Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 49 (6.11.1895)
- Date
- 1895-11-06
- Page
- Seite 797 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 49. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 797. es hat Rabbiner geformt. Der so sorgfältig geformte Rabbiner tritt nun als ganz „moderner" Mensch in die Welt und kann in jedem Salon eine Figur abgeben, die nirgends anstößt, zumal er sich daraus eingeübt hat, das fromme, einem geometrischen Punkt nachgebildete Käppchen je nach Zeit und Umständen entweder aus der Hintertasche des Fracks ans den Hinterkopf hinauf, oder von dort geschickt in die Tasche hinunter zu eskamotieren. Dieser harmonisch geglättete Rabbiner nun ist eine Augenweide der modernen Gemeinde, oder sagen wir besser: der Gemeindevorsteher. Sie weiden sich an seinem Anblick, ergötzen sich an seinem Organ, ohne daß sie über seine Unebenheit zu klagen, von einer Widerhaarigkeit seinerseits etwas zu besorgen haben. Ist er doch der leibhafte inoderne Paulus: Frack und schöne Manieren für den freisinnigen Salon, Käppchen und frommes Gebühren für die unteren, orthodoxen Kreise, wenn solche überhaupt vorhanden. Und die jüdische Wissenschaft?-Ach was, die ist tot, und keine Gemeinde fragt mehr nach ihr! Lassen wir sie also ruhen und beschäftigen wir uns lieber mit dem Leben und Lebensfähigen. Ja wohl, die jüdische Wissenschaft ist tot — wie konnte es auch unter den obwaltenden Umständen anders kommen — aber mit ihr ist auch die jüdische Gemeinde tot. Denn die Lebensbedingungen der jüdischen Gemeinde sind: Lehrhaus und Bethaus. (Thora und Abodah.) Wie stehen die Dinge also? „Roch eine morsche Säule Zeigt von verschwundner Pracht, Auch diese, schon geborsten, .staun stürzen über Nacht."- Also die Wissenschaft ist tot, die Gemeinde lebt nur ein Scheinleben. Und das Rabbinat? — — Ja, was aber ist das Rabbinnt ohne feine einzige Grundlage: die Wissenschaft? . . . __ „Aber haben nicht unsere modernen Rabbiner eine gute wissenschaftliche Ausbildung in den Seminarien empfangen und stellen sie nicht aus dem Bücherinarkt ihren Mann?" Gewiß, und sie leisten mehr als genug für den, der sich damit begnügt, sich an dem Anblick der in den Schaufenstern der Buchhändler ausgestellten, aus überdickem Papier gedruckten und mit vielverheißenden Titeln versehenen Schriften zu weiden. Man lese aber diese Werke durch und urteile dann, ob sie mehr als eine Afterwifsenschast beherbergen, die sich mit eiteln, geistreich sein wollenden, noch nicht dagemesenen Hypothesen abgnält, die wieder durch kuriose Hypothesen „gestützt" werden, denen der Schweiß vom Angesicht trieft. Wie will n>an aber auch von den in den Seminarien herangebildeten Theologen echte Wissenschaft verlangen! So ein moderner Theologe ist ein Zerrissener, der entweder, wenn er edles Streben, Begabung und Wissensdrang besitzt, ein wahrer Märtyrer ist, die schwersten Seelenkämpse durchzumachen hat, da sein Denken und Thun im ewigen Widerspruche, oder aber, wenn er oberflächlich ist, auch nur Oberflächliches leistet. Das Seminar kann einmal der Wissenschaft, wie sparsam es auch dieselbe ausstreut, nicht entraten. (5s kann seinen Jüngern das Forschen nicht verbieten. Da giebt' es nun ein frommes Auskunftsmittel und dieses lautet: „Forsche innnerhin; aber sei vorsichtig! In Deiner Stube, iu Deinen Schriften magst Du frei denken, noch mehr: Du darfst sogar au dem Heiligsten Kritik üben; aber hüte Dich, im Leben auch nur das geringste Gebot oder Verbot, den geringsten Brauch der Alten lei > t zu nehmen; denn Du bist sonst ein Ketzer!" Auch der Unvernünftige wird leicht begreifen, daß unter solchem Zwiespalt, unter solchem Geisteszwang echte Wissenschaft nie und nimmer aufleben kann. So wirkt der Rabbiner aus die Gemeinde und die Gemeinde aus den Rabbiner erschlaffend und versumpfend. Was soll daraus werden? Fr. Mn und Söhne. (5iite Kapuzincrprediql von Pred. M- Scherbel, Gumbinnen. Wir sind uns vollständig des Heiklen bewußt, das in der Behandlung des bezeichneten Gedankens liegt; vollständig bewußt der Unberusenheit des Außenstehenden in Familienangelegenheiten sich einzumischen und Verhältnisse zwischen Eltern und Kindern zur Sprache zu bringen. Wir geben auch zu, daß solches als muffige Arbeit erscheinen kann, weil schwerlich von dem zu Besprechenden Notiz genommen werden wird, dieweil jedermann bei der Gestaltung seines Hauswesens und der Beziehungen der Familienmitglieder zu einander wohl weiß, was er zu thun hat und daher ganz gut von etwaigen diesbezüglichen Anweisungen absehen kann. Allein es sind bereits Stimmen in die Ocsfentlichkeit gedrungen, die zu dieser Frage Stellung genonlmen und zweifellos in bester Absicht ihre Ratschläge dafür erteilt habett. Die betreffenden Aeußerungen sind herausgegangen aus der oft gemachten traurigen Wahrnehmung, daß Eltern hinsichtlich des religiösen Lebens mit ihren Kindern in Gegensatz geraten, daß erstere sich vor die Alternative gestellt sehen: entweder den Wunsch zu unterdrücken, ihre Kinder mit gleicher Gewissenhaftigkeit wie sie selbst das Judentum vertreten zu sehen, oder des unehrbaren Widerspruchs von Seiten ihrer Kinder gewärtig zu sein. Nun hat man sich berufen gefühlt den Eltern anzuraten, in einem solchen Falle es nicht mit den Kindern zn verderben, sie vielmehr frei nad) ihrer eigenen Eingebung walten zu (affen und ihnen nicht die Pflicht des kindlichen Gehorsams allzuschwer zu machen. Ein traurigeres Zeugnis religiöser Verwirrung und Ausartung konnte wahrlich unserm jetzigen jungen Geschlechte nicht ausgestellt werden! Die Eltern sollen milde und nachsichtig sein, wenn es sich um Unterlassungssünden auf religiösem Gebiete handelt. Warurn nicht auch bei denen anderer /Natur? Soll und muß denn immer wieder die Religion und nur die Religion das Aschenbrödel bilden, welchem sich der Leichtsinn, die Frivolität mit einer gewissen Berechtigung nahen dürfen? Unt wie vieles näher läge es nicht, die in Schutz genonlinene junge Welt daran zu erinnern, daß sie Liebe und Verehrung für die Ellern am besten dadurch darlegte, wenn sie deren religiöse Ueberzeugung über die selbst gewonnene stellt, mit dem gebührenden, sich selbst ehrenden Zugeständnis, daß die Eltern erfahrener, weil älter als sie, sicherlich die richtigere Erkenntnis besitzen? Hierin läge gesunde Logik und auch wohl ein gutes Stück Moral. Anders aber verhält es sich, wenn den Eltern zugemutet wird, untreu der übernommenen Ausgabe den selbst ererbten und ans die Kinderpflichtgemäß weiter zu verpflanzenden väterlichen Glauben, diesen als Gegenstand freier Willkür gelten zu lassen, uni mit einem gutmütigen Lächeln das Negieren der religiösen Pflichten zu sanktionieren. Nach ben Worten der Schrift „befrage deinen Vater, und er wird es dir sagen", war es immer Sitte in Israel, daß der Sohn den Vater über das Wesen der Religion befragte und die empfangene Belehrung nicht blos in seinem eigenen