Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 50 (13.12.1895)
- Date
- 1895-12-13
- Page
- Seite 815 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 50. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seile 815. Männer lassen sich das nicht gefallen und kommen deshalb nicht nach Berlin. Die Folge davon ist nicht ausgeblieben: Die jüdische Gemeinde Berlin hat auf theologischem Gebiete seit Jahrzehnten überhaupt keine Vertretung. Allerdings hat es bis/ zur Stunde in den entsprechenden Stellen nicht an Männern gefehlt, die trotz bescheidenster Uebung die Fähigkeit behielten, im Notfälle eine der landläufigen Kasualien zu beantworten, oder die es verstanden, in nicht minder landläufigen Aufklärungsredewendungen eine talmiphilosophische breite Bettelsuppe zu kochen. Doch jenes macht keinen großen Raw, dieses keinen großen Rabbiner aus, und auf beides hat die Berliner jüdische Gemeinde begründeten Anspruch, würde sie begründeten Anspruch haben, auch wenn sie weniger splendid bezahlte. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß man in aller Welt von einem Berliner Rabbinat nichts weiß. In Paris und London, in Wilna und Warschau, in Petersburg und Moskau, in Sofia und Konstantinopel habe ich in mehrfacher Wiederholung aus Unterhaltungen mit den leitenden Männern der Gemeinden, worunter auch anderwärts nicht immer die Vorsteher zu suchen sind, entnehmen müssen, daß man das Berliner Rabbinat zumeist überhaupt nicht kennt — und das war noch der glücklichere Fall, Wenn sie einen Berliner Rabbiner zu nennen wußten, so war es der einer kleinen orthodoxen Privatgemeinde, der sich durch dankenswert regen Eifer für Wohlthätigkeitssammlungen bekannt gemacht hat. Gern hätte ich diese persönlichen Erfahrungen fortdauernd für zufällige gehalten, wenn ich mir auf die Frage eine Antwort hätte geben können: Woher sollten die Rabbiner von Berlin eigentlich bekannt sein? Aus ihren Schriften? Sie haben keine verfaßt.*) Aus ihren Thaten? Sie haben keine gethan. Aus ihren Reden? Sie haben keine veröffentlicht.*) Selbst bei den zahlreichen traurigen Veranlassungen, die werkthätiges Eingreifen für bedrängte Glaubensgenossen verlangten, sind sie mit einer 'Bescheidenheit im Hintergründe geblieben, die viel zu übertrieben ist, als daß sic nicht erzwungen sein sollte. Alan weiß, daß vor etwa sechsundzwanzig Jahren die jüdische Geineinde Berlin sich gespalten hat. Ein kleiner Teil trat aus und bildete die orthodoxe Sondergemeinde, deren Rabbiner oben erwähnt worden ist. Diese Spaltung war das Werk der Gemeindeverwaltung, die keinen orthodoxen und gelehrten Rabbiner berufen wollte. Seitdem sind die Berliner Orthodoxen, die zum weit überwiegenden Teile bei der Großgemeinde geblieben sind und ihr Steuern zahlen, rituelle Kostgänger jener Privatgemeinde. Die Hauptgemeinde aber bat allmählich selbst die traditionellen Einrichtungen so ausgestaltet, daß die Mitglieder, für die sie bestimmt sind, aus Gewissensbedenken keinen Gebrauch davon machen können. Das üt kein würdiger und kein gerechter Zustand. Die jüdische Gemeinde Berlin, die hunderttausend Seelen zählt, sollte einen Rabbiner haben, der ein großer Gelehrter ist, eine Autorität auf talmudischem Gebiete. Er könnte deswegen auch modern gebildet sein, denn jene Gelehrsamkeit und diese Bildung schließen einander keineswegs aus, wenngleich die Vereinigung beider Vorzüge seltener ist als ihr gleichzeitiges Fehlen, sogar bei Rabbinern. Die jüdische Gemeinde Berlin, die hunderttausend Seelen *) Mit Ausnahme eines einzigen Mitgliedes des hiesigen — gebrauchen wir dennoch das Wort der Kürze wegen! — Rabbinats. zählt, sollte außerdem einen Rabbiner haben, der aus der Höhe geschichtlicher und wissenschaftlicher Forschung steht und neologischer Richtung huldigt, nicht weil er die andere und ihre Quellen nicht kennt, sondern obwohl er sie mit heißem Bemühen studiert hat. Für den einen Rabbiner wie für den anderen ist Berlin der rechte Platz, ist Berlin die rechte Gemeinde, der eine wie der andere ist für die Berliner Gemeinde eine Notwendigkeit. Große Männer sind nicht allzu dicht gesät — aber die größten gehören nach Berlin. Für die seitherigen Rabbiner bleibt darum noch Raum genug. Sie werden nach wie vor schlecht und recht und verdienstlich ihres Amtes walten können: predigen, begraben, trauen, und in nichts sollen sie gekürzt werden. Sic werden sich dabei ganz behaglich fühlen — und wir erst! Warum ging Ahlwardt nach Amerika? Da habe ich mich monatelang auf die Eröffnung des Reichstags gefreut, weil ich annahm, daß es dann wieder Gelegenheit geben wird, uns über Ahlwardt zu amüsieren und endlick» einmal zu hören, wie er sich zu dem Antrag Kanitz stellen wird, und siehe da, der aalglatte Herr nahm einen siebenwöchentlichen Urlaub, dessen Erteilung der gewesene Rektor nicht abzuwarten brauchte, sondern er ging schon vorher zu Wasser — und damit ist auch meine Freude zu Wasser geworden, während er seine Schaukelpolitik auf schwankendem Schiffe nach Amerika spazieren fährt. Wozu ging er nach Amerika? Hat er seine Rede schon überall, soweit tzie deutsche Zunge klingt, abgeklappert? Fürchtet er nicht, daß die Seekrankheit und sonstige Gefahren einer Seereise in sein Konzept eine noch heillosere Verwirrung anrichtet, als diejenige ist, mit welcher sie schon von Anfang an behaftet war? Ging er, weil er von der Wiener Konkurrenz nicht zu Worte gelassen wurde, welche es ohne ihn schon so herrlich weit gebracht hat, daß kein Jude mehr die Straßen des „gemütlichen" Wien unbehelligt passieren kann? Drückte ihm die dortselbst nicht losgewordene Rede so sehr auf das weite Gewissen, daß er sich nur von einer Seekrankheit Linderung und völlige Befreiung verspricht? — Gab es nicht im deutschen Judentum Stoff genug, der verdiente, bearbeitet zu werden? Aus diesem verhängnisvollen Jrrtume wollen wir »venigstens die Leser dieses Blattes befreien und aus unserer tragikomischen Mappe zwei Szenen vorführen, die wohl augenblicklich im Vordergründe des Interesses stehen. Wenn Ahlwardt wüßte, daß ein israelitisches Konsistorium*) zur Illustration des bekannten Sprichwortes vom Eigenlob öffentlich auffordert, d. h. verlangt, daß sich diejenigen melden, „welche sich durch Tugend, gute Führung, Menschenliebe" und ähnliche schöne Sachen ausgezeichnet haben, um für ihre Ehrlichkeit eine klingende Belohnung zu empfangen — wie würde ihm da das Herz im Leibe springen, und wie würde er seine amerikanische Reise verwünschen, wenn er nachträglich davon erfährt! Er könnte zwar, ohne sich vorher zürn Judentum zu bekehren, auf diesen Tugendpreis von 800 Mk. leider keinen Anspruch erheben, aber welch' eine Fundgrube von Reflexionen ergäbe die Betrachtung sowohl über den Modus dieser tamtamhaften Ausposaunung — immer ran, immer ran, meine tugendhaften Herren, immer ran für 800 *) Siehe in vorletzter Nummer dieses Blattes „Aus dem Elsaß".