1895)
- Date
- 1895-12-13
- Page
- Seite 823 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 50. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 823. beanstandet iverden, weil unter andercnr ein Oberamtmann gegen den Antisemitismus Stellung genommen hatte. Auf den Vorwurf, daß der Oberamtmann dadurch einen Amtsmißbrauch begangen hätte, erwiderte der Minister des Innern Herr Eisenlohr, daß nach seiner Ansicht der Beamte den Kreis seiner Pflichten auch dann nicht überschritten haben würde, wenn er auf dem Rathause gegen die verderblichen Tendenzen des Antisemitismus eine Rede gehalten hätte. Es wäre lebhaft zu wünschen, daß auch anderwärts auf verantwortlichem Posten eine so unzweideutige Stellungnahme gegen die anarchistische Agitation der Antisemiten beliebt würde. — Der Verein für Kinder-Bolksküchen hielt im Bürgersaale des Rathauses, unter Leitung seines Vorsitzenden, Herrn Hermann Abraham, seine zweite Generalversammlung ab. Dem von den Vorsitzenden gegebenen Berichte über das verflossene Rechnungsjahr ist zu entnehmen, daß während 1893/94 gegen 4000 Kinder umsonst gespeist wurden, 1894/95 die gleiche Wohlthat 8000 Kindern zuteil geworden, außerdem werden gegen 2000 Kinder für den minemalen Preis von 5 Pf. gesättigt. Der Verein unterhält in diesem Jahre zehn Kinder-Volksküchen, die sich in den Außenbezirken der Stadt befinden, wo die größte Arnntt herrscht. Die Gesamtleitung untersteht einem Zentralvorstand^ welcher sowohl für die Beschaffung notwendiger Mittel sorgt, als auch die Materialien in möglichst guter Qualität und zu den billigsten Preisen zu kaufen bestrebt ist. Aus dem Bericht des Schatzmeisters ist zu entnehnien, daß die aus dem Erlös für verkaufte Speisemarken, aus Jahresbeiträgen, Geschenken, Kapitalbeiträgen, Zuwendungen herrührenden Einnahmen vom 1. Okt. 1894 bis 1. Okt. 1895 Mk. 69,285,45 in Bar und 13,000 Mk. in Wertpapieren betrugen, während sich die Ausgaben auf 68,030,79 Alk. in Bar und 9000 Mk. in Wertpapieren beliefen. Es wurden im. Winterhalbjahr 1894/95 umsonst verabreicht: 793,725 Portionen, verkauft wurden 202,593 Portionen ä 5 Pfg.. Ein Ketzergericht wurde am Freitag Abend in einer Antisemiten-Versammlung über die „Staatsb.-Ztg." abgehalten, weil sie „Juden-Annoncen" aufninnnt. Sie soll sogar — es ist schrecklich — Gedichte der „Goldenen 110" veröffentlicht und für Werthei,n'schen Cognae Reklame gemacht haben. _ Besonders thaten sich bei den Angriffen auf das Blatt die früheren Freunde desselben, die Herren Schneidermeister Volkmann und Michaelis hervor, denen es als Leitern der „christlichen." Damenmäntel-Konfektion besonders schmerzlich war, daß vom Ahlwardt-Moniteur „nichtchristliche" Konkurrenz-Firmen empfohlen wurden. Herr Michaelis erklärte die Behauptung der „Staatsb.-Ztg.", daß sie „mit ihrem Herzblut" gegen die Juden kämpfe, für eitel „Mumpitz". Rach längerer Debatte wurde eine Resolution angenommen, durch welche die mit der politischen Haltung der „Staatsb.- Ztg." nicht in Einklang zu bringende, lediglich durch Geldinteressen bestimmte Aufnahme von „Juden-Annoncen" als das scheußlichste aller Verbrechen gekennzeichnet wird. — Man Quitte j(i hier die andere Frage auswerfen, ob Juden in antisemitischen Blättern inserieren sollen, inserieren dürfen, da sie hierdurch die Macht der Gegner stärken und befestigen. Doch schade um die Druckerschwärze! * 2 üni'tliöttzin)' Saint-Hilaire, der ehrwürdige Staatsmann und Philosoph, der dieser Tage gestorben ist, war ein ausgesprochener Apostel der Toleranz und ein erklärter Feind von Glaubens- und Rassenkümpfen. Gelegentlich der Hundertjahrfeier der Emanzipation der Juden in.Frankreich, richtete er ein Schreiben an den Herausgeber der „Archiven Israelites“, in welchen, sich die folgenden Stellen finden: „Eine Anzahl Christen entehrt sich selbst durch abscheuliche Verfolgungssucht, die kein Ende nehmen zu wollen scheint. Die Juden werden diesen Roheiten zu widerstehen wiffen, wie sie so manche andere ausgehalten haben. Seit 2000 Jahren und mehr haben sie der Welt ein Beispiel von Standhaftigkeit und unerschütterlichem Glauben gegeben. Es ist ein Ruhm für sie und die ganze Menschheit, daß sie stets das geblieben sind, was sie sind. Durch die Bibel, das größte der heiligen Bücher, geleitet, dürfen sie glauben, daß sie hinsichtlich der Religion und der Mildherzigkeit von keinem anderen etwas zu lernen haben, und daß ohne das alte Testament das neue überhaupt nicht möglich gewesen wäre." * w Aus Holland schreibt man uns: Man hört so häufig von Ausbrüchen von „Judenhetzen" auf dem europäischen Festlande, die sich ganz besonders gegen Bankiers und Journalisten richten, daß es eine wahre Erfrischung ist, in den verbreitetsten holländischen Blättern, die alle politische Parteien vertreten, eine von glühender Begeisterung zeugende Betrachtung über die Laufbahn unseres Glaubensgenossen, Herrn P. Frenkel aus Deventer, zu finden. Dieser Ehrenmann feierte jüngst den Tag, an welchem er vor vierzig Jahren feinen ersten Beitrag an das bedeutendste holländische Blatt, „Het Handelsblod" in Amsterdam, sandte; seit jener Zeit wurde er uach und nach Mitarbeiter von zwölf der gelesensten Zeitungen Hollands. Von allen Parteien und von allen Bevölkerungsklaffen empfing der Jubilar die herzlichsten Glückwünsche, auf die er wahrhaft stolz sein durfte. Unter den ersten Gratulanten war der frühere Finanzminister. * 8 Aus Sofia wird uns geschrieben: Unlängst berichteten die Blätter über die Gefahr, in der die Juden von Tatar-Basardschik sich infolge des Verschwindens eines Ehristenmädchens befunden; nach berühmten Mustern beschuldigte man sie, das Kind zu rituellen Zwecken geschlachtet zu haben. Mit Genugthuung konstatieren wir, daß die Zentralregieruug in Sofia alles Mögliche zunr Schutze der Judnr aufbot. Als der Premierminister Dr. Stoilow (der vor zwei Jahren, als er noch nicht im Amte mar, durch eine glänzende Verteidigungsrede die Freisprechung mehrerer, gleichfalls des Ritualmordes beschuldigter Juden von Wratzo herbeiführte) von der jüdischen Gemeinde in Tatar-Basardschik über die dortigen Vorgänge telegraphisch unterrichtet wurde, gab er den Behörden des Ortes sofort telegraphisch die strengsten Befehle, die jüdischen Einwohner zu schützen. Eine jüdische Abordnung aus Tatar-Basardschik, die nach Sofia kam, wurde vom Minister des Innern empfangen, der die wirksame Unterstützung der Regierung in Aussicht stellte und sein Versprechen sofort erfüllte, indem er den Generalinspektor der Polizei des Fürstentums nach Tatar-Basardschik entsandte, mit dein gemessenen Befehle, über Leben und Eigentum der Juden zu wachen. Als ein Tag nach dem Verschwinden des Kindes der tote Körper desselben in einem Versteck der Wohnung seiner eigenen Eltern entdeckt wurde, erklärten die herbeigerufenen Aerzte auf das bestimmteste, daß der Tod erst vor drei Stunden eingetreten sein könne. Der Mörder wurde bald darauf entdeckt — und sieh da! es war ein gläubiger Christ. Das Suchen nach dem Leichnam an deut Platze, wo er gefunden wurde, wurde auf Betreiben einer Nachbarin, der Tochter eines protestantischen Pfarrers, vorgenommen, die der Polizei klar machte, daß die Behauptung, die Juden schlachteten Christenkinder, eine nichtswürdige Verleumdung sei.