Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 49 (6.11.1895)
- Date
- 1895-11-06
- Page
- Seite 796 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 796. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Taine als die Grundlage der menschlichen Zivilisation bezeichnet, ist wesentlich dem Judentum entnommen, nachdem es durch den Heidenapostcl Paulus, um mit Beaconsfield zu reden, im Christentum popularisiert worden ist. Außerdem hatte das alte Judentum eine Welt von humanen, sozial wie ethisch unvergleichlichen Ideen, welche aus dem jüdischer: Stamm, unter so ungünstigen Umständen, einen unentbehrlichen Kulturträger gemacht haben. Wenn Schopenhauer, in geschichtlicher Verkennung der von Taine so überzeugend verteidigter: Tradition, die Religion als „ein exzellentes Zähmungs¬ und Abrichtungsmittel des verkehrten, ftunwfen und boshafter: bipedischen Geschlechts" bezeichnet, so können wir von: historischen Standpunkt darauf erwidern: keine philosophische Idee, von Tales bis aus Schopenhauer, hat so viel zur kulturellen Entwickelung und zu Nersittlichung der Menschheit beigetragen, wie die Religion; sie ist kein Zähmungsmittel, sondern die Poesie der Menschheit geworden, und zwar eine Poesie, die rricht nur die „gebildeten" Klassen bezaubert und entzückt, sondern auch in die niedrige Hütte des Armen und Elender: gedrungen und den armen Negersklaven ebenso mächtig ergriffen hat wie den geistig hochstehenden Menschen. In der Natur spielt die Illusion eine sehr große Rolle und ist in der Werkstätte des Naturlebens unentbehrlich; noch wichtiger ist sie in dem seelischen Leben des gesitteten Menschen. Ohne Poesie würde das inenschliche Leben eine Einöde, eine unerträgliche Qual, ein tierisches Vegetierei: sein; die rnächtigste und erhabenste Poesie aber ist die Religion, die wir in: Judentun: seit mehr als drei Jahrtausenden und später auch in dessen Töchterreligion zum Heile des urenschlicheu Geschlechts besitzen und deren erziehlicher Einfluß ohne Beispiel in der Geschichte dasteht. Daß dies in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts verkannt worden ist, war für unfern Stamm verhängnisvoll. Vorurteile von der schädlichsten Art haben sich in Bezug aus das Judentun: unter uns selbst eingebürgert, und noch dringender als der Kampf gegen die Vorurteile über die Juden ist der gegen die Vorurteile über das Judentun: geworden. Es wird unsere heilige Pflicht sein, eine ungeheure Zahl von Legenden nach dieser Richtung hin zu zerstören, un: dem Worte Zunzens Geltung zu verschaffen: „Nicht das Judentum, sondern die Juden bedürfen der Reforinen." Wenn aber gefragt wird, wie cs in so kurzer Zeit dahin konnuen konnte, daß das Judentun: von seinen eigenen Bekenner:: so verkannt wird, daß man von demselben mit Gleichgiltigkeit, wenn nicht mit Geringschätzung spricht, daß u:an als Reaktionär gilt, wenn n:an seine ganze Kraft aus die Wiedergewinnung unserer heiligsten Ideale setzt und das Judentun: aus den: Schutt der Verknöcherung und der Verkümmerung herausgraben will: wenn man uns fragt, wie dies gekommen sei, müssen wir zu unseren: aufrichtigen und tiefen Schinerz bekennen: Es sind dies die Sünden der Väter! Unsere Rabbiner. Pro und contra — in Oesterreich*). I. Die alten Rabbiner sterben aus, oder besser gesagt, man läßt sie aussterben. Wenn nur aber von „alten" Rabbinern *) Wir entnehmen diese Artikel der in Wien erscheinenden „Neuzeit." Ob und in welchem Maße Angriff und Abwehr die einschlägigen Verhältnisse in Deutschland treffen, das mögen fach- und sachkundige Leser beurteilen. Red. Nr. 49. sprechen, so meinen wir damit die Rabbiner der alten Schule, natürlich darf man hier unter „Schule" keineswegs den Drill, wie er in kM „modernen" Rabbinerseminarien im Schwange ist, verstehen. Die vorseminarlichen Rabbiner — und es ragen noch rnanche tüchtige derselben aus weltvergessenen Winkel in unsere Zeit hinein — hatten sich ein reiches talmudisches Wissen auf den in ihrer Art ganz merkwürdigen, das scharfsinnige Denken bis zur Zügellosigkeit entwickelnden Jeschiboth geholt und gingen daun auf die Universität, wo sie den mitgebrachten Wissensdurst zu stillen suchten. Hier wie dort lernten sie, um zu lernen, ohne dabei an die Melkkuh des Rabbinats zu denken. Mit ursprünglicher Frische schlürften sie in vollen Zügen aus den: Born der neuen Wissenschaft, für welche sie so viel Empfänglichkeit und Geistesfrische nütg und welche allmählich ihre segensreichen Lichtstrahlen aus die talmudischen Disziplinen zurückwarf und das Dornröschen: jüdische Wissenschaft, zu neuem Leben erweckte. Aus der Universität lernte der eheinalige Talmudjünger überdies geistige Disziplin, methodisches Denken und wissenschaftliche Kritik. Wie mächtig ein solcher, von jedem Zwang und Drill freier Bildungsgang auf die Wiederbelebung der jüdischen Wissenschaft wirkte, haben wir noch vor einem Menschenalter gesehen. Natürlich fuhr auch das Rabbinat dabei gut. Es behielt seinen ehemaligen geistigen Einfluß und Glanz, da seine Träger es mit der Majestät der Wissenschaft schnrückten und ihm geistige Unabhängigkeit verliehen: durch unbeugsame Charakterfestigkeit, welche nur das Produkt einer freien, von: moralischen Zwang unbeeinflußten Erziehung und Unterweisung sein kann. Die Rabbinerseminarien aber, welche seither allenthalben emporblühen, sie haben beides totgeschlagen: die Wissenschaft und das Rabbinat. Das scheint allerdings paradox und inan wäre geneigt, es für eine boshafte Bemerkung zu halten, wenn es nur nicht von den laut schreienden Erfahrungen der letzten dreißig Jahr in so unsäglich trauriger Weise bestätigt würde! Wie aber kam das? Nichts ist einfacher zu erklären: Der junge Mensch tritt in einen: Alter, uw sich sein Herz und Sinn allen: Schönen und Erhabenen anschließen möchten, wo sein Gemüt und Charakter noch bieg- und schmiegsam siüd, in das Seminar, wo ihn: sofort Scheuleder angelegt wird, daß er nicht nach Rechts und nicht nach Links, sondern nur nach der einen, von seinen Meistern ihn: vorgezeichneten Richtung zu schauen dressiert wird. Die Jsolierungsarbeit bringt ihn bald dahin, „daß er nur Einen hört und aus des Meisters Worte schwört". Der Drill — und fügen wir noch bezeichnend hinzu: der „froinme", geistabtötende Drill — hat begonnen. Mit allem ihm zu Gebote stehenden materiellen und moralischen Mitteln bearbeitet das Seminar den Jünger der Theologie, bestutzt das Talent — wenn je ein solches sich dahin verirrt — nach allen Richtungen dermaßen, daß nach Ablauf der Lehrzeit lauter nach Außen und Innen uniformierte Rabbiner ins Leben hinaustreten, die sich bis aus die Geberde, bis auf das Käppchen gleichen. Das Seminar hat alle Unebenheiten nivelliert: jene des Geistes wie des Körpers, jedes Emporstreben, gleichviel ob seine Quelle in: Kopfe oder im Rückgrat liegt, harmonisch geglättet,*) kurz *) Der Talmud hat für solche kahlköpfige Glätte ein überaus bezeichnendes Wort: Kerach mikan wekerech mikan.