Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 49 (6.11.1895)
- Date
- 1895-11-06
- Page
- Seite 800 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 800. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 49. finden wir uns um so weniger in der Lage, dem qu. Beschlüsse vom 6. dieses Mts. beitreten zu können, als nach unseren Ermittelungen sich unter den sub. Co. 1 bis 6 daselbst genannten Kandidaten keine Persönlichkeit befindet, welche man, nach den berechtigten Wünschen und Erwartungen unserer Gemeinde, als für die betreffenden Stellen geeignet zu erachten vermöchte. Es ist schon früher von uns dargcthan worden, daß eine einzige Probepredigt, für welche der Prediger vielleicht wochenlang sich vorzubereiten Gelegenheit gehabt hat, keinen ausreichenden Anhaltspunkt für die Beurteilung seiner oratorischen Fähigkeiten, geschweige der wissenschaftlichen Kapazität desselben darbiete. Selbst abgesehen aber hiervon, würden nach alledem, was diesseits über die oben bezeichneten Kandidaten bekannt geworden, Probepredigten _ derselben für das Vorhaben unzweifelhaft ohne jeden Erfolg sein und somit nur die Erledigung der so wichtigen Angelegenheiten verzögern und — erschweren. Wie sich von selbst versteht, sind die angedeuteten Ermittelungen vertraulichster Natur, und erheischen sie — besonders im schriftlichen Verkehr — gebührende Diskretion. Es bestätigen dieselben aber — und zumal im Hinblick auf die umfangreichen neunmonatlichen Verhandlungen — die Richtigkeit unserer früher dargelegten Ansicht, daß der fragliche Gegenstand schon bei seiner Vorprüfung in der gemischten Kommission mit treuester Sorgfalt und größter Umsicht behandelt worden war, und die Resultate derselben nur als das Ergebnis der reiflichsten Ueberlegung und nach allen Seiten hin eingehenden Erwägung angejehen werden kann. Weit entfernt also davon, etwa blos bei der unsererseits einmal geschehenen Wahl beharren zu wollen, müssen wir vielmehr nach abermaliger Prüfung des Gegenstandes, bei der gewissenhaften, aus der wirklichen Sachlage geschöpften lleberzeugung verbleiben, daß zur Wahrung des Interesses und der Würde unserer Gemeinde ein anderer Ausweg nicht vorhanden ist, als — insofern die gleichzeitige Besetzung beider Rabbinerstellen für ein dringendes Bedürfnis erachtet wird — auf die Wahl der Herren Dr. Aub und Dr. Joel zurückzugreifen. Da letzterer auch seitens der geehrten Versammlung in erster Linie genannt wird und persönlich hier genügend gekannt ist, so dürfen nur uns wohl jeder weiteren Darlegung seiner vorzüglichen Befähigung enthalten. Aber auch inbetreff des Herrn Dr. Aub glauben wir, daß, nach dem übereinstimmenden Urteile eben so ehrenwerter wie kompetenter Männer, weder bezüglich seines höchst ehrenhaften, würdevollen Charakters noch seiner ausgezeichneten rabbinischen und allgemein wissenschaftlichen Qualifikation, ein Zweifel obwalten könnte. Ebensowenig kann ferner der in den literarischen Leistungen hinreichend gekennzeichnete, durchaus gemäßigte religiöse Standpunkt dieses Kandidaten zu einem Bedenken Anlaß geben, indem Herr Dr. Aub, wie wir, gegenüber jeder anderweitigen Insinuation, mit aller Bestmmtheit behaupten dürfen, mit der Treue und Beharrlichkeit eines besonnenen, sich seiner Ausgabe von jeher völlig bewußten Mannes, in Lehre und Leben nach wie vor an jenem Standpunkte sesthält. Gleichwie in dieser Beziehung müssen wir aber auch der, blos aus vage Gerüchte sich stützenden, Bemängelung des Dr. Aub'schen Dialekts entgegen zu treten, da dieselbe in dem urschriftlich beiliegenden Briese des Herrn Dr. P., eines norddeutschen und in dieser Beziehung gewiß vorzugsweise urteilsfähigen Gelehrten, eine schlagende Widerlegung findet. Frei von jeder Voreingenommenheit, würden wir daher, bei völlig objektiver Würdigung der Sachlage, unserem besten Wissen und Gewissen zuwiderhandeln, wenn mir es unterließen, auf beide genannten, nach allen Richtungen hin ausgezeichneten Kandidaten abermals die Aufmerksamkeit der geehrten Versammlung zu lenken, und hiermit wiederholt die Zustimmung zu den von uns vollzogenen Wahlen der Herren Dr. Aub und Dr. Joel zu beantragen. Wir glauben veraussetzen zu dürfen, daß die geehrte Versammlung gleich uns aus den bisherigen Verhandlungen die Ueberzeugung gewonnen haben wird, wie gering die Zahl der Männer ist, auf welche man überhaupt zu reflektieren vermag, und wie, bei gleichzeitiger Besetzung beider Rabbinerstellen, unter den obwaltenden Umständen eine bessere und würdigere Wahl gar nicht getroffen werden könnte. Sollte wohldieselbe aber, wider Verhoffen, sich dieser unserer Ueberzeugung nicht anschließen, so geben wir zur gefälligen Erwägung anheim, daß alsdann mindestens mit der Besetzung Einer Rabbinerstelle vorgegangen werden müßte, wenn die großen Nachteile, welche sich in den verschiedensten Sphären der Gemeindeverwaltung schon sehr bemerkbar gemacht haben, nicht noch verlängert werden sollen. Sowohl auf dem religiösen, wie auf dem Gebiete des Unterrichtswesens sind jene Nachteile bereits in empfindlicher Weise hervorgetreten, und ihre Rückwirkung aus die finanziellen Zustände leuchtet nur allzusehr ein, als daß es in dieser Hinsicht noch einer näheren Auseinandersetzung bedürfte. Insofern nun der von uns bereits gewählte Herr Dr. Joel auch seitens der geehrten Versammlung, und zwar in vorderster Reihe, als Kandidat ausgestellt ist, über dessen Kandidatur also eine Meinungsdifferenz nicht obwaltet, stellen wir der geehrten Versammlung ergebenst anheim: Falls im Schoße Wohlderselben die gleichzeitige Wahl beider genannten Rabbiner — zu unserem lebhaften Bedauern — nicht beliebt werden sollte, mindestens inbetreff des einen Kandidaten, des Herrn Dr. Joel, durch Beitritt, zu der diesseits bereits erfolgten Wahl desselben einen Gemeinde-Beschluß herbeizuführen, damit aus diese Weise den vielen Unzuträglichkeiten endlich ein Ziel gesetzt werde. Berlin, bcn 30. November 1864. Der Vorstand der jüd. Gemeinde. 5a. An den Vorst a nd der jüdischen Gemeinde Mit Bezug aus die Vorlage vom 30. vorigen Monats benachrichtigen wir den geehrten Vorstand ergebenst, daß der Antrag auf Beitritt zu der Wahl der Herren Dr. Joel und Dr. Aub, event. vorläufig Erstereu allein als Rabbiner zu wählen, in unserer heutigen Sitzung abgelehnt, dagegen beschlossen worden ist, die Herren Dr. Aub (hier folgen noch zwei Namen) zunächst zu Probepredigten einzuladen. Wobldenselben ersuchen wir ergebenst, sich mit diesem Beschlüsse einverstanden erklären und die Ausführung desselben baldgesülligst bewirken zu wollen. Anlage folgt zurück. Berlin, den 18. Dezember 1864. Die Repräsentauteuversammlung der jüd. Gemeinde. (Fortsetzung folgt.)