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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-11-06 · 49 (6.11.1895) · p. Seite 805

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
49 (6.11.1895)
Date
1895-11-06
Page
Seite 805 (sequence 13)
Language
German
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Nr. 49. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 805. dieses alles immer mehr angegriffen und als sie endlich einmal infolgedessen ihrem Gemahl den Vorschlag machte, das Palais in der Stadt zu einer sonst nicht gebräuchlichen Jahreszeit zu verlassen und für längere Zeit das Schloß auf dem Lande zu beziehen, benutzte er diese Gelegenheit, um das gezwungene und beiderseits unleidliche Verhältnis der Ehegatten zu einander zum offenem Bruche zu bringen. Er beschloß in seinem Palais in der Stadt zu verbleiben, während die Gräfin ihren bleibenden Aufenthalt im Schlosse vor der Stadt nahm. Die Trennung des gräflich Zarnowieckischen Paares war somit, zur beiderseitigen Erleichterung, eine vollständige. Obwohl jedoch der Bruch ein vollständiger und offenkundiger war, hatte es dennoch Graf Zarnowiecki für paffend erachtet, denselben so wenig als möglich merken zu lassen und der Außenwelt gegenüber die Konvenienz zu beobachten. Und so stattete er von Zeit zu Zeit in längeren Pausen der Gräfin auf dem Schlosse Besuche ab, um den Anschein zu wahren. Aber sowohl der Graf als die Gräfin betrachteten diese Besuche als nichts anderes denn als ein der gesellschaftlichen Stellung gebrachtes beiderseitiges Opfer. Das Wiedererscheinen Amiesers, der während der letzten Zeit in eben demselben Maße an äußerer Erscheinung und an innerem Werte gewonnen, wie der Graf Zarnowiecki in den Augen Jadwigas verloren hatte, fachte die kaum gedämpfte Glut in der Seele der Gräfin von neuem an. Die hoffnungslose Aussicht, jemals die Scheidewand zwischen beiden fallen zu sehen vermehrte nur die Tiefe der Leidenschaft. Und nun, sollte derjenige ein Leiden mildern, der selbst eine Hauptursache dieses Leidens war! (Fortsetzung folgt.) N)ochen-(Ohronik. Berlin, den 5. Dezember Berliner Nachrichten Die Rabbinerwahlkommission hat beschlossen, keinen der Kandidaten, die sich gelegentlich des Ausschreibens der Stelle gemeldet, vorzuschlagen, sondern drei bekannte Nabbiner, die sich nicht gemeldet, zur Gastpredigt einzuladeu. Der Vorstand hat diesen Beschluß gebilligt und Herrn Dr. B. Rippner, Rabbiner in Glogau für Sabbat- Ehanukka, (l4. Dezember) zu einer Gastpredigt eingeladen. Herr Dr. Rippner hat diese Einladung angenommen und wird an dem betreffenden Sabbat in der Lindenstraßen-Synagoge vorm, beim Haupt- und nachmittags beim Jugendgottesdienft predigen. — Nachweherr. Wir erhalten folgende Zuschrift: Sehr geehrter Herr Redakteur! Gleiches R ech t fü r alle. Dies ist die schöne Devise, welche die verschiedenen Parteien aus Anlaß der Reprüsentantenwahl auf ihr Panier geschrieben haben. Welche der Parteien es wirklich Ernst mit der Verwirklichung dieses Prinzipes ist, war der Erkenntnis der Wähler anheimgestellt, deren bei der Wahl abgegebenes Votum ja iu 8 bis 14 Tagen aus der Gruft der Wahlurne zum Leben erstehen wird. In welcher Weife jedoch der Vorstand der jüdischen Gemeinde sich das: „Gleiches Recht für alle", welches unbedingt der Grundpfeiler einer Verwaltung fein müßte, zur Richtschnur seiner Handlungen dienen läßt, mag aus folgender Thatsache erhellen: Bei der Wahl am 28. p. fungierten vor den verschiedenen Wahllokalen Beamte der Gemeinde — Synagogendiener u. s. w., also Leute, die ein Gehalt aus dem Steuersäckel der Gemeinde erhalten, welcher von den Mitgliedern sämtlicherParteien gefüllt wird — als Verteiler der Kandidatenliste der — „Liberalen Vereinigung". Diese „Liberalität" des Vorstandes eingehend zu beurteilen und zu würdigen, überlasse ich den Lesern Ihres geschätzten Blattes. Mir genügt es vor der Hand, durch diese Mitteilung die Thatsache niedriger gehängt zu haben. — Das Neue Adreßbuch für Berlin und seine Bororte gelangt soeben zur Ausgabe. Der vor uns liegende stattliche Band ähnelt in seiner äußeren Erscheinung den großen, weltstädtischen Adreßbüchern von London, New- Pork u. dergl. Der Einband ist von solider Eleganz, und die Anordnung der Hauptteile, welche sich in erster Linie von der üblichen durch Voranstellung des allgemeinen Teiles und eines unlfassenden Sachregisters unterscheidet, übersichtlich und allem Anscheine nach praktisch. Was den Inhalt des Buches betrifft, so soll dasselbe nach Angabe des Verlages etwa 80 000 Haushaltungen und Geschäfte von Berlin und den Vororten mehr enthalten als das bisherige Nachschlagewerk dieser Art; den Adressen des EinwohnerteilL sind vollständige ein Telephonadreßbuch entbehrlich niachende Telephonvermerke beigefügt; im Straßenteile ist jede Straße mit einem schematischen Situationsbilde versehen, welches die Orientierung unterstützt. Der Vorortsteil behandelt 22 Vororte mit eingehender Ausführlichkeit. Besondere Auftnerksamkeit verdient das ausführliche Sachregister, welches mit seinen zahlreichen, den Bedürfnissen des täglichen Lebens angepaßten Hinweisen sehr bald zu einem unentbehrlichen Führer durch alle öffentlichen Einrichtungen der Residenz werden dürfte. Der beigegebene, in großem Maßftabe ausgeführte Plan erstreckt sich auch auf die entlegeneren Vororte und verdient wegen seiner klaren Uebersichtlichkeit und der verschiedenfarbigen Einzeichnung sämtlicher Linien der Pferdebahn, Dampfbahn re. besondere Beachtung. — Rechtsschwenkung überall. In dem nunmehr beendeten Wahlkampfe in Berlin wurde von „liberaler" Seite, fast eben so oft wie Esra, Amerika zitiert als das Land, in welchem die Hut-, köpf- und sabbatlose Reform das Judentum gerettet habe. Zur selben Zeit wurde aber drüben von einwandsfreier Seite konstatiert, daß in diesem gelobten Lande Rro. 2 sich ein Ruck nach Rechts vollziehe. In der jüngsten hier eingetroffenen Nr. der „Deborah" schreibt Professor G. Deutsch — die Tendenz des Blattes und die Richtung des Professors wird den wenigen „Liberalen", die sich schon vor den diesjährigen Wahlen mit jüdischen Dingen'beschäftigt haben, bekannt fein — über die jüdisch-religiöse Bewegung: „Ein konservativer Zug geht unleugbar durch unser amerikanisches Judentum im gegenwärtigen Augenblick. Das ist freilich nicht so aufzufassen, als wollte man zuin alten Schulchan Arnch zurückkehren oder auch nur als sollte die Synagoge ihren Ritus ganz dem Herkommen anpaffen, aber es besteht offenbar, und bezeichnend genug, unter den früheren Ultrali beraten, die Tendenz, der Macht des geschichtlich Gewordenen größere Rechte einzuräumeu und alte Gebräuche, soweit sie nicht das Gefühl des modernen Menschen verletzen, als Symbole beizubehalteu. Zuerst ist mit dieser Mahnung Dr. Kühler (Rew-Pork) auf der Rnbbinical Loufercnee in Atlantik City hervorgetreten. Neulich hat Dr. Hirsch (Ehieago), der noch vor wenigen Jabren das Sukkotfeft als ein dürres Blatt am Baume Israels bezeichnele, dem kein vergeistigendes Symbolisieren helfen könne, eine

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