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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-12-13 · 50 (13.12.1895) · p. Seite 814

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
50 (13.12.1895)
Date
1895-12-13
Page
Seite 814 (sequence 2)
Language
German
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Seite 814. Allgemeine Jsraelitische^Wochenschrift. Rr. 50. Volkes entgegen getreten, sondern die nicht beamteten Propheten, die das stets wache Gewissen des Volkes vorstellten und ihre ganze Persönlichkeit einsetzten zur Rettung der erhabenen Ideale unseres Volksstammes. Freilich wurde gegen sie der „süße Pöbel" aufgehetzt, wurden sie für unwürdig in der heiligen Stadt zu leben, und für „thöricht" erklärt. Welche Fülle von unverwüstlichem Idealismus muß in unserem Stamme vorhanden gewesen sein, daß sich auch noch immer Männer gesunden, die ein solches Martyrium aus sich nahmen und den pflichtvergessenen Priestern zuriefen: „Ihr lebt von der Schuld des Volkes und sehnt euch nach dem Laster!" Diese Erscheinung hat sich auch während der Syrerherrschaft wiederholt. Die Priester waren es, welche nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil die nationale davidische Dynastie verdrängt und die Herrschaft an sich gerissen hatten. Aber gleich mußte der mutige Prophet von den „schmutzigen Kleidern" dieser Gottesdiener sprechen, welche das Heiligtum schändeten, indem sie sich mit heidnischen Elementen vermengten und heidnische Gebräuche in das Judentum brachten. Zur Zeit der Syrerherrschaft waren diese beamteten Priester Israels „Reformatoren" geworden; sie schämten sich der „barbarischen" altehrwürdigen Kultur und strebten mit aller Macht, sie „zeitgemäß" durch die dionysischen Feste zu ersetzen, von denen selbst ein so warmer Verehrer des Griechentums, wie der in der letzten Zeit „zeitgemäß" gewordene Nietzsche folgende Schilderung giebt: „Fast überall lag das Zentrum dieser Feste in einer überschwenglichen geschlechtlichen Zuchtlosigkeit, deren Wellen -über jedes Familientum und dessen ehrwürdige Satzungen sie wegfluteten; gerade die mildesten Bestien der Natur wurden hier entfesselt, bis zu einer abscheulichen Mischung von Wollust und Grausamkeit, die mir als der eigentliche Hexentrank erscheint." Gegen dieses entartete Griechentum, gegen jene wilden Orgien, welche derselbe geistvolle Denker als den „Rückschritt des Menschen zum Tiger und Affen" bezeichnet, empörte sich der gesunde Sinn des jüdischen Volkes, oder richtiger: einiger hochgestimmter Männer, die nicht vor dem Baal knien wollten. Renan, der so feinfühlig den Charakter des jüdischen Stammes zu schildern wußte, bemerkte im fünften Bande seiner „Geschichte Israels" so sehr zutreffend, daß es zum Heil des jüdischen Volkes in diesem stets Männer gegeben, die das Böse und Gemeine haßten und ihre Unzufriedenheit öffentlich kund gaben. Sie waren und blieben in der Minderheit. Aber was thut's? Sie waren doch der Samenkorn, aus dem alle Begeistrung und aller edle Enthusiasmus wuchs und Israel vor Versumpfung schützte. „Zeitgemäße Reformatoren" waren jene ehr- und pflichtvergeffenen Priester, welche Israels Ideale ausrotten wollten, um der Zuchtlosigkeit und dem kindischen Spiel fröhnen zu können. Sie fanden das Judentum nicht inehr zeitgemäß und wollten es gegen die dionysischen Feste Umtauschen. Und da sich im Bolke-gegen ein solches Vornehmen Widerspruch erhob, riefen sie den wahnwitzigen Antiochos, dieses bestialische Scheusal in Menschengestalt, zu Hilfe, der sich vermaß, den jüdischen Stamm auszurotten. Sie sind daran zu Schanden geworden, jene „Reformatoren" und offiziellen Vertreter des Judentums. Der jüdische Stamm hat seinen Peinigern und seinen Verrätern Widerstand geleistet. . Ein wahrer „Kulturkampf" war es, den die Juden damals kämpften; sie retteten der Welt alle Ideale, die später Gemeingut der ganzen Menschheit geworden. Nicht gegen die guten und vorzüglichen Seiten der griechischen Kultur sträubten wir uns, jüdische Geistesheroen haben Platon und Aristoteles Thür und Thor geöffnet, manches Mal ist man darin sogar viel zu weit gegangen. Aber gegen die Entartung des kleinasiatischen Griechentums, von dem Jehudah Ha-Levi einst so schön sagte, es habe Blüten, aber keine Früchte; — dagegen machten weitsehende Männer Front. In der Geschichte Israels hat sich jene Erscheinung oft wiederholt. Ewig kämpft Hellas gegen Judäa, ewig sind wir von sinnloser Nachäfferei in unserem Heiligtum bedroht. Und gerade jene Männer, welche berufen mären, das Judentum vor Verachtung und Versumpfung zu schützen, die sind am schnellsten dabei, die Axt an seine Lebenswurzel zu legen. Warum entstehen keine Hasmonäer wieder? Ach, es würden sich vielleicht welche finden, die freudig ihr Alles in den Kampf setzen wollten, — aber der Anblick solcher Zwerge, wie die modernen „Hellenisten" und Reformatoren es sind, entwaffnet! Habt Ihr schon Mäuse gesehen, welche an dem Fuß der Pyramiden scharren, um diese zu stürzen? Ein ähnliches Gefühl beschleicht uns, wenn wir die gegenwärtigen „Hellenisten" sehen. Man legt in solchen Kämpfen keine Ehre ein, und wenn inan siegt, ist wahrhaft kein Ruhm dabei. Aber wir wollen dennoch kämpfen,' nicht für unfern Ruhm, sondern für den Ruhm Gottes und für daß Heil Israels! Die liatiliinrriDiiliI in Berlin. Von M. A. K l a u s ii e r. II. Es ist kein erfreuliches Geschäft, Dinge zu sagen, die niemand gern hören mag, und Männern, denen man sonst mit wohlwollender Gleichgiltigkeit gegenübersteht, vorzuhalten, daß sie nicht leisten, was zu leisten sie nie versprochen haben. Das Unerfreuliche aber ist eine Notwendigkeit, wofern überhaupt eine Besserung angebahnt werden soll. Ist einmal die Wahl gegeben, ob nian schwere Mißstände fortdauern lassen oder sie beseitigen will, und entscheidet man sich pflichtgemäß für dieses, so darf man bedauern, daß bei der Ausführung Einzelnen Unbehaglichkeiten bereitet werden, doch diese Einzelnen selbst werden, wofern ihre Gesinnung wenigstens ihrem Amte entspricht, um des allgemeinen Besten willen den unbequemen Mahner eher unterstützen als schelten. Ich würde mich über die Unterstützung, die ich entbehren kann, freuen, und wenn ich gescholten werde, so will ich darin nur einen Beweis mehr für die Notwendigkeit und Dringlichkeit meines Thuns erblicken. Die Berliner Gemeinde hat kein Rabbinat im alten Sinne. Das ist nicht die Schuld der Männer, die hier Gemeinde-Angestellte sind und Rabbiner oder Prediger heißen, sondern Schuld der Verwaltung, die keinen selbständigen Faktor neben sich aufkommen lassen will. Die Laienherrschaft in der Gemeinde, die so segensreich sein kann, ist hier zur völligen Karikatur geworden, namentlich weil die Verwaltung aus ungeschmälerter Erhaltung aller ihrer Befugnisse um so eifersüchtiger bedacht war, als eine stupende Unkenntnis in theologischen und religiösen Dingen sie mit Mißtrauen gegen Alle erfüllte, die keine Ursache hatten, sich zu dem souveränen Knownothingtum zu bekennen. Liturgische Fragen entscheidet der Vorstand, über rituelle Einrichtungen entscheidet der Vorstand, zwar nicht ohne höfliche Anhörung der Rabbiner, doch ganz aus eigener Machtvollkommenheit. Selbstbewußte

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