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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-11-06 · 49 (6.11.1895) · p. Seite 804

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
49 (6.11.1895)
Date
1895-11-06
Page
Seite 804 (sequence 12)
Language
German
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Seite 804. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 49. Einige Zeit nach dem Besuche beim gräflichen Paare war Amieser zur Gräfin gerufen morden, deren Leiden sich in den letzten Tagen vermehrt hatten. Sein ärztlicher Scharfblick erkannte, daß der zarte Organismus zum Teil wohl durch körperliche Ursachen, zum größten Teile jedoch durch innere, von längerer Zeit her stammende seelische Leiden und Kränkungen untergraben sei und eine allgemeine Schwäche herbeigesührt hatte, welche in besorgniserregendem For.schreiten begriffen war. „Edle Frau", sagte er nach längerem Prüfen und Befragen, „die Kunst des Arztes vermag viel über die Leiden des schwachen menschlichen Körpers, doch sind dieser Kunst Grenzen gezogen. Besonders wo die Ursache des Leidens tiefer liegt als in gewöhnlichen Störungen der Funktionen des Organismus, da ist oft der Arzt genötigt, von seiner gesamten Wissenschaft Hauptsächlich denjenigen Teil zu Rate zu ziehen, der sich aus die Kenntnis des menschlichen Gemütes bezieht und dessen Heilmittel nicht im Laboratorium des Pharmazeuten zu nnden sind. All mein Wissen und meine Kunst sollen bestrebt sein, Euer Leiden, edle Frau, zu beschwichtigen; ob es mir auch möglich sein wird, die Ursachen Eurer Leiden gänzlich zu entfernen, dies wage ich noch nicht zu entscheiden. Denn Euer Leiden ist zugleich ein Seelenleiden, dessen volle Tragweite zu bemessen mir nicht zusteht." „Ich verlange nur Linderung," sagte die Gräfin schmerzlich bewegt, „Heilung ist unmöglich." „Gegenüber einem solchen Ausspruche aus dem Munde des Kranken," erwiderte Amieser mit betrübter Miene, „kann der Arzt nicht viel antworten. Doch darf er darum weder selbst die Hoffnung ausgeben, noch auch den Kranken dieselbe ausgeben lassen. So manches nicht mehr gehoffte, bereits ausgegebene, erfüllt sich demnach noch einmal. Die Zeit vermag viel — vergessen machen und heilen." „Glaubt Ihr?" sagte sie, trübselig lächelnd. „Vielleicht wird die Zeit auch an mir ihre Allmacht beweisen; aber daß sie mich auch vergessen machen könnte, was in meinem Sinne sich eingegraben, das glaube ich nicht; — Vergeßlichkeit ist meine Schwäche nicht." Ter junge Arzt blickte sie sinnend an. „Es ist das Merkmal des bevorzugten Geistes," sagte er, „daß dasjenige, was aus feine Seele Eindruck macht, sich wie mit ehernem Griffel feinem Gedächtnisse einprägt und dem verwischenden Einflüsse der Zeitenfolge trotzt, dem der alltägliche, schwache Geist unterliegt. Jedenfalls," fuhr er nach einer Pause fort, „wird es notwendig sein. Euch so viel als möglich in Ruhe zu verhalten, und jede Nervenaufregung zu vermeiden. Ich werde mir erlauben. Euch eine Arznei zu verabreichen, die Eure Leiden lindern und die erschlafften Kräfte stärken wird. Mit den gehobenen Kräften wird auch der Lebensmut sich heben und dann, edle Frau, wird vielleicht doch die einstweilige Linderung zur vollen Genesung werden." „Vielleicht," sagte sie leise. Gräfin Jadwiga, aus verarmten aber edlem Hause stammend, hatte in ihrer Jugend eine sorgfältigere Erziehung genoßen, als sie den meisten Edeldamen jener Zeit zuteil zu werden pflegte. Ihr Herz war noch vollkommen frei, als der junge und reiche Magnat, Graf Zarnowiecki, durch ihre blendende Schönheit angezogen, sie kennen lernte und um ihre Hand warb. Es war kein Grund vorhanden, diese Verbindung auszuschlagen, und so wurde sie Gräfin Zarnowiecka. In der ersten Zeit glaubte Jadwiga ihren Gatten zu lieben und erwartete Gegenliebe. Bald jedoch stellte sich Enttäuschung ein. Das bestechende Aeußere des jungen Edelmannes barg ein hohles Innere. Jadwiga fühlte sich vereinsamt inmitten ihrer Umgebung. Mehr dem inneren Empfinden als dem äußern Glanze ergeben, sehnte sich ihr empfängliches Gemüt nach einem gleichgesinnten Gemüte, das, auf gleicher geistiger Höhe mit ihr stehend, sie verstände und ihre Gefühle erwiderte. In ihrem, mit den Vorzügen und Mängeln des damaligen polnischen Edelmannes ausgestatteten Gatten fand sie diese Erwiderung nicht. Da führte der Zufall den jungen Judenarzt aus ihren Pfad. Die ritterliche Manier seines ersten Auftretens, seine immer mehr sich zeigenden geistigen Vorzüge und der Adel seines Charakters fanden in der Seele der Gräfin einen mächtigen Wiederhall und erweckten in ihr Gefühle, die durch den Abstand zwischen der Magnatenfrau und dem unbekannten Juden nicht abgeschwächt, sondern nur intensiver angesacht wurden. Denn die über das Niveau der gewöhnlichen Denkungsart sich erhaben fühlende Frau fand es eines bevorzugten Geistes würdiger, das Gute und Edle desto höher zu schätzen, je tiefer man es findet. Vergleiche, die sich ihr ausdrängten, zwischen dem in niederer Sphäre geistig hoch dastehenden Juden und dem aus hoher Suse in geistiger Armut und Hohlheit befangenen Magnaten, fielen nur zu Gunsten des erstcren aus. Der Aufenthalt im spanischen Städtchen war jedoch von zu kurzer Dauer gewesen, als daß die auskeimende Leidenschaft eine größere Ausdehnung hätte gewinnen können. Die Trennung hatte das kaum begonnene Glimmen derselben zum Teil, wenn auch nicht vollständig, unterdrückt; unter der Asche jedoch brannte ein Funke der Erinnerung leise, aber stetig fort. Uud je mehr die Gräfin sich ihrem Gemahl entfremdet fühlte und es ihn, wenn auch nur leicht, merken ließ, desto bereitwilliger fand sie ihn, ihr Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Die Neigung, die er in der ersten Zeit für sie empfunden hatte, und die er vielleicht für Liebe gehalten haben mochte, die aber in der That nichts als befriedigte Eitelkeit über den Besitz eines Wesens gewesen, um das ihn alles beneidete, hatte sich bald verloren. Zu seinem Charakter paßte das zarte, empfindliche, auf einer höheren geistigeil Stufe als er stehende Wesen seiner Gemahlin nicht. Auch fühlte er das Bedürfnis nach aufregender Abwechslung. Und so Hatte er sich denn immer mehr den Gelagen und den, damals besonders in Polen sehr häufigen politischen Konspirationen des Adels ergeben und seine Gemahlin nicht nur häuslich vernachlässigt, sondern auch äußerlich mehr als einmal empfindlich verletzt. Den Ersatz, den ihr Gemahl für das häusliche Glück in der Gesellschaft suchte und fand, konnte sie nicht finden. Ihre Zurückgezogenheit und geringe Beteiligung an den Gesellschaften ihrer Standesgenossinnen und noch mehr ihr geistiges Uebergewicht, das die anderen mehr fühlten als verstanden, hatten ihr unter ihren Bekannten viel Neider und Feinde, von denen sie manche Kränkung zu erleiden hatte, aber keine einzige aufrichtige Freundin erworben. Es ist das Schicksal eines jeden den großen Haufen Ueberragenden, daß er allenthalben Neider und Feinde erweckt. Und vollends, wenn es eine Frau ist, die, durch irgend eine Eigenschaft andere in der Gesellschaft überragt. Das wird ihr kein weibliches Wesen vergeben, das auch nur einmal in ihre Nähe gekommen und sich von ihr verdunkelt gefühlt hat. Die ohnehin zarte Gesundheit der Gräfin wurde durch

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