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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-12-13 · 50 (13.12.1895) · p. Seite 816

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
50 (13.12.1895)
Date
1895-12-13
Page
Seite 816 (sequence 4)
Language
German
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Seite 816. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 50. Mark — als auch darüber, daß im Judentum zu einer derartigen A uktion sich „tugendhafte" Beu erber finden werden. Das gäbe eine Auffrischung im Kampfe gegen das Judentum, die für hundert Versammlungen gegen ein Eintrittsgeld von 50 Pf. Vorhalten würde. Aber auch der zweite Fall, der einen Einblick in traurige Zustände innerhalb des deutschen Judentums gewährt, dürfte für Reelleres als für Lorbeeren zu funktifizieren fein, mit welchem Gemüse der Unsterblichkeit ja dem großen Mann allein nicht gedient ist. Es betrifft die Behandlung, welche die religiösen Funktionäre seitens der Vorstände, nicht nur der eigenen, sondern auch der fremden erfahren. Der Leser jüdischer Zeitschriften kennt dieses unerschöpfliche Thema zur Genüge, das in letzterer Zeit eine wesentliche nicht erfreuliche Bereicherung erfahren hat. Es betrifft eine Gemeinde, welche im Verhältnis zu ihrer Größe auch die erste zu fein prätendiert; diese suchte einen Rabbiner und hat die Stelle, wie sonst in Tirschtiegel und Sprendlingen üblich, durch ein Inserat in den Zeitungen vergeben wollen, wie früher in gleichen Fällen auch. Nachdem ca. drei Dutzend Bewerber eingelausen waren, besinnt man sich auf seine „Würde", legt alle Bewerbungen ad acta und wählt den einzig korrekten Modus der freien Berufung. Wie kam plötzlich diese Einsicht'^ Von München hat man sie nicht gelernt, denn die Ausschreibung geschah lange nach dem dortigen Vorgänge, man steht also vor einem Rätsel und vor der Frage: Mußte das so sein? Mußten erst mehr als dreißig Männer in Umstände gestürzt und zu leeren Hoffnungen angeregt werden? Ehrt das Judentuin so seine Vertreter — würde Ahlwardt fragen —? War es taktvoll, dreißig in Amt und Würden befindliche Männer, zuin Teil mit bekannten Namen und im Besitze hervorragender Empfehlungen, einzuladen, sich eine verletzende Zurücksetzung zu holen? Existierten die jetzt Auserkorenen, die sich vielleicht schon bei früheren Ausschreibungen beworben hatten, vor Jahr und Tag noch nicht, oder waren sie damals noch nicht so bedeutend? Konnte damals nicht dasselbe geschehen, wozu man sich jetzt entschlossen hat? Wie einzelne Individuen giebt es auch Korporationen, welche vom Ungeschick verfolgt, nicht das geringste unternehmen können, ohne jemandem vor den Kopf zu stoßen. Das giebt Verbitterungsstoff für Leute ganz anderen Kalibers als Ahlwardt, wozu brauchte er also nach Amerika zu gehen, da ihm das Material im Lande in Hülle und Fülle zugefloffen kommt? Verstand es nicht der Reichstag, Herrn A. zu fesseln, zumal er doch in seiner Person eine ganze Fraktion vereinigt? Hat er keine Prozesse, die ihn hier „fesseln"? Geschieht^ dem Reichstag - diesem wunderthätigen Ding, das nutz seiner gnadewirkenden Immunität auch denjenigen beschattet, der nicht pflichtschuldigst an seinem Platze ijt — schon recht, warum läßt er für Hetzreden kein Entree erheben, oder warum zahlt er anwesenden Abgeordneten nicht wenigstens Diäten, um ihuen die schwere Arbeit angenehm zu machen? Ging er also nach Amerika, weil dieses besser bezahlt wie der Reichstag, ja auch wie die Berliner, welche seine Sprüchlein bereits auswendig kennen? Wenn er sich in seiner Voraussetzung nur nicht täuscht. Um den Chauvinismus der Amerikaner zu wecken, braucht man dort keinen Ahlwardt, wie uns der Vorgang bei dem geplanten Heine-Denkmal lehrt, und was den Amerikanern fehlt •— und darin sind die Deutsch-Amerikaner auch Amerikaner -- das lassen sie sich nicht gern durch fremde Apostel zuführeu, denn sie sind — Schutzzöllner. Da der Mann, welcher in Deutschland vorgiebt, lediglich das Deutschtum schützen zu wollen, trotzdem und alledem nach Amerika geht, das er doch nicht gut deutsch machen kann — bei welchem etwaigen Bestreben er wunderbare ungeahnte Erfahrungen an seinem eigenen empfindlichen Leibe machen könnte — so wird er, um den amerikanischen verwöhnten Geschmack zu kitzelu, zu drastischen Mitteln greisen müssen, wenn die Reise sich lukrativ gestalten soll. Am besten ist es, wenn er ankündet, daß er am Schluffe seines in einem Käfig zu haltenden Vortrages den Yanke doodle singt und in Trikots tanzt — während gegen ein Extradouceur feine berühmten Reickstagshosen zu sehen sind. — Es soll übrigens nicht wahr sein, daß sein Konkurrent Böckel, nachdem sein Anschluß au die demokratische Partei abgelehnt wurde, auf demselben Schiffe seine geplante Uebersahrt bewerkstelligt; dies dürste viel eher aus seinen Hamburger natürlich steckbrieflich verfolgten Gesinnungsgenossen Wald stimmen, in dessen Gesellschaft er dem alleredelsten Spitzbuben von Hammerstein eine Gratulationsvisite abstatten kann, weil diesem das Nasedrehen für die preußische Justiz durch sein Suspensations-Ausreißen so wohl gelungen ist. Woßu dies? Nun, um in Erinnerungen zu schwelgen, die neue Kolonie für schiffbrüchige Erzteutsche zu besichtigeu, oder unr einen — Skat zu dreschen. Vielleicht gewinnt Ahlwardt dabei soviel, daß er die Judenflinten-Gerichtskosten bezahlen kann, welche Bezahlung sonst bei der monatlichen Abtragung von je 3 Mk., da er seit 2 Jahren schon fleißig bezahlt, nur noch 383 Jahre lang dauern müßte. Lebewohl, teurer Ahlwardt, wir werden während der sieben Wochen bis zu Deiner Rückkehr fleißig — „omern", bis uns aus Deinem Munde wieder eine neue Offenbarung wird. Dich ersetzt keiner — und wenn Du den unvergleichlichen Hammerstein siehst, sag', ich lass' ihn grüßen. Er soll drüben sich schonen und vorsichtiger sein, denn wenn die dortige Flora auch nicht mit der ^Berliner „Flora" den Vergleich aushält, so soll es doch drüben bemerkenswerte Erzeugnisse der Botanik geben, deren wir uns nicht erfreuen; zu deren hervorragendsten gehören die schön angestrichenen Laternenpsähle des Richters Lynch . . . JVI. Und Ahlwardt sprach: „Was soll ich hie Mich fürder also quälen? Wenn einer eine Reise thut, So kann er ivas erzählen! Ahlwardt auf Hteisen. Doch auch des Sprüchleins Gegenteil Will ich gewandt beweisen: Wenn einer was erzählen kann, So gehe er auf Reisen! So mancher Mime holte sich Enormes Geld von drüben, Warum soll da ein Redner nicht Die gleiche Zugkraft üben?

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