Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 49 (6.11.1895)
- Date
- 1895-11-06
- Page
- Seite 802 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 802. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 49 Ringe, eine blutgeschwärzte Folterbank, ein Kohlenbecken und einen Krug zeigte. Auf einem Lager aus Dunastroh, von den Stricken ausrecht erhalten, den Hals in einem eisernen Ring, saß ein zerlumpter Mann, dessen Alter nicht mehrunterscheidbar war. Der Gefangene war kein anderer als der Rabbi Asher Abarbanel, ein arragonischcr Jude, der, des Wuchers und der unerbittlichen Geringschätzung der Armen beschuldigt, seit mehr als einem Jahre täglich der Tortur unterworfen wurde. Trotzdem, da „feine Verblendung so hart war wie sein Fell", hatte er bisher die Glanbensabschwörung verweigert. Stolz aus eine Geschlechtsfolge von mehreren tausend Jahren uno das Alter seines Stammbaumes, denn jeder Jude, der dieses Namens würdig, hält mit Eifersucht aus sein Blut, leitete er seinen Ursprung nach dem Talmud von Othniel ab und daher von Jpsiboe, der Frau des letzten Richters von Israel, — ein Umstand, der seinen Mut auch in den schlimmsten seiner nnaushörlichen Qualen ausrechterhalten. Mit Thrünen in den Augen beim Gedanken, daß diese so starke Seele sich derart vom ewigen Heile ausschloß, näherte sich der ehrwürdige Pedro Arbuez d'Espila dem erschauernden Rabbi und sprach diese Worte: „Freue Dich, mein Sohn; Deine Prüfungen hienieden nehmen nun ein Ende. Habe ich auch gegenüber so viel Verstocktheit mit Seufzen sehr vielerlei Härten gestatten müssen, so hat meine Ausgabe brüderlicher Zucht dennoch ihre Grenzen. Du warst der widerstrebende Feigenbaum, der so lang ohne Früchte blieb und nun Gefahr läuft, zu vertrocknen . . . Doch nur Gott allein bestimmt über Deine Seele. Vielleicht daß die unermeßliche Gnade Dir leuchten wird in Deinem letzten Augenblick! Wir müssen es hoffen! Es hat Beispiele gegeben .... Also sei es! — Ruhe denn diese Nacht in Frieden. Morgen wirst Du an dem Autodafe teilnehmen, das heißt, Du wirst dem Quemadero ausgesetzt werden, dem Rost, der die ewige Flamme vorbereitet: er sengt, wie Du weißt, mein Sohn, nur aus der Ferne, und der Tod braucht mindestens zwei (oft drei) Stunden, um zu konnnen, weil wir ja Sorge tragen, Stirn und Herz unserer Holokausien durch nasse Tücher zu verwahren. Ihr werdet blos dreiundvierzig an der Zahl sein. Bedenke, daß Du, als der letzte in der Reihe, die Zeit hast, Gott anzurufen, ihm diese Feuertaufe anzubieten, die vom heiligen Geist ist. Vertraue also auf das göttliche Licht und schlafe." Als er diese Rede geendigt, ließ Dom Pedro Arbuez den Unglückseligen entfesseln und umarmte ihn hierauf zärtlich. Dann war die Reihe am fra redemptor, der ganz leise den Juden bat, ihm zu vergeben, was er ihn hatte dulden machen, um ihn zu erlösen; — zuletzt umhalsten ihn die Vertrauten, deren Kuß durch die Gurgel stumm war. Nach beendigter Zeremonie wurde der Gefangene allein und bestürzt in der Finstcrnis zurückgelassen. * Mit trockenem Mund, das Gesicht vor Leiden wie verblödet betrachtete Rabbi Asher Abarbanel anfangs ohne besondere Aufmerksamkeit die verschlossene Thür. — „Verschlossen?" . . . Ties Wort erweckte in seinen tiefsten Tiefen eine Grübelei. Er hatte nämlich einen Moment im Spalt zwischen Thür und Mauer den Schimmer der Laterne weiterleuchten gesehen. Eine krankhafte Idee, entsprungen der Erschöpfung seines Gehirns, brachte sein Wesen in Ausruhr. Er schleppte sich zu der ungewohnten „Erscheinung" hin. Und indem er sehr sanft, mit langen, vorsichtigen Zögerungen den Finger in den Spalt steckte, zog er die Thür zu sich hin . . . O Verblüffung! Durch einen Zufall hatte der Familiaris, als er schloß, den großen Schlüssel umgedreht, ehe sie noch ganz den Stein des Thürstocks berührt, so daß der rostige Riegel nicht in die Mutter hineingegangen war und die Thür in den Kerker hineinrollte. Der Rabbi wagte einen Blick hinaus. Begünstigt von einer Art fahler Dunkelheit, unterschied er ein Halbrund erdfarbiger Mauern, durchbrochen von mehreren Wendeltreppen, und gerade vor sich, fünf oder sechs Stufen überragend, etwas wie einen schwarzen Portikus, der zu einem weiten Korridor führte, von dem man von hier unten aus blos die ersten Bogenaewölbe sehen konnte. Der Rabbi streckte sich also aus und kroch bis zur Höhe jener Schwelle empor. — Ja, allerdings war es ein Korridor, doch von wie ungemessener Länge! Ein bleicher Tag, das Licht eines Traumes erhellte ihn; Nachtlaternen, die von den Wölbungen hingen, gaben manchmal der dumpfen Färbung der Luft einen bläulichen Ton; — der Hintergrund des Korridors war nichts als Schatten. In der ganzen Dehnung nicht eine Seitenthür! Nur links, in Vertiefungen der Mauer, ließen kreuzweise vergitterte Kellersenster ein Dämmerlicht durch; — cs mußte das des Abends sein, denn rote Streifen überguerten da und dort die Bodenbretter. Und welche furchtbare Stille! — Jedoch, dort unten, im Fond jener schwarzen Schatten, konnte ein Ausgang zur Freiheit führen! Die flackernde Hoffnung des Juden hielt sich zäh, denn es war die letzte Hoffnung. Ohne also zu zögern, wagte er sich hinaus aus den Boden des Ganges, hielt sich an die Fensterwand und strebte mit der düstern Tünche der langen Mauer möglichst zu verschmelzen. Er kroch langsam, aus der Brust liegend vorwärts, und hielt jeden Schrei zurück, wenn es in einer frischen Wunde zuckte. Plötzlich brachte ihm das Echo dieser steinernen Allee das Geräusch von nahenden Sandalen an's Ohr. Ein Beben erschütterte, die Angst erstickte ihn; vor seinen Augen dunkelte es. Also, es war aus, ohne Zweifel! Er drückte sich mit dem Körper in eine Vertiefung hinein und wartete, halbtot. ES war ein Familiär. Eine Kneipzange in der Faust, die Kapuze gesenkt, schrecklichen Aussehens eilte er rasch vorüber und verschwand. Das Entsetzen, das ihn an der Kehle gepackt, hatte in dem Rabbi förmlich alle Lebensfunktionen gelähmt; fast eine Stunde blieb er liegen, ohne einer Bewegung fähig zu sein. In der Angst vor einer Vermehrung seiner Qualen, im Falle er wieder eingesangen würde, dachte er daran, in seinen Kerker zurückzukehren. Doch die alte Hoffnung flüsterte ihm ihr göttliches „Vielleicht" in die Seele, das in allen Drangsalen Trost gewährt. War voch ein Wunder geschehen! Man durste nicht zweifeln. Er begann also wieder der möglichen Entweichung entgegen zu kriechen. Von Leiden und Hunger erschöpft, zitternd vor Angst, zog er sich vorwärts. Und dieser grabähnliche Korridor schien sich rätselhaft zu dehnen! Und er hörte nicht auf, vorwärts zu gehen, immer in's Finstere zu schauen, in den Schatten dort unten, wo eine rettende Thür sein mußte. Ach, ach! wieder erschallten Schritte, diesmal langsame, düstere. Die weiß-schwarzen Formen zweier Inquisitoren, mit langen, seitlich aufgebogenen Hüten, tauchten vor ihm aus der trüben Luft da unten aus. Sie unterhielten sich mit leiser Stimme und schienen, über einen wichtigen Punkt in Kontroverse., denn ihre Hände bewegten sich.