Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 49 (6.11.1895)
- Date
- 1895-11-06
- Page
- Seite 808 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 808. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 49. eine Rolle spielt. Dieser Herr hat mir in zwangloser Unterhaltung mitgeteilt. daß er sick die Schule der Zukunft so denke, daß man den Kindern z. B. die Irrfahrten des Odysseus erzählt und daran die Erzählung von Jehvvah, dem Judengott anknüpft, der da oben über der blauen Ferne wohnen soll, wohin kein Fernrohr der Astronomen gelangt. „So erzählt man den Kindern das Märchen/' Man kann sogar auch ohne jeden Gottesglauben, ein ehrenwerter Mann sein, vor dem jeder den Hut zieht, aber solche Herren haben mit der jüdischen Gemeinde nichts zu thnn. Sie 'ollen alles Mögliche anfangen, aber sie dürfen nicht in der jüdischen Gemeinde, in jüdischen Anstalten und jüdischen Betrachtungen ein Wort einzureden haben. Jetzt wissen unsere Leser ungefähr, woruiu es sich in Berlin gehandelt und werden zugeben, daß ein solcher Kampf, ein Kampf gegen ein solches System des .Schweißes und Druckerschwärze wert gewesen. * ft. Aus den Litteratur-Vereinen. Ter Hamburger Verein hat am Dienstag in der Aula des Wilhelm- Gymnasiums seinen November-Vortrags-Abend veranstaltet. Vor dichtgesülltem Hause sprach Herr Prediger Tr. Leimdörfer fast IV2 Stunden über „Sara Eopia Sullam" und erwies sich durch den Vortrag wieder als vortrefflichen Redner und Gelehrten. Er führte Folgendes näher aus: „Sara Copia Sullam" ist als gelehrte Dichterin und zugleich als jüdische Glaubensheroien erst seit dem Jahre 1863 näher bekannt- 159» wurde sie zu Venedig geboren. Ihre Eltern ließen ihr eine sorgfältige Erziehung angedeihen. Zeitgenössische Schrittsteller rühmen Sara's ungewöhnliche Schönheit, die melodische Stimme und die hohe poetische Begabung insbesondere aus dem Gebiete des Sonetts. Alles dies aber wurde übertroffen von ihrer Religiosität und ihrem Wohlrhätigkeitssinn. Rach dem Tode ihres Vaters vermählte sie sich mit Jakob Sullam- Reben den Pflichten der Hausfrau widmete sie sich in Ermangelung des Kindersegens Werken der Mildthätigkeit und gelehrten Studien- In der Glanzperiode ihres Schapens nahte sich ihr £ie Versuchung. Ansaldo Eebü., ein kränklicher Edelmann aus Genua, 35 Jahre älter als sie, der nach einer verunglückten politischen Karriere Weltgeistlicher geworden war und sich als Dichter eines Namens erfreute, ließ 1618 ein Epos „Die Königin Esther" erscheinen, das die Kritik nicht mit der erhofften Begeisterung ausnahm. Sara Sullam aber war so begeistert davon, daß sie an den Dichter schrieb, sein Gedicht verlasse sie nicht- Daraus entspann sich ein längerer Briefwechsel, Ansaldo wünschte die Dichterin für seine Kirche zu gewinnen. Sara erblickte in dem Abfall von der väterlichen Religion die größte Charakterlosigkeit, Rach ihrer Krankheit 1622, wird eine gefährliche Anklage gegen sic erhoben. Laldassare Bonifaccio aus Rovigo, später Bischof von Eapo d'Jstria, veröüentlichte eine Abhandlung über die Unsterblichkeit der Seele, in der er die ^Dichterin beschuldigte, die Unsterblichkeit der Seele zu leugnen- Tief entrüstet über diese Unwahrheit, raffte sich die gerade damals erkrankte Sara auf, um in zwei Tagen eine Schrift zu verlassen^ die ihre wissenschaftliche Bedeutung in das hellste Licht stellt. Sie schrieb ein „Manifesto", in dem sie mit großer Gelehrsamkeit, beißender Ironie und klassischer Diktion die Schmähschrift Bonifaceio's 'widerlegte- Anfang Februar 1641 starb sie. Mit einem Hinweis anf die vor- und nachmendelssohn'sche Periode der Frauenerziehung und dem Ideale der harmonischen Ausbildung des Geistes und des Gemütes des weiblichen Geschlechtes, schloß der Redner seinen Vortrag, der aus die außergewöhnlich zahlreiche Hörerschaft einen großen Eindruck machte, welcher sich in stürmischen Beifallskundgebungen äußerte. Der Vorstand des Hamburger Geschichts- und Litteratur-Vereins sandte aus Anlaß dieses Vortrages an Herrn Tr. Leimdörfer eine Dankadresse die folgenden Wortlaut hat: Sehr geehrter Herr Doktor! Es gereicht mir zum Vergnügen, mich des Auftrags des Vorstandes unseres Vereins zu entledigen, der mich veranlaßt hat Jhnen)hochgeehrter Herr Doktor, in seinem Rainen den herzlichsten Tank für den ebenso belehrenden wie interessanten Vortrag über Sara Copia sullam auszusprechen. Wir können mit Genugthuung konstatieren, daß dieser Vortragsabend nach der übereinstimmenden Ansicht all der zahlreichen Hörer, zu den gelungensten gehört, die wir bisher arrangiert haben. Sie haben es verstanden, sehr geehrter Herr Doktor, die mit so großer Mühe und Sachkenntnis erz-elten Früchte Ihrer Studien und Forschungen in einer so anziehenden und anmutigen Form vorzuführen, daß nicht blos die Kenner, sondern auch die Laien mit dauernder Spannung Ihren beredten Worten folgten. Möchte cs Ihnen vergönnt sein, mit der starken Kraft Ihres Geistes zum weiteren Ausbau der Wissenschaft des Judentums »och lange zu wirken! Mit der Bitte, Ihr geschätztes Wohlwollen dem Vereine auch ferner zu erhalten, zeichne Hochachtungsvoll Tr- Fink, Schriftführer. — Pädagogisches. Vor kurzen: wurde die Frage über den einjährig-freiwilligen Dienst der Lehrer im „Briefkasten" dieses Blattes kurz behandelt. Wir glauben unsren jungen Lehrern einen Dienst zu erweisen, indem wir eine Mitteilung des Vorsitzenden des Deutschen Lehrervereins an den geschästssührenden Ausschuß reproduzieren. Betreffend des E i n j ä h r i g - F r e i w i l l i g e n - D i e n ft der Volksschullehrer ist dem gen. Vorsitzenden an wohlunterrichteter Stelle der Bescheid geworden, daß die jetzige vorläufige Regelung des Militärdienstes der Volksschullehrer mit der Frage des einjährigen Dienstes nichts zu thun hat. Die Frage liegt noch dem Reichskanzler vor, der sie mit Hilfe der Reichsschnlkomntission entscheidet. Es liegt zur Zeit kein Anlaß vor zu der Befürchtung, daß diese Entscheidung schließlich in einen: für die Wünsche der Lehrer ungünstigen Sinne erfolgen werde. — In Betreff des religiösen Charakters der Volksschulen iw Preußen hat der I. Senat des Oberverwaltungsgerichts in den: Endurteile vom 18. Juli 1895 folgende Reichsgrundsätze ausgestellt: Die religions- oder konfessionslose Schule ist nicht zugelassen. •— Im Bereiche des Allgenleinen Landrechts ist sowohl die konfessionelle wie die paritätische (Simultan-) Schule gesetzlich statthaft. — Eine Konfessionsschule für die Minderheit darf in Bezirken, wo solche Schulen für die Mehrheit bestehen, an sich gefordert werden, sofern das — von: Verwaltungsrichter nicht nachzuprüfende — öffentliche Unterrichtsbedürfnis es erheischt. Verpflichtet zu ihrer Errichtung ist zwar nicht die Sozietät, welche die Konfessionsschulen für die Mehrheit unterhält, wohl aber die bürgerliche Geineinde, welche an Stelle einer Sozietät kraft eigener Einschließung das öffentliche Schulwesen als eine Kommunalanstalt unterhält, daß sie die Schnllast nicht nur für die Angehörigen einer bestimmten Konfession, sondern für alle Einwohner ohne Unterschied des Glaubens übernommen hat. * t. Ans Oesterreich-Ungarn. Gras Eduard Taasfe, der frühere Ministerpräsident, ist am Freitag gestorben. Der Tod des Staatsmannes bringt uns eine Episode aus den: Anfang der achtziger Jahre in Erinnerung, mit der wir uns schon einmal beschäftigt haben, die aber dennoch heute wiederholt werden möge. Die antisemitische Bewegung begann hier damals ihren Einzug zu halten. Taaffc subventionierte Broschüren gegen die Bewegung. Er unterstützte einen israelitischen "Schriftsteller, der in: Prozeß Rohling nachmals eine Rolle spielte, damit derselbe gegen den Antisenütismuü wirke. Aber inehr noch, Taaffe sandte Vertrauensmänner zu einflußreichen Inden und versprach ihnen, die antisemitischen Umtriebe mit aller Macht unterdrücken zu wollen, wenn die Juden dafür sich von der deutschliberalen Partei lossagten, die Opposition aufgäbei: und ihn, Taasse, unterstützten. Die Betreffenden haben das Anerbieten abgelchnt, sie wollten ihre politische Ucberzeugung nicht verkaufen, und verwiesen rücksichtslos der antisemitischen Bewegung auf die Staatsgruudgesetze. Wie sich hernach die Dinge gestaltet haben,