Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 49 (6.11.1895)
- Date
- 1895-11-06
- Page
- Seite 807 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 49. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 807. affen, und geben den Teil wieder, der stets aktuell bleiben, der besonders den auswärtigen Lesern zeigen wird, um was es sich hier gehandelt. Unsere Reflexionen laufen uns nicht davon; die Leser werden sie uns nicht schenken, und auch wir den Lesern nicht. — Nach einer längeren Einleitung führte Prof. Lewin aus: Die Lage der Tinge ist folgende: Aus der Schlum,„ersucht, in die seit drei Jahrzehnten die ganze jüdische Gemeinde eingelnllt war, ist sic nunmehr mit einem Male erwacht oder besser: erweckt worden- Diese Schlun»„ersucht war keine Indolenz, keine geistige Trägheit, sie war nicht einmal Gleichgiltigkeit — es war etwas anderes: Das Gefühl der Ohnmacht gegenüber dem herrschenden System. Und wenn man die Empfindung hat, daß man nichts ansrichten kann mit den vorhandenen K räften, dann resigniert man, dann bcschcidet man sich, man wartet bessere Zeiten ab. Diese besseren Zeiten für die jüdische Gemeinde Berlins sind jetzt gekommen! Täuscht mich nicht mein Inneres, so glaube ich, daß es jetzt ganz, ganz anders werden wird, und zwar weil nunmehr das Bewußtsein wach geworden ist, daß die Kräfte^vorhanden sind; und mit den Kräften wächst das Bewußtsein der Selbständigkeit, wächst der Widerstand, die Widerstandskraftllnd damit ist eigentlich alles gewonnen! — — — Was geht denn in der Gemeinde vor? Sie sehen zwei Richtungen sich geltend machen. Die eine Richtung geht dahin, daß der Besitz derer, die momentan die Leitung der Gemeinde in Händen haben, erhalten bleiben solle; auf der andern Seite sehen Sie eine ganze Reihe von Männern, die bisher regiert wurden, und diese regierten Männer wollen sich nicht mehr unter das Regiment beugen, unter dem sie bisher standen, nnd versuchen andere an die Regierung zu bringen. Wenn Sic Umschau halten, so finden Sie zweifellos unter den Leitern der jüdischen Gemeinde und ihren Organen, daß dieses Hochgefühl des, Regierens sich in sehr unangenehmer Weise bemerkbar macht, besonders bei Männern, die von Geburt an nicht znm Regieren berufen waren, sondern die durch Zufall zu einer Machtfülle gekommen sind nnd nun im Bewußtsein dieser Macht uns andere so schlecht behandeln als es nur geht. Beispielsweise erinnere ich jeden, der in der angenehmen oder unangenehmen Lage gewesen ist, mit der jüdischen Gemeinde rcip. ihrem Büreau zu verkehren, an den hochmütigen Ton, den viele subalterne Beamte dort anschlagen. (Bravo! Sehr richtig!)-- Dadurch allein schon muß eine gewisse Disharmonie gezeitigt werden. Diese Disharmonie besteht seit Jahren; überall Mißton, überall das Gefühl, daß nicht mit jener Gerechtigkeit gehandelt wird, wie sie zwischen Bürgern und speziell zwischen Angehörigen einer Glaubensgemeinschaft, b.c aus freier Wahl zur Verwaltung ihres Vermögens nnd zur Führung ihrer Angelegenheiten Vertranenspersonen einsetzt, notwendig ist. lind min sich eine gewisse Revolte gegen dieses System nnd gegen diese ^lrt Führer zu spielen sich erhoben hat, da drehen jene Herren den Spieß um und sagen: Was wollt Ihr? Ihr seid Zelot, n! Ihr seid die Verfolger! Ihr bildet den großen schwarzen Kessel, der gar keinen Grund hat: den Kessel der Orthodoxie, Ihr greift uns an, nicht wir Euch! - - Ausgezeichnet war die Polemik gegen unsere „Liberalen", die behaupten, die „Seele des Judentums,, pflegen zu wollen. Das ist etwas „nies, die „Seele des Judentums", und ein solches Judentum nur mit Seele! Ich bin weit in der Welt nmhergekommen. Ich habe Amerika von einem Ende bis zum andern dnrchstrei't, ganz Kanada, bis dem Gestade des stillen Oceans, und ich habe einen ziemlich offenen Blick _fiir das, was uni mich vorgeht, nnd so habe ich in sausenden von Orten, wohin mich auch mein Fuß getragen, mich nmgeschant, wie das Judentum anssicht. Ta habe ich das Judentum, das nur noch „Seele" ist gesehen, vor allen Dingen in New-Aork, und iclx kann sagen, daß es mich angeschaudert hat, als ich eine dicicr^Lynagogen, dieser sogenannten Synagogen betrat, wo die jüdische Lcele, die Religionsscele des Judentums vornehmlich erhalten wurde, und wo ebenso gut, wenn dort der Halbmond angebracht worden wäre, der Mnhamedanismus, oder wenn dort eine Bnddhastatne hingesctzt wäre, der Buddhismus seine Verehrungsstätte hätte haben können. Es ist die-reine Abstraktion, die Negation' alles dessen, was das Judentum ansn-acht. Hier ist der Boden' abgegraben, auf dem das'Judentum noch steht. Das habe ich gesehen, und habe es wiedcrerkannt als eine andere Bewegung bei uns in Deutschland inszeniert^ wurde, - nämlich als „ethische Kultur". Darüber kann kein Zweifel herrschen, daßlman^anch vor einem Manne der nur ethische Kultur treibt, den Hut zieh» kann, daß er edel nnd gut sein kann, aber wir verlangen ihn nicht znm Führer der jüdischen Gemeinde! Solche und ähnliche Herren spielen sich jetzt, ich möchte sagen, als Religionsftifter auf. Es find dies aber, wenn ich es richtig bezeichnen soll, Zwerge, Zwerge, die sich an den herrlichsten Dichtungen, die nicht nur die Juden, sondern vielleicht jemals eine Nation zu Tage gefördert hat, vergreisen, das sind Zwerge, die sich an den wirklich unerreichbaren Dichtungen Jehuda Halevi's und Salomon ibn Gobirols vergreisen. Diese kleinen Gernegroßen strecken ihre vernichtenden und doch so schwachen Finger zu jenen Gigenten empor und wollen nicht nur jenen ihren Ruhm, sondern auch uns die Möglichkeit nehmen, das zu bewundern, was auf jüdischem Boden entsprossen und woran nicht nur Juden, sondern auch andere sich erfreuen! Und wer versucht dies? Prediger mit einem kurze» Wissen, nein nicht nur mit einem kurzen Wissen, sondern häufig and* mit einem sehr kleinen Getvissen, wollen „kürzen"! Dann kommt ein Rechtsanwalt. Der kennt die Pandekten und sein Corpus juris in- und auswendig; er kann einen Raubmörder vielleicht so verteioigcn, daß er freigesprochen wird, aber er ist kein — Religionsstifter! (Bravo!) Und wenn ein Arzt einen Kehlkopfkatarrh erkennt, darum hat er noch kein Recht anzugrcifen, was uns allen heilig, was uns verehrnngswürdig ist! Wo haben diese Herren dazu ihren Befähigungsnachweis? (Bravo!) Solche Knltnrmosesse (Stürmischer Beifall) wollen ihre Kultur auf andere übertragen, sie wollen reformieren, sie wollen „Luther" spielen! Luther, das ivar denn doch ein anderer Mann, das war ein Gigant. Daß diese, dem Riesen gegenüber so kleinen Herren sich anmaßcn, nicht nur die Sache zu meistern, sondern gleichzeitig auch die Personen, daß sie uns meistern wollen, das brauchen wir uns nicht gefallen zu lassen. Wir haben noch so viel Wissen und so viel Geist wie diese Herren, und wir legen dennoch nicht Hand an die Dinge, die anderen verehrungswürdig sind- Wenn ich diese neuesten Rcligionsstifter — es sind auch mir befreundete darunter — in meinen Destillierapparat packte und noch so lange erhitzte, so würde ich noch kein hebräisches A B C herausdestillieren! (Bravo!) Das sind aber „liberale" Herren, das sind Freigeister — für alle trifft es nicht zu, aber für viele - - weil sie frei sind von Geist! (Bravo!) Wenn diese Herren an ihrer neuen Synagoge ändern wollen — für eine Aendernng bin ich sofort, dafür können sie mich jede Stunde haben — nnd Sie m. H. werden zustinnnen, wir votieren ihnen die Glocken dazu, und zwar Glocken, die weit hineintönen bis in ihr innerstes Gemüt und sie daran erinnern sollen, woher sie kamen, an ihre Ahnen- (Bravo!) Die Herren haben ja bereits eine Synagoge, die ihren Anforderungen entspricht; der Sabbat ist auf Sonntag verlegt. Fragen Sie sie aber aufs Gewissen, wie oft einer dieser Herren in die Synagoge der Reformgemeinde geht- . - - Gewiß, das kann jeder halten, wie er will. Die Freiheit des Handelns, besonders der religiösen llebung, ist jedem gewährleistet — aber, wer nicht religiös ist, darf sich nicht als Führer anffpielen, der muß die Führerschaft andern überlassen. Viele dieser Herren, die von der Erhaltung des Judentums sprechen — wieviel Judentum Hab.n Sie denn noch? Sehr viele von ihnen haben genau so viel davon, daß, wenn sie gestorben sind, sie aiff dem jüdischen Gottesacker begraben werden und ihnen eine schöne jüdische Leichenpredigt gehalten wird! (Bravo!) Mit solchen Leuten kann man nicht verhandeln, wenn sie sagen: wenn ihr nicht nachgebt, fällt die Gemeinde auseinander, Nun, m. H., zur Liebe kam: man niemand zwingen und auch zur Religion nicht. Und ein welkes Blatt am Zweig hat noch niemand so gefestigt, daß es sitzen bleibt- Was welk ist, fällt ab, das ist Naturgesetz. Und wir Aerzte entfernen, was brandig ist, nur so kann man da Vorgehen, damit eine Scheidung zwischen Gesunden nnd Kranken eintritl- Iene „liberalen" Herren, die sich darüber beklagen, daß die Indolenz in der Gemeinde groß geworden ist, daß die Juden nicht mehr das lebendige Gefühl des Zusammenhanges mit dem Judentum haben, sic müssen zngeben, daß dies groß gezüchtet ist in der Berliner Gemeinde durch die Unthütigkeit aller, die berufen waren, bessere Zustände hcrbeizufiihren . - . Es kann jemand religionslos und dabei ein ehrenwerter Mann sein, vor dem jeder den Hut zieht. Er kann im öffentlichen Leben jede Stellnng^bekleiden, aber nicht Führer einer jüdischen Gemeinde sein! Ter Führer einer jüdischen Gemeinde muß das notwendigste Blaß von Religion besitzen und djeses Maß auch bethätigen. '.Hu,, flieht es eine ganze Reihe unter diesen liberalen Männern, die nicht nur nicht Religion haben, d. h. Rcligisnsgesühl, die auch nicht,Pietät besitzen, die überhaupt keinen Gottesglanben haben- Ich selbst^ kenne einen Herrn, der in jüdischen Angelegenheiten in Berlin