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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-12-13 · 50 (13.12.1895) · p. Seite 822

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
50 (13.12.1895)
Date
1895-12-13
Page
Seite 822 (sequence 10)
Language
German
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Sette 822. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 50. jüdischen Arbeiter Gelegenheit zum redlichen Erwerb geschaffen werde." Weiter heißt es: „Wem es Ernst ist, das soziale "Niveau unserer Glaubensgenoffen zu heben durch Schaffung von Arbeitsgelegenheit und durch Ablenkung von Berufsarten, die unseren Gegnern als Waffen dienen; wer die Schwierigkeiten kennt, die dem jüdischen Arbeiter entgegen stehen, der wird sich gern dem „Verein für Arbeitsnachweis" anschließen, fei es auch nur als zahlendes Mitglied." Vorsitzender des Vereins ist Herr Siegsr. Leichtentritt, Lessingstr. 15. — Pfarrer Naumann in Frankfurt a. M., publizistischer Vertreter der „jüngeren" Christlich-Sozialen, erklärt in der jüngsten Nr. seines Organs „Die Hilfe", daß er von dem Antisemitismus im allgemeinen ebensowenig wissen wolle, wie von dem Philosemitismus. Lokalantisemitismus (foll wohl bedeuten: die Ablehnung einzelner Juden) sei menscblich begreiflich und unter Umständen geradezu notwendig (?) Die Kardinalfrage, um die es sich aber bei einer gründlichen Stellungnahme handle, laute doch: Ist die Judensrage an sich der Kern unserer sozialen Schwierigkeiten? Er müsse darauf mit Nein! antworten, denn es gebe ganz außerordentlich traurige soziale Schwierigkeiten und wirtschaftliche Todeskämpfe, an denen die Juden gar keinen Anteil hätten. — Unsere Leser werden sich erinnern, daß wir bei unserer Ankündigung der „Hilfe" geschrieben haben, daß ein besonnener und zielbewußter Mann wie Pfarrer Naumann sich dem Antisemitismus im allgemeinen nicht zuwenden könne. Unsre Voraussetzung hat sich bestätigt. Was sagt aber das „Volk" dazu, und was ihr Hintermann Stöcker? - Konzert. Für einen Wohlthätigkeitszweck veranstaltete Herr Kantor D. Stabinski in den Räumen des Handwerkervereins ein Konzert, das im ganzen als gelungen bezeichnet werden kann. Herrn Stabinski, der vom Operngesang sich dem stilleren aber ebenso dankbaren kantoralen Amt zuwandte, fiel der Löwenanteil zu. Er sang eine Arie aus dein Freischütz mit vieler Meisterschaft. Seine volle und klare Stimme kam zu voller Geltung und schließlich erntete er für die an manchen Stellen recht schwierige Partie reichen Beifall. Auch die Leistungen einiger anderer Kräfte waren bemerkenswert. Das Spiel des Herrn Horwitz war nicht blos korrekt, sondern zeigte auch besonders in dem „Andante" von Peltermann zarte Empfindung. Erwähnenswert ist auch noch der Gesang des Herrn Kaminski-Lichtenftein, dessen ausgiebiger und voller Bariton von großer Wirkung sein müßte, wenn der Ton nicht zuweilen unbestimmt und schwankend wäre. g. — Ueber die soziale Stellung der Juden in Berlin giebt das Verzeichnis der wahlfähigen Mitglieder der jüdischen Gemeinde, wenn auch unvollkommenen, so doch immerhin interessanten Aufschluß. Das Verzeichnis weist aus 526 Aerzte und 215 Rechtsanwälte. Unter den Aerzten befinden sich 2 Geh. Medizinalräte, 12 Geh. Sanitätsräte und 52 Sanitätsräte. Unter den Rechtsanwälten 1 Geh. Justizrat und 18 Justizräte. Dem juristischen Berufe gehören noch 9 Amts- und Landgerichtsräte, sowie 8_ Amts¬ und Landrichter an. Die Liste zählt ferner auf: 40 Professoren, darunter 3 Geh. Regierungsräte, 11 Privatdozenten, 12 Oberlehrer, 42 Lehrer, 30 Journalisten und Redakteure und 31 Schriftsteller; ferner 25 Musiker und Komponisten. Im Staatsdienste sind angestellt: 1 Legationsrat, 1 Steuerausseher. Im Kommunaldienst stehen 9 Stadträte, (darunter mehrere allerdings a. D.) 2 Stadtbaumeister, 1 Bauinspektor, 1 Syndikus, 2 Magistratsbeamte. Vom Postfach sind zu nennen: 1 Oberpostsekretär, 1 Postsekretär, 2 Postbeamte, 1 Briefträger. Dem Eisenbahnsnch gehören an: 1 Eisenbahnbetriebssekretär, 1 Eisenbahnbureauassistent. Sodann sind zu nennen: 12 Maler, 7 Bildhauer, 8 Schauspieler, 3 Theaterdirektoren. Im Baufach thätig sind 11 Regierungsbaumeister, 10 Maurermeister, 46 Ingenieure, Architekten, Bau- und Zimmermeister. Es folgen 30 Chemiker. Von den Gewerben werden aufgezählt: 112 Schneider, 57 Kürschner und Mützenmacher, 20 Schuhmacher, 18 Uhrmacher, 12 Buchdrucker, 13 Tapezierer, )1 Buchbinder, 9 Klempner, 5 Drechsler, 3 Sattler, 5 Schlosser, 6 Bäcker, 14 Glaser, 8 Vergolder, 5 Mechaniker, 4 Tischler, 9 Graveure, 3 Bürstenmacher, 2 Friseure, 2 Lederarbeiter, 1 Webermeister, 1 Korbmacher, 1 Töpfer, 3 Gärtner, 1 Färber, 1 Schirmmacher, 2 Masseure, 1 Schaffner, 1 Oberkellner, 1 Feuerwehrmann, 1 Stallmeister, 1 Privatdetektiv und 2 Tänzer. Schließlich werden in der Gemeindewahlliste vom Kaufmannsstande noch besonders genannt: 9 Geheime Komerzienräte, 20 Komerzienräte, 7 Konsuln, 7 Generalkonsuln, 4 „von" und 2 Freiherren. — Interessant ist auch oft die Wahl der Vornamen einzelner Glaubensgenossen in Berlin. So heißt der eine Johannes Maximus, ein anderer — Christian mit Vornamen. — Prof. Dr. Ehrlich. Zum ordentlichen Professor in der medizinischen Fakultät der hiesigen Universität ist der bisherige außerordentliche Professor Dr. Paul Ehrlich ernannt worden. Diese Ernennung wird in ärztlichen Kreisen allgemeine Freude erwecken, weil sie diesem genialen Forscher endlich die verdiente Anerkennung bringt, die ihm so lange versagt geblieben ist. Fast schien es, als sollte dieser Gelehrte, der eine neue Richtung in der Pathologie angebahnt hat, überhaupt zu keiner offiziellen Stellung kommen. In den letzten Jahren war er gewissermaßen Privatgelehrter. Denn wenn ihm auch verstattet war, in dem Koch'schen Institut für Infektionskrankheiten zu arbeiten, so hatte er doch dort keinerlei amtliche Funktionen. In den letzten Jahren hat Ehrlich seine Arbeit der Untersuchung zur Erzeugung künstlicher Immunität zugewendet. Durch Versuche mit den Pflanzenwurzelstoffen Ricin und Abcin lehrte er zuerst die jetzt allgemein anerkannt beste Methode der Giftfestigung eines tierischen Körpers kennen — eine Methode, die schließlich Behring dazu verhals, das Diphthcrieheilferum in der Gestalt darzustellen, welche es praktisch brauchbar und wertvoll machte. Ehrlich hat auch wiederholt direkten Anteil an den Arbeiten Behring's gehabt. Ehrlich zeigte u. a. auch noch, daß die Immunität sich vererben läßt, daß in die Milch säugender Tiere die immunisierende Substanz übergeht u. a. m. An den Namen Ehrlich's knüpfen sich noch eine ganze Anzahl neuer Beobachtungen, zun: Teil z. B. auf dem Gebiete der klinischen Medizin: u. a. die sogenannte Sulsodiazobenzolreaktion int Harn, ein wichtiges Kennzeichen zur Erkennung des Unterleibstyphus. Ehrlich ist 1854 in Strehlen in Schlesien geboren, hat in Breslau und Straßburg studiert, 1878 promoviert, war mehrere Jahre Assistent von Frerichs in der Charitv, später von Geh. Rat Gerhardt. Seit Ludwig Traube's Tode (1876) ist mit Ehrlich zum ersten Male wieder ein Jude ordentlicher Professor in der medizinischen Fakultät der Berliner Universität geworden. — Eine offizielle Kundgebung. Aus Karlsruhe wird eine unzweideutige Absage an den auch in Baden leider parlamentsfähig gewordenen Antisemitismus gemeldet. Die zweite Kammer verhandelte über die Wahl in Sinsheim, wo ein Nationalliberaler mit 63 gegen 45 antisemitische und zersplitterte Stimmen gewählt worden ist. Diese Wahl sollte

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