Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-11-06 · 49 (6.11.1895) · p. Seite 806

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
49 (6.11.1895)
Date
1895-11-06
Page
Seite 806 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/4794838-9608360-9609116--0966-9609130
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 806. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Rr. 49. Sukkotfeier abgehalten, welche, durch eine in der Synagoge errichtete Sukkah illustriert wurde. Vor wenigen Wochen hat Dr. Heller in New Orleans einen Kanzelvortrag „Occidentalism“ veröffentlicht, in welchem er für die Beibehaltung traditioneller Formen, besonders des Sabbatgottesdienstes und der Thorarolle plädiert. Die spontane Zustimmung, welche dieser Vortrag in weiten Kreisen fand, liefert den Beweis, wie sehr er den verbreitetsten Gesinnungen entsprach. Jetzt läßt Dr. Großmann in Detroit seine Kanzelvorträge unter dem Titel „Uro de^vislr Pidpit“ erscheinen, in deren erstem er die Gründe darlegt, warum er den Sonntagsgottesdienst aufgegeben und zürn Freitag Abendgottesdienst zurückkehrt. Er hat eingesehen, daß man sich von der Macht geschichtlich gewordener Verhältnisse nicht lossagen kann. Der traditionelle Charakter des Freitags erzeugt in dem Synagogenbesucher eine Stimmung, welche der Sonntag nicht erzielen kann." Schärfer ist das Streben unsrer „liberalen", die bereit sind eine schiefe Bahn zu betreten, die andere schon verlassen haben, noch nicht be- und verurteilt worden, wie hier von wahrhaft freisinnigen Männern. Freilich, den Amerikanern stehen Wissen und Erfahrung zur Seite. — Der Zionismus wie der Antisemitismus greifen rasch um sich. Uns wird jetzt eine französische Monatsschrift zugeschickt, die unter dem Titel „Karmel" in Philippopel erscheint und für das zionistische Programm, dessen erster und einzig praktischer Punkt die Kolonisation Palästina'S ist, Propaganda macht. Wir lernen aus diesem Blatte, daß die Zionisten in fast allen Sprachen der Judenheit Organe herausgeben. In Saloniki und in Wien erscheinen solche Zeitschriften in portugiesischer Sprache, in Berlin wird eine deutsche, in London eine englische, in Budapest eine ungarische, in Lemberg eine polnische herausgegeben. Die Argumente des Blattes beschränken sich daraus, daß das zionistische Programm das einzige Gegengift gegen den Antisemitismus sei. Wir bemerken nur, daß Gegengift ganz und gar aus einer Fabel beruht, und daß selbst nach dieser Fabel das Mittel ein Gift ist. Im übrigen sind die jetzigen zerrütteten Verhältnisse in der Türkei nicht danach angethan, die Einwanderung nach diesem Reiche zu ermutigen. Ter morsche Bau des Osmanenstaates muß früher oder später zusammenbrechen; ja der Zusammenbruch wäre schon erfolgt, wenn die Eifersucht der Mächte ihn nicht hintenanhielte. Ob die Herren, welche den Zionismus fördern, nicht ihre Aktion bereuen würden, wenn Rußland oder Frankreich in den Besitz Palästina's kämen und — Gott behüte uns, vor einer jüdischen Republik mit irgend einem zionistischen „Führer" an der Spitze! Man denke nur an die diplomatischen Verwicklungen in einem Lande, das von den religiösen Fanatikern aller Sekten aus allen sünff Weltteilen bewohnt wird. Armenien wäre dagegen der reinste Sonntagsschulausslug. G. D. — Für die jüdischen Lehrerinnen trat, wenn auch nur mittelbar, die Stadtverordnetenversannnlung in ihrer letzten Sitzung ein. Die Stadtvv. Dr. Preuß und Genossen stellten einen Antrag folgenden Inhalts: „Die Versammlung wolle beschließen: einen von den Abteilungen äii wählenden Ausschuß von 15 Mitgliedern zu beauftragen, das Material über die neuerdings von den Staatsbehörden in Bezug ans das kommunale Schulwesen erlassenen Anordnungen zu prüfen und der Versammlung darüber, sowie über _ die von den städtischen Behörden ergriffenen oder zu ergreifenden Maßregeln Bericht zu erstatten." Dr. Preuß begründete den Antrag, worauf dieser zur Annahme gelangte. — Dr. Böckel ist auf den — Deutsch-wirtschaftlichen Verband (den übrigens keiner kennt) gekonnnen. Er hat sich für parteilos erklärt, so daß die Fraktion der Antisemitischen Volkspartei jetzt nur aus einem Mann besteht: Ahlwardt. Aus der Redaktion des „Deutschen Volksrechts" ist Böckel ausgeschieden worden, weil er eine Erklärung, daß er nach wie vor „auf dem Boden des Raffenantisemitismus stehe und in keiner Weise mit Juden in Verbindung stehe", nicht unterschreiben wollte. Ein hiesiges Antisemitenblatt wußte sogar zu melden, daß Böckel Anschluß an die demokratische Partei gesucht und gefunden habe. Zwar ist daran kein Wort wahr, aber der Witz ist nicht übel. Das „Dentsche Volksrecht" erscheint fortan als Wochenblatt, in dem anscheinend vornehmlich der deutsche Gastwirt dir. I., Emil Bodeck die Erzeugnisse seines Geistes abzulagern gedenkt. Sie transit gloria muncli. — Der Verein jüd. Schlumänner hält am 7. d. M. seine Monatsversammlung mit folgender Tagesordnung ab: 1. Bericht der Kommission über den Empfang der Delegierten. 2. Wahl von Kassenrevisoren. 3. Beschlußfassung über die Verschiebung der Generalversammlung. 4. Vortrag des Vereinsmitgliedes Klein über „Religion und Moral." Vereinslokal: Hotel Münchener Hof, Spandauerstr. 11/13. — Bei dieser Gelegenheit ein Wort pro domo und — für andere. Die hier erscheinende „Pädagogische Zeitung" bringt in ihrer letzten Rr. folgende Notiz: Unter falscher Flagge. In der „Allgemeinen Israelitischen Wochenschrift" vom 11. Oktober finden wir unter der Spitzmarke „Berliner Lehrervercin" einen Bericht über die am 5. Oktober abgehaltene Sitzung der „Wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Schulmänner Berlins." Die Satzungen des Berliner Lehrervereins enthalten über eine derartige Sektion dieses Vereins nichts; es ist also nur anzunehmen, daß die Redaktion genannter Zeitschrift entweder über den Charakter jener Vereinigung sich bisher noch nicht klar geworden ist, oder daß hier aus uns unbekannten Gründen absichtlich diese Firma gewählt wurde- Cs bedarf gewiß nur dieses Hinweises, um die Redaktion der „Allgem- Israelitisch- Wochenschrift" zu einer Richtigstellung zu veranlassen. Die Redaktion der „Pädag. Zt." soll sich in uns nicht getäuscht haben, denn wir drucken, wie sie sieht, ihre Reklamation wörtlich ab. Im übrigen möchten wir fragen: Wozu der Lärm? Unser Blatt ist ein jüdisches, der betreffende Bericht erschien in der Rubrik „Berliner Nachrichten", wo nur Mitteilungen aus der Berliner jüdischen Gemeinde und polemische "Notizen der Redaktion veröffentlicht werden. Wenn tvir nun, der Kürze wegen, den Vereinsbericht wie von der Pädagog. Ztg. moniert überschrieben haben, so war es für jeden unbefangenen Leser von vornherein klar, daß es sich hier nur um einen jüdisch e n Verein handeln könne. Ein Segeln unter falscher Flagge war demnach nicht beabsichtigt und konnte nicht beabsichtigt sein. Denn wie der „Pädag. Ztg.", sind auch uns die Gründe unbekannt, die jemand veranlassen könnten, aus ein in sich gefestetes jüdisches Schifflein die Flagge eines Vereins zu setzen, deffen Ansehen und Bedeutung wir nicht kennen. — Um was es sich handelte. Wir. haben einen objektiven Bericht über den verflossenen Wahlkamps in Berlin für die vorige Rr. in Aussicht gestellt, können ihn aber auch in der heutigen noch nicht geben, weil uns das Wahlresultat noch nicht bekannt ist und der Bericht doch nicht allein einen Rückblick, sondern auch einen Ausblick bieten muß. Es sei uns darum gestattet, einen Auszug aus der Rede, die Pros. Dr. Lew in in der letzten von 2000 Wählern besuchten Versammlung des Zentralvereins hielt, als Ersatz zu liefern. Wir haben die Rede von einem Kanunerstenographen ausnehmen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.