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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-12-13 · 50 (13.12.1895) · p. Seite 817

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
50 (13.12.1895)
Date
1895-12-13
Page
Seite 817 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 50. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 817. that so mancher Musikus Die „neue Welt" durchziehen; Csd) mache sicher auch Effekt Mit meinen Schimpfereien. D'rum greif' ich keck und wohlgemut Nach meinem Wanderstöckel, Ade vieltrener Liebelmann, Nebst Bachler, Bodek, Böckel! Ich schüttle jetzt den deutschen Staub Energisch von den Füßen, lind — treff" ich wo Freund Hammestein, So will ich ihn schön grüßen!" Schnell pumpt er noch die Freunde an, Und Frau und Kinder packten Inzwischen in den Reisckorb Die weltberiihmten „Akten". Man flickte in der Häuslichkeit Ihm eiligst noch die Hosen- Dann wandt er sich von Deutschland ab, Dein anerkennungslosen! (Volks-Zeitung.) Stolz trat er ans des Schiffes Deck, Der Ritter sonder Tadel, — In der Bvussole zitterte Tie ewig wahre Nadel, Und als er ans den Einsall kam, Sich an den Rand zu stellen, Um in die klare Flut zu schau'n, Da — brachen sich die Wellen. sonst war's ein wunderschöner Tag! Kein Windhauch schien zu säuseln, Kein Zephyr kam, mit losem Spiel Die glatte Flut zu kräuseln. Doch — wehe! —schon nach kurzer Zeit, Nach wenig hellen Stunden, War aller Glanz und Sonnenschein Vom Firmament verschwunden. Kein blaues Fleckchen lachte inehr Herab vom dunklen Himmel, Und Wolken jagten wild daher Iii schwärzlichein Gewimmel. Der Kapitän bedenklich sprach: „Dies scheint mir fast gefährlich, Weil allzu rasch der Umschwung kam Und allzu unerklärlich! Mein Seemannsauge — gut geschult Für Zeichen und Symptome — Sah heut' kein warnendes Signal Am hohen Himmelsdome! Mir scheint-" Da plötzlich hält er ein Und lacht aus voller Kehle — „Hallo! Jetzt wird mir alles klar, Bei meiner armen Seele! Der „Rektor aller Deutschen", den Wir nach New-chork spedieren, Giebt just ein Pröbchen seiner Kunst Den ander'« Passagieren! Der Hinnnel scheint uns also nur So fürchterlich umzogen, Weil er-das Blaue wieder mal Herunter hat gelogen!!" Julius Freund- Itnferr Rabbiner. II. Unter obigem Titel erschien in Nr. 49 dieser geschützten Zeitschrift ein Artikel, über den ich am liebsten mit dem Herrn Verfasser mündlich verhandelt hätte. Denn ich gestehe ganz offen, ich verstehe nicht, was dort gesagt wird. Ich bin auch höchst betroffen, denn ich bin ein alter Breslauer Seminarist und höre nun nach fast 25jähriger Amtsthätigkeit, daß ich als solcher mitgeholfen habe, die Wissenschaft und das Rabbinat zu erschlagen. Mir fehlte das Bewußtsein meiner argen That. Der geschätzte Autor rühmt auf unsere Kosten die alten Rabbiner, die erst nach der Absolvierung der Jeschiba an das Studium der Wissenschaften herantraten und für dasselbe mehr Empfänglichkeit und Geistesfrische mitbrachten, als die Schüler des modernen Seminars. "Run, wir wollen darüber nicht streiten, aber die staatliche Forderung der Gymnasialmatura wurde doch an die alten Rabbiner nicht gestellt. Was nach dem Herrn Verfasser der alte Talmudjünger an der Universität lernte: geistige Disziplin, methodisches Denken und wissenschaftliche Kritik, das, scheint mir, bietet die alma mater auch heute noch den Seminaristen, nur daß diese vom Gymnasium her mehr Schulung für die Aufnahme des Gebotenen besitzen und sich viel weniger Unarten abzugewöhnen haben, als die ehemaligen Jeschibajünger. Aber die Wissenschaft haben wir erschlagen und das Rabbinat dazu. Herr Fr. meint, das klinge paradox, aber i>ie schreienden (!) Erfahrungen der letzten 30 Jahre sollen dies in so unsäglich trauriger Weise bestätigt haben. Zacharias Frankel, steh auf und steh', was für eine Generation von Totschlägern der Wissenschaft Du erzogen hast: Bacher, Badt, Bloch, Braun, Brüll, Buchholz, Deutsch, Tessauer, Frankl, Groß, Güdemann, Guttman, Kaufmann, Kohn, Kohut, Kisch, Lewy, Maybaum, Perles, Prager, Rahmcr, Rippner, Schwarz, Theodor, Vogelstein, Ziemlich, Zuckermann :c. alles Deine Schüler, alles Seminaristen, alles Mörder der Wissenschaft! In meiner Einfalt glaubte ich bisher, daß die jüdische Wissenschaft seit der Gründung der Seminare eine Höhe, eine Vertiefung, eine Ausbreitung gewonnen habe, wie seit Jahrhunderten nicht, und muß nun beschämt erfahren, daß es damit nach schreienden Erfahrungen unsäglich traurig bestellt sei. Von einein frominen (soll doch wohl heißen: frömmelnden) geisteStötenden Drill war in dem Seminar, dem ich meine Ausbildung verdanke, nicht die Rede. Da war jedem für die Entwickelung der Individualität der breiteste Spielraum gegeben. Reben den jüdisch-theologischen Fächern studierte der eine Geschichte, der andere Philologie, ein dritter Mathematik, ein vierter neue Sprachen. Ich hatte für das Doktorexamen Hebräisch als Hauptfach, Geschichte der Philosophie und altgermanische Sprachen als Nebenfächer gewählt und konnte meinen Ulsilas lesen, wie ein Oberlehrer. Unter den Seminaristen gab es flotte Koleurburschcn (Raezeks), emsige Turner, vorzügliche Musiker, vortreffliche Zeichner und Kunstkenner, ja sogar geübte Tänzer. Niemand fühlte sein Talent bestutzt, und wem endlich die Theologie nicht behagte, der wendete sich einem anderen, seinen "Neigungen mehr entsprechenden Studium zu. Bedeutende Chemiker und hervorragende Aerzte haben in: Seminar den Grund zu ihrem Wissen gelegt. (Pinner, Feilchenfeld, Stern.) Der Behauptung, daß lauter nach Außen und nach Innen uniformierte Rabbiner ins Leben hinaustreten, fehlt ebenfalls jede Begründung. Die verschiedensten Richtungen, von der krassesten Orthodoxie bis zur freisinnigsten Refornt, waren bei uns bereits u« Seminar vertreten. Kroner und Vogelstein haben sich schon als Seminaristen genau so unterschieden, wie als Rabbiner im Amte. Und dem seligen Frankel stand doch der eine so nahe wie der andere. Er hat es nie versucht, eine ehrliche Ueberzeugung zu beugen oder zu brechen. Die Geschichte mit dem wandernden Käppchen haben wir schon anderswo gelesen, aber eine Lustspielfigur kann man doch nicht zum Prototyp aller Seminaristen machen. Ob dje meisten Rabbiner nicht noch ein steiferes Rückgrat besitzen, als manche Advokaten, Aerzte, Richter und Beamte, will ich

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