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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-12-13 · 50 (13.12.1895) · p. Seite 819

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
50 (13.12.1895)
Date
1895-12-13
Page
Seite 819 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 50. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 819. des Wechselrechtes gegen den herrschenden Christen einfallen lassen. Froh, nicht gepeinigt zu werden, hätte er den Haß schwerlich" durch eine gerichtliche Prozedur noch geschurrt. Wohl aber lag ein so roher und grausamer scherz einem Juden gegenüber in dem Charakter jenes'Zeitalters. Wer die Juden und ihre Situation in früheren Jahrhunderten kennt, der mag beurteilen, aus welcher Seite die größere Wahrscheinlichkeit liegt. Ein Jude ist so blitzdumm, sich ein Pfund Fleisch für dreitausend Dukaten verschreiben zu lassen; ein christliches Tribunal muß einen Vertrag anerkennen, der unmenschlich, ungesetzlich ist, das Leben eines Christen gefährdet und es dem verachteten und verabscheuungswürdigen Inden preisgiebt. Porzia aber rettet den edlen Antonio durch eine Spitzfindigkeit,^die eher im Charakter jenes dialektischen und zur Wortdeuteiei geneigten jüdischen Verstandes liegt — Wie absurd! Dagegen ganz anders und der natürlichen Geschichte angemessen verhält sich die Sache so: Ein seltener Zufall machte ausnahmsweise einen Christen zum Gläubiger eines Juden. Mit Geldgeschäften nicht vertraut, verlangt der Christ zum Scherze die Verschreibung des Judenfleisches als Bürgschaft, er will den ohnehin schüchternen und ängstlichen Juden necken, den christlichen Mitbürgern einen Kernspaß zum Besten geben. Da steht der arme Jude ohne Schutz uud ohne Anwalt, von dem Vertragsbriefe und seiner eigenen Unterschrift dem Verderben bloßgestellt, gegen ihn ist alles, was ihm sonst Rettung bot, selbst der Buchstabe des Gesetzes, hat nichts als die Schärfe seines Verstandes, seinen klügelnden und spitzfindigen Geist. Wie natürlich, daß er diesen anstrengt, an dem Wortlaute, der Urkunde so lange herum drehet und zerrt, bis dieser zur Erheiterung der Richter, wie der Klüger für ihn, den Angeklagten zeugt. Ja! wir stehen nicht gut dafür, daß der feine Jude nicht gleich ursprünglich mit dem innereren Vorbehalte die Urkunde unterzeichnet hatte, daß ihm hier ein Hinterpförtchen geöffnet sei, durch das er nötigen Falles entschlüpfen könnte. Vielleicht hatte er sich gar ins Fäustchen gelacht, als sein Gläubiger dorm fiele deu Schein als gute Bürgschaft angenommen, in der vermeintlichen Sicherheit, daß er nun den Juden festhhlten könne, während dieser pfiffig darüber nachgedacht, wie er eine Insolvenz fingieren und dem verdutzten Christen dann einen Kommentar über den ausgestellten Schein statt des ausgelichenen Geldes wiedergeben werde. Es fällt uns nicht ein, jeden Juden verhimmeln zu wollen, und wir geben gern zu, daß es schlaue und pfiffige Individuen unter uns gab, aber nie und nimmer glauben wir an grausame und mordgierige Juden. Aber Shakespeare hat es gefallen, die historische Grundlage zu verfälschen, und er hat damit gegen die Wahrheit der Charakterzeichnung sich sehr versündigt, ohne hierdurch für das künstlerische uud ästhetische Element etwas Wesentliches gewonnen zu haben. Wir lasten weiter unten Stellen aus dem beregten Feuilleton folgen, an das wir unsere Bemerkungen knüpfen. (Fortsetzung folgt.) Iah« um Zahn. Erzälilung aus Polens Vergangenheit. (Fortsetzung.) , Für Amieser mar das Erscheinen der Gräfin Zarnowiecka auf seinem Lebenspfade von nicht minder starker, tief einschneidender Wirkung gewesen. In der Blütezeit des Lebens stehend, hatte er bis jetzt sich ausschließlich mit der Wissenschaft beschäftigt. Die Stellung des damaligen Juden im allgemeinen und der Charakter des alten Reb Josef insbesondere brachten es mit sich, daß der junge Mann von der großen Außenwelt fast gänzlich abgeschlossen geblieben war, und selbst der Verkehr mit den Glaubensgenossen hatte sich, bei dem zurückgezogenen Wesen Reb Josefs stets nur auf das notwendigste beschränkt. Was Amieser von dem Leben und Treiben der außerhalb seiner Sphäre liegenden menschlichen Gesellschaft erfuhr, war ihm größtenteils nur durch seinen Großvater zugegangen, und die Schilderungen, die ihm der menschenscheue Alte von derselben entwarf, waren stets in den düstersten Farben gehalten. Besonders war dies der Fall, wenn der alte Reb Josef auf die „Gojim", und namentlich auf die ihres Heimatlandes Polen zu sprechen kam. Wir wissen wohl, warum. Waren es doch solche gewesen, die sein Lebensglück zerstört hatten, Nach allem, was Amieser von letzteren erfahren, nlußte er sich dieselben, besonders dein geringgeschützten Inden gegenüber, als aller edleren und weicheren Regungen unfähig vorstellen. Da fügte es der Zufall, daß er die Gräfin Jadwiga Zarnowiecka kennen lernte, zugleich das erste weibliche Wesen, mit dem der Jüngling in nähere Berührung kam. Das Blendende der äußeren Erscheinung, und noch mehr die hohe geistige Bildung und das mit seinem Wesen so sehr sympathisierende Gemüt derselben machten auf die Seele des mit vielem Wisseu ausgestatteten, aber von einer stärkeren Erregung noch nicht betroffenen Jüngling einen tiefen Eindruck. Die immer mehr zwischen beiden sich entwickelnde Harmonie und Uebereinstimmung der Ideen steigerten der: Grad seiner Verehruitg für sie immer urehr. Doch wenn die Gräfin, sich ihres Gefühles für den jungen Judenarzt wohl bewußt, nur durch die gesellschaftlichen Schranken zurückgehalten wurde, diesem Gefühle sichtbaren Ausdruck zu verleihen, — so war hingegen Amieser, obwohl er mit seinem scharfen und klaren Blicke die Neigung der Gräfin zu ihm alsbald bemerkte und nicht mißverstand, dennoch zu sehr von deu: Bewußtsein des großen Abstandes zwischen sich und dem Gegenstände seiner Verehrung erfüllt, als daß er es über sich hätte gewinnen können, durch das geringste Zeichen seinerseits die von der Gräfin eingehaltene Grenze zu berschreiteu. Denn nebst den: gleichen Grunde, der sowohl die Gräfin als auch ihn zurückhielt, war es bei ihm vor allen: der Stolz und das Selbstbewußtsein, die ihm jeden Schritt und jedes Wort seinerseits, das mehr beansprucht hätte, als ihm freiwillig gemährt wurde, als Erniedrigung erscheinen ließen. Amieser war nun jetzt nieder, wie einst in Spanien, täglicher Besucher in: gräflichen Hause. Hatte er tagsüber feine Visiten gemacht und seine sonstigen Geschäfte verrichtet, so war es für ihn Pflicht und Erholung zugleich, die Stadt zu verlassen und sich nach deu: Schlosse vor der Stadt zu begeben, wo er mit Sehnsucht erwartet wurde. Er war Arzt und Freund zugleich. Die Harmonie im gegenseitigen Verhalten zueinander, die bereits im fernen Süden sich zwischen ihn: und der Gräfin entwickelt hatte, hatte sie nach und nach einander immer näher gebracht. Sonstige Besuche einfing die Gräfin sehr selten, da sie, auch sonst wenig mit ihren Standesgenossen in Verkehr, seitdem sie sich gänzlich von der Stadt zurückgezogen und in: Schlosse bleibenden Aufenthalt genommen, fast alle Verbindungen mit denselben

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