Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 50 (13.12.1895)
- Date
- 1895-12-13
- Page
- Seite 818 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 818. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. nicht entscheiden, aber ich kenne viele ehemalige Seminaristen, welche die fettesten Stellen ausschlugen, weil ihnen das verlangte schmiegsame Rückgrat fehlte. Herr Fr. kann sich bei Güdemann darüber erkundigen. Also die Wissenschaft ist tot, die Rabbiner haben sie erschlagen. Run wir meinen, Kohut's Aruch, Bloch's Saadia, Güdemann s Erziehungsgeschichte, Guttmann's religions-philosophische, Perles' antiquarische, Maybaum's homiletische, Bacher und Kaufmanns epochemachende Schriften und Studien enthalten doch etwas mehr als Afterwissenschaft oder das Bemühen, geistreich sein sollende Hypothesen aufzuftellen. Herr Fr. spricht von echter Wissenschaft, die unter dem Zwiespalt und dem Geisteszwange des Seminars nie und nimmer aufleben kann. Aber, mein Gott, das muß ja ein erbärmlicher Bursche sein, der mit der Matura in der Tasche unter Zwiespalt im Herzen und unter Geisteszwang sondergleichen im Seminar verbleibt und Rabbiner wird! Ein Seminar ist doch kein Kloster, und die Thüren stehen ja allezeit offen. Höchst rätselhaft bleibt mir ferner die Behauptung, daß die Seminarien mit der Wissenschaft auch das Rabbinat getötet haben. Bei aller Misere, die auch dem modernen Rabbinat noch anklebt, meine ich, will doch ein jeder von uns viel lieber heute Rabbiner sein, als vor fünfzig Jahren. Ich entstamme einer uralten Rabbinerfamilie, mein Vater war über 70 Jahre hochgeehrter Rabbiner in mehreren Gemeinden, wenn ich aber sein und seiner Vorfahren Leben und Erfahrungen überschaue, so fühle ich doch, um wieviel besser unverdienterweise mein Los ist, als es das ihrige war. Das Rabbinat hat in der Gegenwart an Bedeutung. und Einfluß ungemein gewonnen. Darüber vielleicht ein anderes Mal. Ich konstatiere noch einmal: der Artikel des Herrn Fr., wenn er nicht konkrete Erscheinungen in seiner Nähe im Auge hat, bleibt mir ein Rätsel, und selbst die schönsten Verse sind nicht imstande, dasselbe zu lösen oder zur Wiedererweckung der gemordeten Wissenschaft oder des toten Rabbinats annehmbare Ratschläge zu erteilen. Rabb. Dr. I. Caro, Lemberg. Shylock. 1. Das Feuilleton eines Budapefter Blattes brachte eine Analyse des bekannten Shakespeareschen Lustspieles „Der Kaufmann von Venedig", die uns in hohen: Maße angesprochen hat. Nicht etwa als hätte uns der Kritiker jenen angeblichen Juden Shylock von einer Seite gezeigt, von der wir ihn bisher nicht kannten, vielmehr interessierte uns der Umstand, daß man vom rein ästhetischen Standpunkte ausgehend fast zu dem gleichen Resultate gelangt, welches das jüdische Bewußtsein schon längst gefunden hat: Dieser „Kaufmann von Venedig" ist nichts als eine Komödie, in der ein im Geschmacke des 16. Jahrhunderts dramatisierter Judenkrawall zur Belustigung des Janhagels als wirksamste Episode verwendet wird. Es soll da der Jude poiuplaisir de canaille den Hanswurst machen, wozu er ganz eigens vom Dichter präpariert und qualifiziert wird. Zum vergnüglichen Behagen des süßen Pöbels werden da dem Simson die Augen ausgestochen, er wird bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, zum Ungeheuer umgebildet, ihm jede Spur von sittlichem Bewußtsein aus der Seele hinausgepeitjcht, und Nr. 50. nachdem er scheußlich genug gemacht ist, muß er mit müden wunden Beinen und gebundenen Händen tanzen, grauenhaften Spaß treiben, und erst wenn die moralische Entrüstung über das Scheusal genug gesteigert ist, dann speiet ihm bii tugendhafte Bürgerschaft noch einmal ins Angesicht und giebt dann den ubgenützten Balg den wilden Bestien des Hohnes und des zerfleischenden Hasses preis. — Wer dieses Lustspiel als Jude und mit jüdischem Gefühle liest und es bald erkennt, daß in diesem Shylock nicht ein einziger Zug vorhanden ist, der auch nur leise an den Rassencharakter erinnern könnte, der wird leicht versucht, sich allen Ernstes die Frage zu stellen, wen der „große Brite" eigentlich lächerlich machen, wollte, ob das Judentum, das solche Scheusale erziehen kann, ob das Vorurteil der Christen, das in solcher Weise einen Mitbürger zu entmenschen vermochte. Wie verwildert mußte der Judenhaß die Gemüter jenes Publikums haben, wenn man ihm eine solche Karikatur vorführen durfte, ohne eine Ueberschreitung der Wahrscheinlichkeitsgrenzen fürchten zu müssen. Wo steckt in diesem Shylock auch nur im entferntesten der Jude? Doch nicht darin, daß er beim Stabe Jakobs schwört, was herzlich dumm sich ausnimmt? oder daß er keinen Schinken riechen kann und doch zu christlichem Gastmahle geht? Er haßt den Christen Antonio, wird man sagen. Aber er haßt gar nicht den Christen in ihm, sondern den Störer seines schmutzigen Gewerbes. Was ist das für ein Jude, der niemals ein väterliches Gefühl für seine Tochter, nie ein brüderliches für seinen Stamm empfindet! Die einzige Zwiesprache am Anfang des dritten Aktes sagt uns alles, was wir über diesen angeblichen Juden Shakespeares uns denken dürfen: Shylock. Haft Du meine Tochter gesehen? Tubal. Ich bin oft an Orte gekommen, wo ich von ihr hörte, aber ich kann sie nicht finden. Shylock. Ei! so! so! so! so! Ein Diamant fort, kostet mich zweitausend Dukaten zu Frankfurt! Der Fluch ist erst jetzt auf unser Volk gefallen, ich Hab ihn niemals gefühlt bis jetzt; zweitausend Dukaten und noch mehr kostbare, kostbare Juwelen. Ich wollte, meine Tochter läge tot zu meinen Füßen und hätte die Juwelen in den Dhren. Mehr bedarf es nicht, um zu. begreifen, daß Shakespeare nichts weniger verstanden hat, als einen Juden zu karikieren. Sein Jude ist ein betrogener Teufel, der sich in den eigenen Schlingen gefangen hat, und der seine jüdische Abkunft durch nichts zu legitimieren vermag. Es ist das ein Jude, wie ihn selbst die Judenmission verschmähen würde, für ihre löblichen Intentionen zu gebrauchen, aus Furcht, sich vor sich selber lächerlich zu machen. Uebrigeus ist es sehr zu bezweifeln, ob an der Konzeption dieses Shylock nicht irgend ein unlauteres Motiv mehr Anteil hat, als der dramatische Dichter in Shakespeare, wenigstens giebt uns die Litteraturgeschichte einen Wink darüber, beu wir nicht übersehen dürfen. Bekanntlich liegen allen Lustspielen Sh.'s Novellen zu Grunde, denen er den Stoff entlehnt hatte. Die italienische Novelle, welche für den „Kaufmann von Venedig" verwendet wurde, erzählt aber, wie dies B. Auerbach nachgewiesen hat und hier schon bei anderer Gelegenheit wiederholt worden ist, den Vorfall umgekehrt: Ein Christ war es, der sich das Pfund Fleisch von einem Juden für den Fall der Insolvenz verschreiben ließ. Dffen gestanden hat diese Version mehr Wahrscheinlichkeit für sich als die Darstellung Sh.'s. Der Jude befand sich einmal zu allen Zeiten in gedrückter Minorität und hätte sich niemals einen so kühnen Mißbrauch