Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 50 (13.12.1895)
- Date
- 1895-12-13
- Page
- Seite 820 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 820. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 50 abgebrochen hatte. Der Graf kam nur in seltenen Zwischenräumen von seinem Palaste ins Schloß, wo er stets nur kurze Zeit verweilte, und dann auch nur, um der Pflicht zu genügen. Daß er einen Hauptteil der Schuld an dem Seelenleiden seiner Gemahlin trug, und daß überhaupt in letzter Zeit das Verhältnis der beiden Ehegatten zu einander ein anderes geworden, das merkte der junge Arzt alsbald. Ein oder das andere Mal kani es vor, daß der Graf ihn beim Krankenlager seiner Gemahlin antraf. Amisser bemerkte alsdann, daß derselbe nicht mehr wie einst in Spanien seine Anwesenheit mit freundlichen! Blicke sah. Ob dies infolge der Ablehnung der gräflichen Protektion seitens Amiesers war, oder ob der Gras auch sonst noch andere Gedanken dabei hatte, das ließ sich nicht erraten. Denn wenn auch seine Miene Unzufriedenheit verriet, in den wenigen erzwungenen Worten, die er an Amisser richtete, ließ er nichts davon merken, Rach und nach waren die Besuche des Grafen bei seiner Gemahlin immer seltener geworden, während Amisser ein treuer täglicher Gast blieb, und die Gräfin, sei es infolge der Behandlung des kundigen Arztes, sei es infolge seiner bloßen Nähe, sich merklich wohler fühlte. Einige Male, während er über den Hof des Schlosses schritt, war es Amisser vorgekommen, als ob er in der nächtlichen Dämmerung einen Schatten vorüberhuschen und in die Seitenflügel des Schlosses verschwinden gesehen hätte, der ihm sein Großvater Reb Joses zu sein schien. Einigermaßen überrascht, schien es ihm doch nicht unmöglich, daß er richtig gesehen habe; hatte ja doch der Gras selbst seinen Großvater zum Besuche eingeladen. Zugleich fiel ihm ein, daß sein Großvater und der Graf, jedesmal wenn sie in seiner Gegenwart miteinander ins Gespräch kamen, stets aufs politische Gebiet geraten waren. Und da er nun wußte, daß das ganze Dichten und Trachten des alten Reb Josef nur auf seinen geheimen Plan, das heißt auf die Zukunft Amiesers, gerichtet war, so fing er an, über diese geheimen Zusammenkünfte seines Großvaters mit dein Grasen einigermaßen beunruhigt zu werden. Er fühlte instinktmäßig, daß auch seine Person dabei früher oder später in Betracht konunen würde. Denn etwas wichtiges mußte es sein, und nur mit den lang gehegten Ideen und Plänen Reb Josefs mußte es in Verbindung stehen, was den alten Mann bewog, den größten Teil seiner Zeit damit zuzubringen und ganze Nächte nuszubleiben. Bei einem seiner Gespräche mit der Gräfin äußerte er sich auch ihr gegenüber, daß er glaube, seinen Vater — daß es eigentlicb sein Großvater sei, durste niemand wissen — einige Male im Schlosse bemerkt zu haben und daß er vermute, daß derselbe hier sehr oft längere Zeit verweile und sogar ganze Nächte zubringe. Zugleich sprach er auch seine Meinung aus, daß es doch nichts Unwichtiges sein könne, was den Grasen und seinen Vater so sehr beschäftige, und daß ihm scheine, daß cs politischer Natur sei. Auch bie Gräfin war von dieser Mitteilung Amiesers befremdet. Daß ihr Gemahl mit dem alten Reb Joses stets sich in politische Diskussionen eingelassen, wurde von ihr ebenso wie von Amisser bemerkt, doch hatte sie ebenso wie dieser nie besonders daraus geachtet. Auch hatte der Graf sich niemals ihr gegenüber näher darüber geäußert. Nun erst, als Amisser ihr seine Mitteilung machte, siel es ihr aus, was sie mehrmals von den Hausleuten des Schlosses erfahren hatte, daß uäinlich der Gras bei seinem jedesmaligen kurzen Verweilen im Schlosse zahlreiche Gesellschaft empfange, worunter man auch einen alten Juden bemerkte; daß diese Gesellschaft jehr heimlich thue, meistens zur Nachtzeit konuue und gehe, und daß dann der Gras seine Gemächer absperre und nur einige wenige vertraute Diener Zutritt hätten. „Ich fürchte," sagte sie besorgt zu Amisser, „er beteiligt sich an irgend einer politischen Konspiration. Es ist dies leider in unser»! Lande unter dem Adel gang und gäbe. Wie aber Euer Vater zu solchen Dingen kommt, nimmt mich wirklich Wunder. Er bildet eben eine Ausnahme unter seinen Glaubensgenossen, wie er es schon durch Euere Erziehung bekundet hat." Amisser schmieg. Er hätte wohl'noch nähere Erklärung dieser ungewöhnlichen Eigenschaft Reb Josefs geben können. Aber, wie weit auch schon die vertrauliche Freundschaft zwischen ihm und der Gräfin gediehen war — ihr das Geheimnis seiner Abkunst entdecken, dazu konnte er sich doch noch nicht entschließen, umsomehr, als er es selbst nur erst halb kannte. Dieses unselige Geheimnis fing jedoch an, immer mehr sein Inneres in Anspruch zu nehmen und seinen Geist niederzudrücken. Bald, sehr bald sollte die Zeit kommen, hatte sein Großvater gesagt, wo er alles erfahren würde. Ein unbestimmtes beunruhrgendes Gefühl begann sich seiner zu bemächtigen und düstere Ahnungen schienen ihm zu verkünden, daß die wichtige Wendung in seinem Lebenslause, der er entgegengehe, keine freudige sein werde. (Fortsetzung folgt.) Wochen-Shronik. Berlin, den 12. Dezember. — Giebt es ein Rabbinat in Berlin? Man schreibt uns: „Sehr geehrter Herr Redakteur! In dem vorzüglichen Artikel „die Rabbinerwahl in Berlin" (No. 49 Ihres gcsch. Blattes) heißt cs, daß der Vorstand unserer Gemeinde seinem Urteil über die Rabbiner durch die Erklärung Ausdruck gegeben habe, daß wir ein Rabbinat überhaupt nicht hätten. Wenn ich hieran eine kleine Bemerkung knüpfe, so kommt es mir, wie ich gleich.bemerken will, nicht etwa in den Sinn, den sehr geschützten Herrn Verfasser des qn. Artikels rektifizieren zu wollen, sondern nur an eine Thatsachc will ich ihn erinnern, gegen die gerade er s. Z. in der ihm eigenen vortrefflichen Weise polemisierte. Zu Beginn dieses Jahres feierte bekanntlich der an der Spitze des Vorstandes stehende JustizratMeyer sein 25 jähriges Vorfteherjnbiläum Damals müssen wir doch ein „Rabbinat" gehabt haben, denn nur ein solches konnte dem allgewaltigen Beherrscher aller — Berliner Juden die „Morcnu" verleien. Also — wir haben ein Rabbtnat!" _ Die Logik der Thatsachc ist unumstößlich. — Phantasiegebilde. In der „North American Review" wird die Lösung der „Judensrage" erörtert und als glücklichster Ausweg die Auswanderung der Inden nach Palästina in Verbindung mit der Gründung eines eigenen jüdischen Reiches bezeichnet. Dr. Mendes, der Verfasser dieses Aufsatzes, legt die Vorteile seines Vorschlages dar: