Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-11-06 · 49 (6.11.1895) · p. Seite 798

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
49 (6.11.1895)
Date
1895-11-06
Page
Seite 798 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/4794838-9608360-9609116--0958-9609122
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 798. Allgemeine Israelitisch, Wmhenschrist. Nr. 49. Leben zur Bethätigung brachte, sondern auch auf seine Kinder übertrug. So bildete sich denn eine tausendjährige Tradition jüdischen Glaubens und jüdischen Wissens bei unseren Stammesangehörigen, eine eherne Kette treuer Anhänglichkeit an die väterliche Religion, welche die schwersten Stürme nicht zu zerreißen vermochte. Heute ist es zum großen Teile nicht also. Kinder befragen nicht den Bater, wie sie es hinsichtlich der Religion zu halten haben, aber sie sind imstande, das zu belächeln, was der Vater als fromme Pflicht noch übt. Gewiß, schon kein edles Bild der Ehrerbietung der Jugend deul Alter gegenüber, wenn es sich bei einander ganz fremden Personen offenbart, da aber, wo Eltern und Kinder sich gegenüberstehen an Ungualifizierbarkeit noch zunehmen muß. Kinder frommer Eltern können wohl in Verhältnisse gelangen, die in einer höheren Sphäre gelegen, als die des heimatlichen Hauses, sie können wohlhabender, gebildeter, distinguierter in ihren Umgangsformen als ihre Eltern sein — aber sie können niemals über die Verpflichtung hinaussteigen, der im Elternhause empfangenen religiösen Belehrung Rechnung zu tragen, da sie in diesem Punkte niemals mehr werden können, als die Eltern. Die Ueberzeugung, die Kinder durch eigenes Nachdenken über Bedeutung und Wert der Religion gewonnen, dürfte unmöglich so hoch anzuschlagen sein, daß sie die Gründe, welche die Eltern dafür eintreten ließen, zur Farce machen, um der Ueberhebung über denselben eine Art Berechtigung zu verleihen. Und selbst wenn Kinder für ihre negierende Haltung der Religion gegenüber die besten und maßgebendsten Stimmen anzuführen hätten, so müßte doch in der Kinder Herzen so viel Zartsinn und Rücksichtsnahme vorhanden sein, daß sie es die Eltern nicht wissen lassen dürften, wie sie bis jetzt in eine gewisse geistige Befangenheit und Beschränktheit gelebt und das für etwas Heiliges und Ehrwürdiges gehalten, was ihnen, den Kindern, als leerer Wahn sich offenbart hat, daß sie, die Kinder, also die Klügeren seien. Es ist kein Stand, kein Rang vorhanden, der da frei von dieser Rücksichtsnahme wäre, es sei denn, daß die Achtung vor dem Alter aufgehört hätte, eine Forderung der guten Sitte zu sein. Wenn man den Eltern anempsiehlt, hinsichtlich des religiösen Lebens nicht zu strenge Forderungen an ihre Kinder zu stellen, so ist dieses ein Rat, der, aus seine moralische Bedeutung geprüft, ebenso wenig gut zu heißen ist, als wie wenn man sonst andere erziehliche Momente von dem Verpflichtungsregister der Ellern abzustreifen unternähme. Die Eltern könnten sich ja ebensogut angehalten fühlen, auch ^>ei andern Abwegen, die ihre Kinder einschlagen, um diesen oen kindlichen Gehorsam nicht zu schwer zu machen, ein gleiches Vorsichtssrfftem inne zu halten, und der Heranbildung zur sittlichen Korruption wäre hiermit Thür und Thor geöffnet. Und dann — wo soll denn eigentlich die religiöse Toleranz der Eltern ihren Kindern gegenüber beginnen, und wo soll sie aushören? Wer möchte wohl die Garantie übernehmen, daß die erste Konzession, die man den Kindern in dieser Beziehung inacht, nicht bis zum Taufbecken führt? Unsere Religion, Israels Religion, wird als ein „Erbe der Gemeinde Jakobs" bezeichnet, das der Vater dem Sohn in der Form und Vollständigkeit zu übergeben hat, wie er es selbst übernonnnen. Er hat kein Recht, diesen davon zu entbinden oder auch nur ihre Unterlassung gut zu heißen. Wem solch ^s geschieht, der verletzt eine übernomiuene Verpflichtung, ja, er verletzt sie, wenn er nicht immer und immer wieder seine Kinder auf das Unzulässige der Uebertretung religiöser Vorschriften aufmerksam macht. Wir wollen nicht sagen, daß der Vater dabei zu Maßregeln greifen soll, die^ einen Bruch zwischen Eltern und Kindern herbeizuführen imstande sind; aber der von der väterlichen Autorität begleitete und unterstützte Wunsch zur Jnnehaltung der religiösen Pflichten sollte niemals fehlen und das Wort der Schrift: „Ihr sollt die Thora, die Religion, eure Kinder lehren," sollte als eine strenge Forderung des Judentums niemals aus dem Bewußtsein des jüdischen Vaters schwinden. Lr'ben wir nun jetzt in einer Zeit, in welcher oft die zur Selbständigkeit gelangten Söhne von gläubigfrommen Eltern keine Gewissensskrupeln empfinden, wenn sie ihr Hauswesen entgegengesetzt demjenigen, in welchem sie geboren und erzogen, zu einem unjüdischen machen, so ist freilich dagegen nichts zu thun. Allein man sollte es doch wenigstens unterlassen, in dem Vater den omcs itö zu schaffen, indem man ihn auffordert, bei dem unreligiösen Leben seines Kindes, wie man zu sagen pflegt, ein Auge zuzudrücken und das Unrecht, das darin liegt, zu ignorieren. Man soll den Vätern keine solchen, moralisch so sehr anfechtbaren Ratschläge geben. Aber aus die Heranwachsende Generation mit lockerem religiösem Bewußtsein sollte man einzuwirken suchen, für sie sollte man das Ermahnen aufsparen. Wo es nur angeht, und wo nur Gelegenheit hierfür zu finden ist, sollte man es unser junges Israel wissen lassen, daß eine Religion, die vier Jahrtausende hinter sich hat, nicht von der Welt- und Lebensanschauung eines einzelnen Geschlechts aus ihrer Bedeutung gedrängt und dem Schicksal der Wertlosigkeit überliefert werden kann. Menschen werden, wie hoch sie ihr Bildungsgang auch geführt haben mag, in ihren llrteilen immer noch dem Irrtum ausgesetzt sein, und wir glauben durchaus nicht, daß gerade unser Jahrhundert dazu ausersehen sein soll, die höchste Wahrheit und Wirklichkeit zu schauen. Eine Lehre aber, die aus der grauen Vorzeit bis aus uns den Weg sich frei gehalten, eine solche Lehre hat schon etwas für sich, muß etwas für sich haben, das ihre Unumstößlichkeit dokumentiert. Die Selbstüberschätzung drängt den heutigen Menschen aus dem Bereich des religiösen Denkens und Fuhlens, sie schmeichelt ihni mit einer Universalweisheit im Reiche der Intelligenz, während auf der andern Seite der Strafkoder mit jedem Jahre wächst und die Schattenseiten der menschlichen Gesellschaft eine immer größere Verallgemeinerung bis hinauf in die höchsten Stande zeigen. Ja die Weltordnung müßte ihre Umkehr finden, wenn Väter anfingen, sich von ihren Kindern Unterricht in der Erziehungsmethode geben zu lassen. Aus Alt-Attlin. Eine Rabbinernnd eine Repräsentantenwahl. (Fortsetzung.) 5. An die Repräsc ntanten-Vcrsammlnng. Mit Bezug aus die Benachrichtigung vom 12. dieses Monats können wir nicht umhin, der geehrten Versammlung unser tiefes Bedauern darüber auszudrücken, daß die Verhandlung über die Rabbinerwahl zu gar keinem Ergebnisse geführt hat und hiermit ohne weiteres ein Gegenstand von der Tagesordnung entfernt worden ist, der das innerste Gemeindeleben so nahe berührt. j Das Bedürfnis einer jüdischen Gemeinde und folglich auL der unsrigen, die, fern von irgend welchen anderweitigen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.