Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 49 (6.11.1895)
- Date
- 1895-11-06
- Page
- Seite 803 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 49. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 808. Bei diesem Anblick schloß Rabbi Asher Abarbanel die Augen; sein Herz schlug, als wollte es ihm zerspringen; seine Lumpen waren von kaltem Todesschweiß getränkt; er blieb keuchend, unbeweglich, längs der Mauern, unter dem Strahl einer Laterne ausgestreckt — unbeweglich, im Gebete zu dem Gotte König Davids. Vor ihm angelangt, blieben die Jnqusitoren unter dem Licht der Lampe stehen, — durch einen Zufall, den zweifelsohne ihre Diskussion verursacht. Einer von den beiden, indem er seinem Gegner zuhörte, hatte gar den Einfall, den Rabbi anzusehen! Unter diesem Blick, dessen zerstreuten Ausdruck er nicht gleich begriff, glaubte der Unglückliche schon wieder die glühenden Zangen in seinem Fleisch sich verbeißen zu fühlen; es sollte also wieder ein Wehgeschrei und eine Wunde werden! Halb ohnmächtig, mit versagendem Atem, zuckenden Lidern, erschauerte er unter der Berührung dieses Kleides. Doch, ebenso seltsam wie natürlich, der Blick des Inquisitors war offenbar der eines Mannes, der sich tief mit dem beschäftigt, was er antworten soll, der ganz absorbiert ist von dem, was er anhört; die Augen waren starr und schienen den Juden anzuschauen, ohne ihn zu sehen! In der That, nach einigen Minuten setzten die unheimlichen Disputierenden mit langsamen Schritten und in leisem Gespräch ihren Weg fort nach den: Kreuzweg, von dem der Gefangene hergekommen; man hatte ihn nicht bemerkt! So daß diesen in der schrecklichen Verwirrung seiner Gefühle der Einsall durchzuckte: „Bin ich am Ende gar tot, daß man mich nicht mehr sieht?" Eine grauenhafte Empfindung riß ihn aus seiner Lethargie: als er die Plauer neben seinem Gesicht betrachtete, glaubte er von den feinigeu zwei wilde Augen zu sehen, die ihn beobachteten! ... In tollem momentanen Entsetzen, gesträubten Haares, warf er den Kopf zurück . . . doch neiu, nein; seine Hände betasteten die Steine und überzeugten ihn, er hatte nur noch den Rester des Blickes des Inquisitors in seinen Augen und hatte ihn unbewußt aus zwei Flecken der Mauer projiciert. Vorwärts! Er mußte rasch dem Ende zukommen, wo er (krankhaft, ohne Zweifel!) die Befreiung vermutete, zu jenem Schatten, der nur noch etwa dreißig Schritte weit entfernt war. Er nahm also noch schneller, auf den Knien, den Händen, dem Bauch, seinen Leidensweg wieder auf, und bald kam er in die dunkle Partie dieses furchtbaren Korridors. Plötzlich empfand der Arme elende Kälte oben an den Händen, die er auf den Boden stützte; das kam von einem heftigen Luftzug, der unter der Thür hereinstrich, zu dem der Mauergang führte. - O Gott, wenn diese Thür sich in's Freie öffnete! Ein Schwindel der Hoffnung packte gewissermaßen das ganze Sein des bedauernswerten Flüchtlings. Er prüfte sie von oben bis unten, ohne in dem Dunkel vor seinen Augen etwas unterscheiden zu können. — Er tastete. Weder Schloß noch Riegel. — Ein Drücker! ... Er richtete sich auf; der Drücker gab unter seinem Daumen nach; die schweigsame Pforte rollte vor ihm aus. . -i- * * n Hallelujah! . . . murmelte der Rabbi mit einem tiefen Seufzer voller Dankgebete, als er aus der Schwelle stand und sah. Die Thür hatte sich in die Gärten geöffnet, in die Sternennacht, in den Frühling, die Freiheit, das Leben! Hier ging es auf die nahe Ebene, die sich bis zu den Sierras zog, deren zackige blaue Linien sich am Horizont proftlierten; — dort war das Heil! . . . Ah, fliehen! Er würde die ganze Nacht durch die Zitronenwälder laufen, deren Düfte jeder Hauch ihm zutrug. Einmal in den Bergen, war er gerettet. Er atmete die gute, heilige Luft; der Wind belebte ihn; seine Lungen dehnten sich. Er hörte in seinem Herzen, das sich weitete, das veni foras des Lazarus. Und um noch einmal Gott zu segnen, der ihm diese Gnade gewährte, hob er die Augen zum Firmament und breitete die Arme aus. Da glaubte er den Schatten seiner Arme sich zu ihm zurückdrehen zu sehen: — er glaubte zu fühlen, wie diese Schattenarmc sich mit ihn legten, ihn umwanden, — und daß er mit Zärtlichkeit an eine Brust gedrückt wurde. Eine hohe Figur stand in der That neben ihm. Vertrauensvoll senkt er seinen iBlick auf diese Gestalt — und blieb keuchend, irr vor Angst, mit gebrocheuein Blick, schlotternden Knien, vor Entsetzen geifernd stehen. Gräßlich! Er befand sich in den Armen des Großinquisitors selbst, des ehrwürdigeu Pedro Arbuez d'Espila, der ihn ansah, das Auge großer Thränen voll, und mit der Miene des guten Hirten, der sein verirrtes Schäflein findet! . . . Der düstere Dominikaner preßte den unglücklichen Juden mit einem so glühenden Ausbruch von Erbarmen an sein Herz, daß die Spitzen des härenen Büßerheindes unter der Kutte die Brust des Mönchs wundrieben. Und während Rabbi Äser Abarbanel, die Augen unter den Lidern ganz verdreht, vor Augst in den Armen des asketischen Doin Arbuez röchelte und dunkel erriet, daß alle Phasen dieses verhängnisvollen Abends nichts als eine vorbedachte Marter gewesen! murmelte ihm der Großinquisitor mit einem Ausdruck tiefsten Vorwurfs, mit bestürzten Augen und einem vom Fasten heißen ausgetrockneten Atem in die Ohren: „Wie, mein Sohn: An der Schwelle, vielleicht zum ewigen Heil, wolltest Du uns also verlassen?! . ." Zah« um Zahn. Erzählung aus Polens Vergangenheit. (Fortsetzung.) Mehrere Monate waren seit dem Besuche im gräflich Zarnowieckischen Schlosse verflossen. Amieser lebte vollständig seinem Berufe. Der Ruf der Geschicklichkeit des in fernen Landen ausstudierten Judenarztes hatte sich bald in allen Kreisen der Hauptstadt verbreitet und täglich vermehrte sich die Zahl derer, die seine ärztliche Hilfe in Anspruch nahmen. Der alte Reb Joses lebte zurückgezogen, und suchte vor allem jede Begegnung mit Bekannten aus früherer Periode zu vermeiden. Es vermutete niemand in dem alten Reb Josef einen ehemaligen viel gekannten Bewohner Krakaus. In letzter Zeit war mit ihm insofern eine Veränderung vorgegangen, als er, der früher fast beständig zu Hause gesessen hatte, über seine Folianten gebeugt oder in Gedanken dahinbrütend, jetzt häufig längere Zeit vom Hause abwesend war und oft sogar ganze Nächte ausblieb. Amieser veriuied es, ihn darüber zu befragen oder auch sonst deshalb nachzuforschen, doch sagte ihm ein inneres Gefühl, daß auch diese rätselhaften Gänge und Abwesenheiten seines Großvaters mit dessen Plänen und folglich auch mit seiner eigenen Zukunft aufs innigste zusammenhingen. Von dem Thema seiner Geburt und seiner Zukunft war seit der oben geschilderten ersten Enthüllung zwischen beiden nicht mehr gesprochen worden.